Mai 2014 hastuPAUSE Nr. 53 0

Ein Land voller Golems

Die Verfilmung des Bestsellers »Die Bücherdiebin« von Markus Zusak im Review

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

»In all den Jahren habe ich so viele junge Männer gesehen, die der Meinung waren, auf andere junge Männer zuzulaufen. Aber das stimmt nicht. Sie liefen alle zu mir.« So sagt es der Erzähler in der Mitte des Films »Die Bücherdiebin«. Es ist eine Sichtweise, die in wenigen Worten aufzeigt, was Krieg ausmacht: Zwei Parteien rennen aufeinander zu, doch es wird keinen Gewinner geben, nur Verlierer. Der Erzähler muss es wissen, denn es ist der Tod selbst.

Eigentlich hat der Tod schon viele Leute kommen und gehen sehen, doch die Geschichte, die er erzählen möchte, hat ihn auf eine besondere Art und Weise bewegt. Sie handelt von der neunjährigen Liesel Memminger, die zum Zeitpunkt der Handlung 1938, in einem Zug zu ihren Pflegeeltern unterwegs ist. Ihre Mutter wurde verhaftet, ihr Bruder starb während der Zugfahrt. Angekommen in dem fiktiven Ort Molching, muss sie sich zunächst bei ihren Pflegeeltern Rosa und Hans eingewöhnen. Besondere Schwierigkeiten hat sie in der Schule, da sie kein Wort lesen kann. Mithilfe eines Handbuches für Totengräber bringt ihr Hans schließlich das Lesen bei. Außerdem gestaltet er die Wände seines Hauskellers zu einem gigantischen Wörterbuch um, in das Liesel ihre neu gelernten Wörter eintragen kann. Gleichzeitig freundet sie sich mit der Frau des Bürgermeisters an, die einen großen Büchersaal besitzt. So lebt sie zunächst relativ gut in Hitlerdeutschland, bis einige Zeit nach der Reichskristallnacht plötzlich Max auf der Türschwelle steht – ein Jude, dessen Vater Hans im Ersten Weltkrieg das Leben gerettet hat.

Dieser erste Teil des Films nimmt eine lange Zeit in Anspruch, bis er in Gang kommt. Zunächst weiß man nicht so recht, wohin die Geschichte führen wird, und die Szenen, die Liesel und ihr Umfeld vorstellen, wirken unsicher. Die Dialoge werden wie auswendig gelernt aufgesagt, was besonders bei Liesel und ihrem Freund Rudi auffällt. Sind das aber verzeihbare Schwächen, so wiegen die historischen Ungenauigkeiten umso schwerer. Wieso zum Beispiel ist die Schrift in Büchern und auf den Kellerwänden englisch, wenn die Ladenschilder auf der Straße es nicht sind? Natürlich ist der Film, eine deutsch-amerikanische Koproduktion, für ein internationales Publikum gedacht, aber wozu gibt es schließlich Untertitel?

Auch die Darstellung von Hitlerdeutschland lässt gerade in der ersten Hälfte zu wünschen übrig. Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman des Australiers Markus Zusak aus dem Jahr 2005 – wusste dieser noch gut, wie man das Dritte Reich glaubwürdig darstellt, so zeigt der Film nun, wie sich Amerikaner dieses vorstellen: Alle Kontur verliert sich hinter einem rot-weiß-schwarzen Hakenkreuzfahnenmeer, an Hitlers Geburtstag werden nacheinander große Reden, eine Bücherverbrennung und das Deutschlandlied zelebriert, unterlegt mit den damals populären »Sieg Heil«-Refrain. Das ist ein bisschen schade, denn die Bedrohlichkeit des Nazi-Regimes wirkt dadurch zeitweise ein wenig aufgesetzt oder sogar unecht und damit auch verharmlosend.

Harmlos aber ist das alles ganz und gar nicht, und das vermag zum Glück die zweite Hälfte des Filmes zu zeigen. Der Jude Max muss über Winter in den Keller umziehen, da er dort weniger auffällt, bekommt dort unten wenig Licht und erkrankt schließlich. Liesel, die ihn um jeden Preis am Leben erhalten will, fängt nun an, im großen Stil Bücher zu stehlen, denn sie merkt, dass das Vorlesen aus diesen Büchern ihn am Leben erhält. Nicht nur, dass sie sich damit in Gefahr bringt, sie muss auch das Vertrauen ihrer Freundin, der Bürgermeisterin, missbrauchen und den Grund für ihre Diebstähle geheim halten.

Kurz darauf beginnt der Zweite Weltkrieg, und bei dessen Darstellung glänzt der Film. So sieht man zu keinem Zeitpunkt schießende Soldaten, dafür aber Bombenabwürfe aus der Luft, zerstörte Häuser und – am eindrücklichsten – einige Szenen, in denen Familien Abschied nehmen müssen. Wenn der Vater des Nachbarsjungen Rudi seinen Einzugsbefehl erhält oder sich Hans, ebenfalls eingezogen, am Bahnhof von Liesel verabschieden muss, liegt die Ungewissheit in der Luft, die Unvermeidbarkeit und die darin liegende Grausamkeit, die der Film vortrefflich zu zeigen weiß. Hans, der einige Szenen zuvor mit seinem gefühlvollen Akkordeonspiel die angespannt im Bombenkeller wartenden Leute beruhigt hat, lässt Liesel bei Rosa zurück, die bisher eher harsch und unwirsch war. Nun weint sie um ihren Mann und harrt seiner Rückkehr. Nun zahlt sich die ausführliche Charakterentwicklung im ersten Teil der Handlung aus, denn emotional wird der Zuschauer komplett mitgenommen. Gleichzeitig sind die Nazi-Stereotypen aus dem ersten Teil nicht mehr ganz so dick aufgetragen, so dass man wirklich ein Gefühl dafür bekommt, was die Trennung durch einen Krieg bedeuten kann. Tatsächlich ist dieser Teil der Handlung so gut, dass der eigentliche Plot um die Rettung des Juden Max in den Hintergrund tritt – er kann nicht länger im Keller bleiben und macht sich auf die Wanderung in ein anderes Versteck.
Und das ist gar nicht mal so verkehrt, denn diese Art Geschichte haben wir bereits mit dem Tagebuch der Anne Frank. Einen alles neu definierenden Drittes-Reich-Film kann man schon nicht mehr machen, da dieses Thema schon oft behandelt wurde. Es funktioniert also am besten, wenn man »Die Bücherdiebin« nicht als diese Art Film betrachtet, sondern als eine Geschichte vom Erwachsenwerden im Dritten Reich. Darüber hinaus vermittelt der Film auch einiges über Worte, Bücher und Geschichten als Defensivmechanismus. Max erklärt Liesel im ersten Teil des Films den jüdischen Glauben an die »Worte des Lebens« – ohne sie wären Menschen nichts weiter als Lehm. Der Zuschauer denkt dann vielleicht an den jüdischen Mythos vom Golem, ein Lehm­monster in Menschengestalt, das von seinem Meister heilige Worte unter die Zunge gelegt kriegt und damit allen seinen Befehlen folgt. Und wie die Menschen in Nazideutschland quasi selbst zu Golems wurden, sich dem Gehorsam verschrieben und die geistige Elite systematisch auslöschten. All das liegt der Geschichte des Todes zugrunde, und der Film macht klar, was er damit will: nämlich ein Zeichen setzen gegen gefährliche Einsilbigkeit im Denken.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 03.05. 2014 | Bearbeitet: 28.04. 2014 17:57