Okt 2014 hastuPAUSE Nr. 56 0

Die Ruhe vor dem Sturm

Chronik einer Schwangerschaft – Teil 2

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

13. Woche! Die sagenumwobenen ersten kritischen Wochen der Schwangerschaft sind vorüber. Das Kind hat alle Anlagen gebildet, anfängliche Übelkeits- und Schlafanfälle werden allmählich weniger, und im Spiegel strahlt einem das blühende Leben entgegen. So zumindest die Theorie. Doch gibt es Tag für Tag neue Entscheidungen zu treffen, die einem statt strahlender Schönheit tiefe Augenringe ins Gesicht treiben.

Manchmal wochenlang quält man sich mit der Frage herum, wann nun der passende Zeitpunkt sei, den werdenden Großeltern von der frohen Kunde zu berichten. Wie erklärt man seinen stolzen Eltern, dass aus den ehrgeizigen Zukunftsplänen ihrer zielstrebigen Tochter so schnell doch nichts wird? Anstelle mit vollem Tatendrang eine Sprosse nach der anderen die Karriereleiter emporzusteigen, bleibt eben diese nun für die nächste Zeit eingestaubt im Keller stehen.

Ist der gefürchtete Tag des Elternbesuchs endlich da, wird mit Akribie die Wohnung geputzt, der schönste Blumenstrauß gepflückt und ein herrlich duftender Kuchen kredenzt. Es solle schließlich niemand auf den Gedanken kommen, man hätte in seinem zarten Alter noch keine Mutterqualitäten. Erstaunt über die große Mühe, die man ihrem Besuch entgegenbringt, sitzen sie einem nun erwartungsvoll gegenüber, die nichts ahnenden zukünftigen Großeltern. Das ist einer der wenigen Momente, in denen man sich sehnsüchtig ein Glas Sekt wünscht, damit einem die Worte leichter über die Lippen kommen. »Mama, Papa, ihr werdet Großeltern!«

Langsam weiten sich die Augen der überraschten Gäste auf Mandarinengröße, während die Fingerspitzen zaghaft den Haaransatz abtasten. »Sehen wir denn wirklich schon so alt aus? Oma und Opa, wie sich das anhört.« Der nachfolgende sorgfältig vorbereitete Vortrag über Finanzierungsmöglichkeiten, Elternzeit und Kinderbetreuungsangebote als studierende Mutter wirkt in dieser Situation zwar eher weniger beruhigend, doch ein paar graue Haare und Sorgenfalten mehr werden den beiden in ihrer neuen Rolle nicht abträglich sein.

Nackenfaltentransparenzmessung

Nachdem freudestrahlend nun der erste Punkt der langen Liste an Erledigungen abgehakt werden kann, fällt einem noch am gleichen Abend der meterhohe Berg an Unterlagen und Informationsmaterial in die Hände, die man bei seinen regelmäßigen Arztbesuchen zum Lesen mitbekommt. Da sich diese eher weniger als Gutenachtlektüre eignen, wurde in den letzten Wochen noch gekonnt der Versuch unternommen, diese zu ignorieren. Auf Grund der immensen Höhe dieses Broschürenturms beginnt man nun Schritt für Schritt, diesen abzubauen. Toxoplasmose, Streptokokken, Ringelröteln, oraler Glykosetoleranztest, Nackenfaltentransparenzmessung, Ersttrimesterscreening, Amniozentese, Gestationsdiabetes, Chlamydia-trachomatis-DNA, Präeklampsie und Zytomegalie-Immunität. Was sich anhört wie die Namen außerirdischer Lebensformen aus Serien wie »Star Trek« oder »Raumschiff Voyager«, sind in Wirklichkeit Erkrankungen, Gendefekte oder wärmstens empfohlene Laboruntersuchungen, von denen die meisten noch nie etwas gehört haben, die jedoch in der Schwangerschaft eine Rolle spielen können. Und schon wieder steht man vor einer Reihe von Entscheidungen.

