Jun 2014 hastuPAUSE Nr. 55 0

Der botanische Garten

Unter Naturwissenschaftlern und inzwischen auch vielen Kunststudenten hat er sich schon zu einer echten Alternative zur Peißnitz entwickelt.

Foto: Christian Schoen

Lotoseffekt: Das Original.

Foto: Christian Schoen

Der Eintritt ist für Studenten kostenlos, die Ruhe und Eindrücke, die man dort finden und genießen kann, sind dagegen unbezahlbar, denn der botanische Garten bietet weit mehr als nur Pflanzen. Er stellt auch ein ideales Habitat für die verschiedensten Tiere dar. Zudem dient er als Anlaufpunkt für Wissenschaftler aus aller Welt, die lebendes oder herbarisiertes Pflanzenmaterial für ihre Forschungen benötigen. Auch Architekturinteressierte kommen hier auf ihre Kosten. So ist die turmförmige Sternwarte einst vom berühmten Architekten Langhans kreiert worden. Sein bekanntestes Werk ist das Brandenburger Tor in Berlin.

Es ist Zeit für eine kleine Tour durch den botanischen Garten unserer Studentenstadt. Wir beginnen unseren Rundgang am Haupteingang.

Hallische Drachen auf Wanderschaft

Vorbei am Kassenhäuschen finden wir zur Linken einen kleinen, flachen Teich mit klarem Wasser. Darin entdecken wir sofort die zahlreichen kleinen Kaulquappen. Es handelt sich dabei um die Larven der Erdkröte, die ganz nebenbei als natürlicher Schädlingsbekämpfer den Gärtnern beim Kampf gegen zu viele Nacktschnecken und andere potenzielle Schädlinge behilflich ist. Die Erdkröten suchen nur im Frühjahr die Teiche des botanischen Gartens auf und leben sonst nur an Land. Nach der Eiablage verlassen sie das Wasser wieder, um weiter ihrer ehrenwerten Arbeit in der Regulierung von Schädlingen nachzugehen.

Die Kaulquappen ernähren sich überwiegend von Algenaufwuchs, den sie von Steinen und Blättern abweiden. Wer sich vom eifrigen Fressverhalten der Tierchen überzeugen möchte, der kann dies am eigenen Leib spüren, indem er/sie einfach die Hände ins kühle Nass hält. Schon nach wenigen Sekunden beginnen die kleinen Kaulquappen die Hände nach losen, mikrofeinen Hautschuppen abzusuchen. Eine Hautpflege der ganz besonderen Art.

Wer genau hinschaut, sieht, dass die Kaulquappen nicht die einzigen Bewohner des Teiches sind. Eidechsenähnlich anmutende Teichmolche schwimmen ebenfalls im Teich umher. Sie bestechen durch ihre beeindruckende Farbenpracht und sehen mit ihrem Hauptsaum über dem Rücken und dem Schwanz aus wie kleine Drachen. Auch sie wandern nur einmal im Jahr in die Teiche ein, um sich zu paaren und Eier zu legen.

Im Moment kann man oft noch die aufwändigen Balztänze der Männchen beobachten, die auf fast schon aufdringliche Art und Weise die Weibchen permanent verfolgen und von ihrer Schönheit überzeugen wollen. Ist das Balz- und Paarungsgeschehen vorbei, bilden sich die auffälligen Kämme und Farben zurück, und die Tiere verlassen wieder das Wasser, um sich an Land als natürliche Schädlingsbekämpfer nützlich zu machen.

Hin und wieder zieht der Reichtum an Amphibien auch bis zu über einen Meter lange Ringelnattern an die Teiche, die in geschickter Weise den Molchen und Kröten über und unter Wasser nachstellen. Für uns sind diese Schlangen absolut ungefährlich.

Tropische Schönheiten zum Anfassen

Wenn wir den Weg weitergehen, laufen wir an seltenen Pflanzen vorbei, die das Herz eines jeden Kenners höher schlagen lassen. Einem leichten Linksknick folgend entdecken wir schließlich die ersten Gewächshäuser. Dort machen wir einen kleinen Abstecher nach links und betreten das relativ flache Viktoriahaus. In diesem tropischen Gewächshaus warten einige Kuriositäten darauf, entdeckt zu werden. So bietet sich die Möglichkeit, gleich rechts neben der Tür eine echte Lotospflanze kennenzulernen. Ihre Blätter ragen an langen Blattstielen fast bis auf Augenhöhe über die Wasseroberfläche hinaus. Hier kann man sich vom Lotoseffekt überzeugen, indem man einfach eine Hand voll Wasser auf die Blätter fließen lässt. Erstaunt werden wir sehen, wie das Blatt trotz der Dusche absolut trocken bleibt. Ein dichter, ganz feiner Film aus Wachskristallen lässt keinerlei Schmutz oder Wasser auf den Blättern haften.

Foto: Christian Schoen

Kannenpflanze.

