Jun 2014 hastuPAUSE Nr. 54 0

Der Dementor in mir

Versagensängste, Traurigkeit, Gefühlslosigkeit – all das kennt man, und jeder ist ab und an mal traurig oder schlecht drauf. Doch die extremere Variante dieser Gefühle kann zu Depressionen führen.

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Die erste Begegnung mit meinem Monster war mir zunächst einmal gar nicht als solche bewusst. Das erste Treffen fand ohne Einladung meinerseits statt. Manche Gäste stehen einfach ohne Rücksicht auf den Gastgeber in der Tür, manche laden sich einfach selbst zu Partys ein.

Auch dieser Gast verdrängte mit vollkommener Dreistigkeit alle anderen Gäste, indem er sich wie ein Dementor durch die Menge bewegte. Hungrig fraß er dabei alle lebensbejahenden Anwesenden auf. Die zu beklagenden Opfer waren unter anderem die Sinnhaftigkeit des Lebens, die Freude, die Bedeutsamkeit der schönen Dinge, der persönliche Selbstwert, der Glaube an die eigenen Kompetenzen, das Gespür für sich selbst, die Aufgeschlossenheit anderen gegenüber und das gesunde Empathievermögen. Zurück blieben indes Gefühllosigkeit bei gleichzeitiger großer Traurigkeit, Versagensängste und Verlustangst.

Nach der Feier und ihrem unvorhergesehenen Verlauf befand ich mich in einer nicht mehr weichen wollenden Schockstarre, die mich in zunehmendem Maße vollständig lahmlegte. Plötzlich schien ich anders zu sein als alle anderen, obwohl niemand sonst das Monster sehen konnte. Ich fühlte mich zunehmend ausgeschlossen und trotz der Zweisamkeit mit meinem Untier sehr oft unfassbar allein. Das Monster isolierte mich von allem und allen, die mir sonst nahestanden. Selbst die engsten Vertrauten konnten meine Lage nicht mehr nachvollziehen, niemandem konnte ich mich verständlich machen.

Wenn man so ein Monster im Kopf hat, sind jegliche Worte unzureichend, um die eigene aktuelle Gefühlslage zu beschreiben. Bei meinen Erklärungsversuchen stieß ich so oft auf Unverständnis, dass die Wut begann, sich in mir auszubreiten und in mir einzurichten. Sie wurde zur besten Freundin meines Monsters. In einem Chaos aus einem Widerstreit der Gefühle und einer unglaublichen Leere schlitterte ich immer wieder in abwechslungsreiche Formen der Bewegungs-, Denk-, Reaktions- und Handlungsblockade hinein.

Das Monster nahm bald vollständig Besitz von mir und erinnerte mich ganz nach Belieben in den verschiedensten Bereichen an seine Anwesenheit. So schmerzte heute der Kopf, morgen der Rücken. Die Kehle war wie zugeschnürt, der Appetit verschwand zeitweise ganz, die Anzeige der Waage schlug in sämtliche Richtungen aus. Das Herz raste, die Brust war eng, manchmal fühlte es sich sogar an, als steckte ein riesiges Messer tief in ihr drin. Ich war geplagt von einer inneren Unruhe, als wenn ich kurz vor eine Prüfung stünde, und gleichzeitig legte mich eine anhängliche Erschöpfung lahm, so dass die Gedanken in meinem Kopf stockten und der Körper sich den angestrebten Bewegungen schlichtweg nur noch widersetzte. Die Muskeln blockierten, der Kopf blockierte, Worte gingen verschütt und wollten mir einfach nicht mehr einfallen.

Einher ging diese große Gesamt-Blockade mit Schlafstörungen. Entweder ich schlief den ganzen Tag und war einfach nicht fähig, das Bett zu verlassen oder konnte gerade mal einen Umzug aufs Sofa bewältigen, oder ich schlief überhaupt nicht oder schreckte ständig auf – oder Albträume plagten mich.

All das, was in mir brodelte, musste irgendwohin. Und so suchte sich meine Psyche meinen Körper als Schaufläche ihres Leidens: nachts knirschte ich vor lauter Anspannung mit den Zähnen, das ganze Gesicht und der Rücken waren verkrampft und verspannt, der Magen rebellierte, produzierte viel zu viel Säure, verursachte mir Bauchschmerzen und/oder Übelkeit, die ganze Verdauung lag generell lahm. (Die besondere Ironie darin war, dass meine Therapeutin mich später dann dazu anhielt, mich unter Leute zu begeben, Spaß zu haben, mich sozial einzubinden. Aber wie, wenn man sich ständig fühlt wie ein Kugelfisch und eigentlich nur mal in Ruhe aufs Klo müsste. Ohne Leute, die dann mitbekommen, dass man da des Öfteren mal hin muss …) Auch meine Haut hatte zu leiden und wurde unansehnlich, die Haare stumpf und störrisch, oder sie fielen mir sogar aus.