Alleingelassen mit sich und seinen Gedanken hat man nun die Vor- und Nachteile dieser Untersuchungen abzuwägen und für sich die Konsequenzen zu ziehen. Welche dieser Tests sind tatsächlich in meiner Situation sinnvoll? Wie gehe ich mit Diagnosen um, die nicht meinen Wünschen entsprechen, und wie sicher sind diese statistischen Werte überhaupt? In den zumeist nur zehnminütigen Arztgesprächen bleibt für derlei Sorgen nur wenig Zeit, und die Einträge zu diesen Themen in Internetforen stiften oftmals nicht weniger Verwirrung.

Glücklicherweise finden sich verborgen zwischen all diesen Papieren auch einige Visitenkarten von Hebammen. Beim genauen Betrachten stellt sich schnell heraus, dass diese ein ganz unterschiedliches Angebot an Leistungen für die Schwangere, Gebärende und spätere frischgebackene Mutter aufweisen. Gerade als schwangere Studentin kann es sehr hilfreich sein, sich frühzeitig nach einer Hebamme umzuschauen, die die Schwangerschaft begleitet. Die lästigen Vorsorgeuntersuchungen, die abgesehen von den drei empfohlenen Ultraschallterminen allesamt auch von einer Hebamme durchgeführt werden können, können so gleich mit netten und zumeist sehr hilfreichen Gesprächen kombiniert werden. Gerade wenn die Eltern weit weg wohnen und man selbst die Erste im Freundeskreis ist, die ein Kind erwartet, ist es sehr wohltuend, sich jederzeit Rat und Hilfe holen zu können. Sei es bei Sorgen wegen einer nicht in der Norm liegenden Gewichtszunahme, einem niedrigen Blutdruckwert, Geburtsängsten oder einfach nur der Wahl der nötigen Erstausstattung bei diesem schier endlos erscheinenden Angebot.

Thomas (CC BY 2.0)  www.flickr.com/photos/_-o-_/8565614146

Thomas (CC BY 2.0)
www.flickr.com/photos/_-o-_/8565614146

Heiß begehrtes Geburtshaus

Bei all den Vorteilen ist es hingegen gar nicht so einfach, für sich die passende Art von Hebamme auszusuchen. Denn dazu ist es nötig, noch bevor man überhaupt verinnerlicht hat, schwanger zu sein, sich mit der Frage zu beschäftigen, wo beziehungsweise wie der zukünftige Erdenbewohner eben diese zum ersten Mal betreten soll. Möchte ich eine Geburt in meiner gewohnten Umgebung bei mir zu Hause? Fühle ich mich unter den Augen der Ärzte im Krankenhaus am wohlsten oder entscheide ich mich für eine außerklinische Geburt im Geburtshaus? Wenn tatsächlich mit einer außerklinischen Geburt zu Hause oder im Geburtshaus geliebäugelt wird oder auch einfach nur seine bereits bekannte Hebamme im Krankenhaus dabei sein soll, ist Eile gefragt. Obwohl sich nur circa zwei Prozent der Gebärenden in Deutschland für eine Geburt außerhalb der Klinik entscheiden, ist gerade diese Möglichkeit der Geburt in Halle heiß begehrt und die Plätze rar. Daher empfiehlt es sich, sich trotz der geringen Anzahl an überstandenen Schwangerschaftswochen mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Und so wächst die Anzahl der Häkchen am Rand der eigens erstellten Schwangerschafts-to-do-Liste. Trotz des nur langsam wachsenden Bauches und der sehnsüchtig erwarteten ersten spürbaren Tritte des Ungeborenen wird man jeden Tag ein kleines bisschen mehr zum Experten. Projekte wie die ersten Kindergartenbesichtigungen, abenteuerliche Expeditionen in Einrichtungsgeschäften, der Geburtsvorbereitungskurs oder die spannende Frage nach dem passenden Namen für den Nachwuchs brauchen so nicht mehr lange auf sich warten zu lassen.

Über Johanna Wege

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Erstellt: 31.10. 2014 | Bearbeitet: 31.10. 2014 22:40