Mai 2014 hastuINTERESSE Nr. 53 0

»Das verfluchte dritte Auge«

Studiengeflüster 263 Studiengänge an 10 Fakultäten bietet die MLU, eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer neuen Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor, die sie gern einmal mit Euch teilen möchten. Teil 2: »Das verfluchte dritte Auge«

Protest der Medien- und Kommunikationswissenschaften auf der Marktplatz in Halle am 12. März 2014. Foto: Christian Schoen (CC BY-NC-SA 2.0) http://www.flickr.com/photos/ineedadollar/13123133855/

Protest der Medien- und Kommunikationswissenschaften auf der Marktplatz in Halle am 12. März 2014.
Foto: Christian Schoen (CC BY-NC-SA 2.0) http://www.flickr.com/photos/ineedadollar/13123133855/

»Und vergesst nie mit dem dritten Auge zu sehen!«, fügt Prof. Lampe noch schnell an sein Schlussplädoyer hinzu, bevor er seinen Vortrag über Kameraeinstellungen beendet: Shot-Reverse-Shot, Over-Shoulder-Shot, Point-of-View-Shot. Die Vorlesung über die Film- und Fernsehanalyse ist schon längst vorbei – aber eine Melodie gleich klingenden Begriffen surrt noch immer wie ein monotones Echo in meinem Ohr.

Um auf andere Gedanken zu kommen, hole ich mein Smartphone aus der Tasche. Ein grün blinkendes Nachrichtensymbol zieht meine volle Aufmerksamkeit auf sich, ich höre es schreien: »Öffne mich!« Weil ich Mitleid mit dem kleinen grünen Nachrichtensymbol empfinde, lese ich die Nachricht und stolpere über eine Bordsteinkante. Meine Mutter schickt mir mal wieder ein angeblich »superwitziges« Youtube-Video. Ich muss gähnen. Es geht um »Erdbeerkäse-Nadine«. Bei »Terri…Terri…torium« lache ich plötzlich laut auf. Die ältere Dame neben mir funkelt mich böse an. Mein Lachen verstummt abrupt, weil ich an das Seminar zu Medientheorie bei Frau Dittmar denken muss: Unterschichtenfernsehen, Enzensberger, Kultur der Armut. Diese Szenen eines Referats über das »Fernsehen von unten« erscheinen vor meinem inneren Auge. Was fasziniert Menschen an dieser Serie? Warum muss ich darüber lachen?

Und schon ist mein drittes Auge aktiviert und ich stecke mitten in einer psychoanalytischen Auseinandersetzung, die den gesamten Nachhauseweg in Anspruch nimmt. Mein Kopf brummt, meine Füße tun weh. Ich brauche Entspannung, zwei Gutscheine fürs Kino! »Perfekt«, denke ich und stehe kurz darauf mit einer Freundin in einem schummrig beleuchteten Foyer vor dem Kinosaal. Es riecht nach Popcorn und ein bisschen nach Käsefuß. Wir betreten den Saal und laufen den Gang bis ganz nach oben, um in der letzten Reihe sitzen zu können. Der Raum ist bis auf das Licht von der Leinwand vollkommen dunkel. Der erste Trailer erscheint und ich sinke tief in meinen samtigen Sessel. Die Werbeanzeige von Anker FM erscheint. »Übrigens, dein Uniradio!« Diesen Satz würde ich am liebsten laut durch den Kinosaal brüllen. Ein Gefühl der Euphorie durchströmt mich, denn das Tonstudio im MMZ ist durch die Arbeit im Radio ein zweites Zuhause für mich geworden. Moderieren, schneiden, interviewen – alles selbstgemacht und niemand hört es. Eigentlich auch gut so: Ich denke an falsch gedrückte Knöpfe und Wörter, die gar nicht existieren. »Anker FM? Pff! Was ist das?«

Die sinnlosen Gedanken in meinem Kopf, das dröhnende Husten neben mir und das Popcornknirschen vor mir verschwinden, als endlich laute Musik aus den Lautsprechern an den Wänden dringt. Ich blicke zur Seite und sehe, dass die ganze Reihe wie gebannt nach vorne in Richtung Leinwand starrt. »Du?« flüstere ich, doch meine Freundin reagiert nicht. Erst als ich sie mit dem Ellenbogen anstupse, flüstert sie leise: »Was denn? Sorry, ich war grad so gefesselt!« Ich vergesse, was ich ihr sagen wollte, denn Bilder vom Höhlengleichnis Platons vernebeln meine Gedanken. Ich sehe gefesselte Gestalten vor einer Feuerstelle, die die Schattenbilder vor sich auf der Höhlenwand für Realität halten. Baudrys »Kino-Dispositiv« geistert im Saal umher: Architektur, Popcorn, Zuschauer, Technik, Licht – all das nehme ich überdeutlich wahr. Das netzartige Zusammenwirken dieser Elemente ist das Dispositiv – mir fallen Passagen aus Foucaults Werken ein.

Genervt versuche ich, diese Gedanken abzuschütteln und konzentriere mich jetzt voll und ganz auf den Film vor mir. Mitreißende Melodien und schnelle Dialoge lassen mich alles um mich herum vergessen. Mein drittes Auge fängt an zu jucken. Ich zucke erschrocken zusammen. Meine Freundin mustert mich verständnislos von der Seite. Huch, war der Schnitt dieser Filmszene nicht gerade ein Achsensprung?

Über Sophie Lindner

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Erstellt: 06.05. 2014 | Bearbeitet: 31.10. 2014 22:56