Mai 2014 hastuINTERESSE Nr. 53 0

Die Fluten verschlangen Millionen

Wieso wurde das Multimediazentrum vom Hochwasser zerstört? Die Geschichte von einem Bauprojekt neben dem Fluss, bei dem die Naturgewalt Wasser ignoriert wurde.

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Fünfzehn Jahre ist es nun her: Der hallische Stadtrat beschloss 1999, ein Multimediazentrum (MMZ) zu bauen. Von den 33 Millionen Euro Gesamtkosten zahlte die Stadt neun Millionen und das Land Sachsen-Anhalt 24 Millionen Euro.
Daraufhin wurde 2002 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Diesen gewannen die Architekten Nadja Letzel und Jochen Freivogel, sie durften das MMZ konzeptionieren. Als die Bauphase begonnen hatte, wurde die Baugrube durch ein Hochwasser mit 6,69 Metern geflutet. Der Schaden betrug 50 000 Euro, das Bauprojekt wurde vorerst gestoppt. Der damalige Gründungsgeschäftsführer Udo Schumann leitete den Bau des Hauses. Er fuhr nach Magdeburg zur Landesregierung, um mehr Geld für den Hochwasserschutz zu bekommen. Das Land Sachsen-Anhalt verweigerte sein Anliegen, die Begründung lautete: Es würde erst wieder in 100 Jahren ein Hochwasser geben. Sollte Schumann trotzdem mehr ausgeben, hätte er mit einer Anzeige wegen Veruntreuung von Steuergeldern zu rechnen.

Schließlich wurde das MMZ im Juni 2007 eröffnet. Neben Professoren und Studenten bezogen viele Medienfirmen, Designer, Architekten das MMZ. Doch schon vier Jahre später gab es in Halle das nächste Hochwasser, aber da konnten das THW und die Feuerwehr das Gebäude vor Schäden bewahren.

Bis zum Jahr 2013 verschlang das MMZ weitere zwei Millionen Euro an Betriebskosten. Im Klartext: Es musste ständig etwas repariert werden, gezahlt hat das die Stadt Halle. Allein die klimafreundliche Sanierung, also einen Sonnenschutz zur Schonung der Klimaanlagen, kostete die Stadt weitere 800 000 Euro.
Im Sommer 2013 trat die Saale erneut über die Ufer, das nächste Hochwasser stand vor der Tür. Die Schutzmauer mit Sandsäcken, eine mobile Spundwand, die Feuerwehr und das THW konnten das Gebäude dieses Mal nicht schützen. Es entstand ein Schaden von rund 20 Millionen Euro, allein darin sind 2,3 Millionen Euro für die Ufermauer, die ersetzt werden muss, mit inbegriffen. Um die Gesamtkosten zu begleichen, will das Land Sachsen-Anhalt dieses Geld aus dem Fluthilfefonds des Bundes beisteuern.

Unklar bleibt aber weiter, ob das MMZ am bisherigen Standort bleibt. Im Juli 2013 wurde den Mietern gesagt, dass sie im September des Jahres wieder einziehen könnten. Viele taten genau das, schließlich sollte das Multimediazentrum dort bleiben. Doch Ende Januar 2014 stellte Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) das Schadensgutachten für das Gebäude vor: Das ganze Untergeschoss und die Tiefgarage waren überflutet worden. Zerstört wurde auch die Kinotonanlage für den Kinosaal im vorderen Gebäude, welche eventuell im Oktober 2014 für knapp eine Million Euro neu gebaut werden soll. Es stand die Frage im Raum, ob sich eine Sanierung am bisherigen Standort tatsächlich lohnen würde. Der Stadtrat beschloss am 10. März, die Tonanlage zu ersetzen, sogar die Versicherung würde vielleicht 930 000 Euro dafür zahlen. Doch wer bezahlt eine neue Lüftung für 15 000 Euro? Wer macht die Tiefgarage und das Untergeschoss wieder betriebstüchtig? Der heutige Leiter des MMZ Andreas Nowak gab zu, für den weiteren Betrieb erneut ein Darlehen von 350 000 Euro bei der Stadt Halle beantragen zu müssen.

Die Stadt überlegt also, das MMZ umzusiedeln, das geht aber nur mit Zustimmung des Landes. Schon vor 15 Jahren, als 1999 der Neubau geplant wurde, gab es eine Debatte, welcher Platz in Halle für das Multimediazentrum geeignet wäre. Unter anderem war die Baugrube am Hallmarkt im Blickwinkel, die es heute noch gibt. Denn hier wären die Medienfirmen auch direkt neben dem MDR, und in der Innenstadt ist die Vernetzung generell besser. Den Bürgern sollte das Gebäude ins Auge springen: Die Landesregierung wollte einen »Leuchtturm für Sachsen-Anhalt« daraus machen. Auch die Staatskanzlei bevorzugte einen futuristischen Bau aus Glas und Metall. Doch die Kosten für den Kauf dieses Baulochs wären immens gewesen. Stattdessen hat man ein günstigeres Grundstück am Saaleufer gekauft und teuer gebaut.
Immerhin ist die Standsicherheit nicht gefährdet. Die Auftriebspfähle im Fundament, die sich unter dem Gebäude befinden, haben keinen Schaden erlitten. Auch die oberen Etagen, also dort, wo sich die Studierenden der Medien- und Kommunikationswissenschaften befinden, ist alles heil geblieben. Außerdem sind 52 der ehemals 62 Mieter wieder in ihren Büros.

Selbst wenn der neue Standort im Technologie- und Gründerzentrum am Weinbergweg 23 sein sollte, würde das Land für diesen Neubau auch nur die 20 Millionen Euro aus dem Fluthilfefonds bereitstellen. Entweder wird mehr Geld in den Hochwasserschutz investiert oder das Gebäude wird umgesiedelt. Die Entscheidung vom Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Halle bleibt abzuwarten.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Trotzdem ist sie irgendwie Chefin der "hastuzeit" geworden. Aber viel wichtiger ist, das, wenn sie Artikel schreibt, schwillt ihr Herz zu einer großen Blase voller Freude an, fast genauso groß, wenn sie Snowboard fährt.

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Erstellt: 02.05. 2014 | Bearbeitet: 28.04. 2014 17:52