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Wie man sieht, war mein Monster also ziemlich einnehmend, schreckte nicht davor zurück, von meinem Körper Besitz zu ergreifen und von meinem Geist ja sowieso. In den dunkelsten Stunden fiel ihm selbst meine Libido zum Opfer.
Nach außen war von alledem wohl nicht besonders viel zu bemerken. Das jedoch machte meine Misere nur noch schlimmer. »Wieso, dir geht«s doch gut, und «nen kleinen Durchhänger haben wir alle mal …!« Ich aber wusste, wie finster es in mir aussah, jedenfalls konnte ich deutlich all die physischen Symptome an mir wahrnehmen. Genau diese waren es dann, die mich zum Gang zum Hausarzt veranlassten. Dass meine körperlichen Beschwerden und meine negativen Gedankenspiralen allerdings zusammenhingen, das war mir wirklich nicht klar. Erst der Arzt gab schließlich meinem Monster einen Namen: Er lautete ab sofort »Depression«.

Wie? Ich bin krank?!

Neben meinen sonstigen alltäglichen Verpflichtungen, die mir ohnehin schon permanent über den Kopf wuchsen, weil sie sich zu bedrohlich wankenden Türmen vor mir aufbauten, musste ich mich nun auch noch mit der Diagnose arrangieren. Ich war eben nicht nur einfach traurig oder wehleidig, ich hatte eine ernsthafte Erkrankung!
Ich machte mich auf die (teils lange und beschwerliche) Suche nach einem Therapierenden. Neben diesem Kraft raubenden Akt des Rumtelefonierens, Nur-Anrufbeantworter-Erreichens oder des Von-Menschen-am-anderen-Ende-der-Leitung-abwimmeln-Lassens hatte ich mit Einkaufen, Müll-Runterbringen, Wohnung-Putzen, Rechnungen-Bezahlen und so weiter zu kämpfen. Ganz zu schweigen von meiner eigenen Körperpflege. Manchmal war schon der Weg unter die Dusche zu weit, die Anstrengung, sich anschließend auch noch abtrocknen zu müssen, zu groß. Die Kämpfe, die ich auszufechten hatte, fielen dementsprechend mal mehr, mal weniger zufriedenstellend aus.

Gefechte mussten nicht nur daheim, sondern auch in der Uni ausgetragen werden. Ständig war ich hin- und hergerissen zwischen »Nein, keiner soll wissen, was mit mir los ist!« und »Aber ich will doch, dass die anderen mich verstehen und mich nicht zu Unrecht verurteilen!« Immerhin war ich nicht zu faul oder zu doof fürs Studium, sondern … ich konnte einfach nicht! Mich nicht mehr auf die Texte konzentrieren, vor anderen reden (»Oh Gott, alle mustern mich und denken doch, ich bin dumm!«), meine Arbeiten pünktlich abgeben. Depression ist Blockade. Und diese bekam ich ordentlich zu spüren. Mein Kopf tat einfach nicht, was ich wollte – das Monster war stärker als ich und mein Wille.

Der zusätzliche Haken, an einer Depression zu leiden, ist das noch immer mit der Krankheit verbundene Stigma. Wer gibt schon gern zu, dass er (pscht, aber erzähl das wirklich nicht weiter!) unter einer (Hand vor den Mund gehalten) (oh nein) psychischen (!!!) Erkrankung leidet?!

Der Druck, den man sich selbst macht, zu schweigen, die Fassade aufrechtzuerhalten, mitzuspielen, sich nichts anmerken zu lassen, macht es nicht gerade besser. Im Gegenteil, man fühlt sich ausgeschlossener denn je, und offensichtlich ist man der/die einzige »Verrückte«, denn in der Uni hört man ja eigentlich nichts von der Krankheit. Als wäre sie nicht da. Aber sie ist es!

Unberechtigterweise schämen sich viele der Betroffenen für ihr Leiden, befürchten Redereien und Benachteiligungen. Dass es sich trotz der Angst vor Stigmatisierung lohnt, über die eigene Betroffenheit zu sprechen, können Studierende der MLU seit August 2013 in den beiden Selbsthilfegruppen sehen, die mit Unterstützung des Studentenwerks gegründet wurden. Mit diesen Gruppen haben sich Betroffene eine Plattform für einen ehrlichen und häufig sogar sehr selbstironischen Austausch geschaffen. Endlich Platz, offen über sich und sein Monster zu reden!
Wer glaubt, dass er oder sie selbst einen so ungebetenen Gast namens Depression haben könnte, findet in a) dem/der Hausarzt/-ärztin, b) der Psychosozialen Beratung (http://www.studentenwerk-halle.de/beratung/psychosoziale-beratung/) beziehungsweise der c) Behindertenvertretung des Studentenwerks (http://www.studentenwerk-halle.de/beratung/studieren-mit-chron-krankheitbehinderung/) eine gute und wichtige Anlaufstelle, um den fiesen Eindringling wieder loszuwerden. Auch wenn es vielleicht Überwindung kostet: traut Euch. Und stellt Euch Eurem Monster!

Text: Friederike Schmook und Henriette Vogel

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 13.06. 2014 | Bearbeitet: 01.11. 2014 19:25