Foto: Christian Schoen

Eine tückische Falle in Form eines grünen Teekännchens

Das Viktoriahaus ist auch der Lebensraum für Kannenpflanzen. Diese sind echte Fleischfresser. Mit süßlichem Duft werden vor allem Insekten, bei großen Arten auch kleine Säugetiere, angelockt, die an den rutschigen Wänden in das flüssigkeitsgefüllte, kannenförmige Laubblatt der Pflanze rutschen. Was wie harmloses Wasser aussieht, beinhaltet eiweißzersetzende Enzyme, die die Opfer der Kannenpflanze nach und nach auflösen, um sie zur Deckung ihres eigenen Stickstoffbedarfs für die Produktion eigener Eiweiße einzusetzen.

Ein Mülleimer in den Wipfeln der Bäume

Wenn wir durch den kleinen Gang weiter nach rechts gehen, sehen wir auf der linken Seite in circa zwei Meter Höhe kurz vor der Tür zum nächsten Gewächshaus eine eigenartige Pflanze, die die Form eines Mülleimers hat. Hierbei handelt es sich um den Geweihfarn, der im Regenwald auf Bäumen wächst. Dort oben hat er, im Gegensatz zu anderen Pflanzenarten am schattigen Urwaldboden, ausreichend Licht, aber dafür keinen Boden, den die meisten Pflanzen brauchen, um Nährstoffe über die Wurzeln aufnehmen zu können. Der Geweihfarn hat eine ausgefallene Taktik entwickelt. Er macht sich seinen Boden einfach selbst. Manches an Pflanzenmaterialien, toten Tieren oder Ähnlichem, was von den Bäumen fällt, auf denen er wächst, fällt in sein trichterähnliches Gebilde aus eigenen Laubblättern. Dort beginnt es wie im Komposter zu verrotten, sodass sich dieser lebende Mülleimer des Urwaldes vom Nährstoff­angebot des Bodens unabhängig machen konnte. So geht diese Pflanze auch dem erbitterten Konkurrenzkampf der anderen Pflanzen um Bodennährstoffe und Raum aus dem Weg und kann sich eines entspannten Lebens in herrlicher Lage erfreuen.

Foto: Christian Schoen

Florettseidenbaum.

Foto: Christian Schoen

Vorsicht vor den Riesenfaultieren

Gehen wir weiter durch das anschließende Gewächshaus, erblicken wir nach dem Verlassen desselben das größte und mit über 100 Jahren älteste Gewächshaus des Gartens. Beim Eintreten spüren wir wieder tropisches Klima. Wenn wir den Gang gegen den Uhrzeigersinn gehen, erblicken wir nach einigen Metern einen extrem merkwürdigen Baum, dessen Rinde vollständig mit harten, spitzen Dornen bestückt ist. Es handelt sich hier um den Florettseidenbaum. Diese Art lässt sich als lebendes Fossil bezeichnen, denn sie hat sich im Laufe von mehr als 5 Millionen Jahren kaum verändert.
Die dichte Bestachelung diente einst als Fraßschutz vor Riesenfaultieren, die teilweise schwerer als heutige Elefanten waren. Da der Pflanze das Anlegen des dichten Stachelkleides nach dem Aussterben des Riesenfaultieres offensichtlich nicht zu energieaufwändig gewesen ist, hat die Natur dieses altertümliche Merkmal bis heute überdauern lassen.

Vögel im Gewächshaus?

Fast bei jedem Besuch dieses Gewächshauses vernimmt man immer wieder ein Zwitschern aus verschiedenen Richtungen. Oft suchen die Gäste nach Vögeln oder einem Lautsprecher, der das Tropenambiente technisch untermalen soll. Die wahre Antwort ist viel kleiner und unscheinbarer. Im Gewächshaus lebt eine gesunde Population an Pfeiffröschen. Die kaum vier Zentimeter kleinen, schlicht braun gefärbten Tierchen leben hier unter Steinen, Holz und zwischen den Blättern der Pflanzen um uns herum. Prinzipiell wird man in diesem Haus also aus allen Winkeln beobachtet. Mit etwas Glück findet man einen dieser stimmgewaltigen Gesellen zwischen den Blättern der Bromelien. Die Pfeiffrösche gehören zu den ehrenamtlichen Helfern des Gartens gegen verschiedene Schädlinge, sodass der Einsatz von Giften auf ein absolutes Minimum beschränkt werden kann. Im Gegensatz zu fast allen anderen Fröschen sind die Pfeif­frösche hinsichtlich ihrer Fortpflanzung von Gewässern unabhängig. Alle Kaulquappenstadien durchleben die Winzlinge noch in ihren Eihüllen. Beim Schlüpfen erblickt ein fertig entwickeltes kleines Abbild der Eltern das Tageslicht.

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage 10.00 bis 18.00 Uhr

Über Matthias Neumann

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Erstellt: 29.06. 2014 | Bearbeitet: 28.06. 2014 21:14