Jun 2014 hastuINTERESSE Nr. 55 0

Das Leben als schwangere Studentin

Teil 1: Über Arztbesuche, Behördengänge und andere Freuden des Mutterwerdens

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Schaltet man den Fernseher ein, springen sie einem täglich regelrecht entgegen: junge Frauen mit runden Bäuchen, die neben ihren wesentlich älteren Männern sitzen und den Blick starr auf den Flatscreen richten. In den Ecken türmen sich Berge von Wäsche, und unter dem Sofa feiern die Staubflusen ihr Come-Together. Bewerbungen schreiben die Bewohner dieser Penthousewohnung im 15. Stock schon lange nicht mehr. Träumte sie noch vor wenigen Monaten von einer Karriere als Nageldesignerin, so verflüchtigte sich dieses Vorhaben mit zunehmendem Bauchumfang zusehends. Ein Blick aus dem Fenster offenbart eine graue Kulisse irgendwo am Rande einer deutschen Großstadt. Auf der Straße tummeln sich zahlreiche dieser jungen Frauen mit runden Bäuchen und einem schreienden Kind an jeder Hand. Während ihre Männer zu Hause oder am nächsten Kiosk wie jeden Tag ihre Frührentnerschaft mit Anfang 40 feiern, versuchen sie händeringend noch ein Babybettchen für den in zwei Wochen erwarteten Jaremie-Tschastin-Jayson gekonnt neben die Katzentoilette zu platzieren.

Wie wenig einen gedanklich von diesen Frauen trennt, wird einem manchmal erst bewusst, wenn sich plötzlich der eigene Bauch zu Wort meldet. Gerade einmal ein Strich macht diesen Unterschied aus zwischen einem Leben als Studentin inmitten von Parties, Prüfungen und Praktika und jenem anderen Leben begleitet von Spielen, Stillen und Schlaflosigkeit. Den positiven Schwangerschaftstest in der Hand haltend versucht man ungläubig seine Perspektiven für die Zukunft auszuloten. Wie mögen diese wohl aussehen mit Anfang zwanzig ohne abgeschlossenes Studium, finanziert über das BAföG und einen Kellnerjob? Findet man sich selbst in naher Zukunft am Rande einer Großstadt wieder, umgeben von Betonklötzen ohne Berufsausbildung und Hoffnung auf Besserung? Oder ist dies nur ein Schreckgespenst in den Köpfen von angehenden Akademikerinnen, das sie dazu veranlasst, erst mit Anfang 30 an Familienplanung zu denken?
Noch bevor man mit zitternder Stimme einen Termin beim Frauenarzt des Vertrauens vereinbart, werden noch schnell beinahe reflexartig alle potentiellen Aschenbecher aus der Wohnung entfernt und die Weinreste vom letzten Mädelsabend in der Toilette versenkt. Sind das schon die ersten Anzeichen des berühmten Mutterinstinkts?

Hat man in den letzten Tagen noch gehofft, dass auch der dritte Schwangerschaftstest nur zufällig positiv ausfiel, kann man dem Urteil des Arztes nur schlecht keinen Glauben schenken. Der schwarze Punkt auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes, der noch sehr einem Smartie ähnelt, wurde eindeutig als werdendes Leben identifiziert. Als wäre diese Diagnose nicht schon genug des Guten, bekommt man obendrein gleich noch ein umfangreiches Willkommenspaket für Schwangere in die Hand gedrückt. Drin enthalten: zahlreiche Informationsblätter zu unbedingt empfohlenen kostspieligen Untersuchungen und praktischerweise gleich den dazugehörigen Einverständniserklärungen, eine Checkliste für die Erstausstattung, ein Ernährungsplan für Schwangere, Stillende und Kinder von 0 bis 6 Jahren, ein Aktionsflyer von windeln.de für das neue unschlagbar günstige Einjahresabo, ebenso von Jako-o, Baby Butt, myToys und vielen mehr. Und zu guter Letzt die Broschüre der ehemaligen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Dass diese Fülle an Informationen einem durchaus nützlich sein kann, wird einem beispielsweise dann bewusst, wenn man einen Nebenjob ausübt, der als schwangerschaftsgefährdend eingestuft wird. Inwieweit das für einen jeden zutrifft, entscheidet der Arzt oder der Arbeitgeber und spricht gegebenenfalls ein Beschäftigungsverbot aus. Das ist weder zum Nachteil für die Schwangere noch für den Arbeitgeber. Man bekommt weiterhin pünktlich sein Gehalt, welches der Arbeitgeber wiederum von den Sozialkassen zurückbekommt.

Für die Finanzierungslage nach der Schwangerschaft bietet das umfangreiche Willkommenspaket leider keine Lösung. Hierfür lohnt sich ein Besuch bei der Sozialberatung, die beispielsweise einmal wöchentlich kostenlos für Studenten der MLU im Stura angeboten wird. Dort können grundsätzliche Fragen geklärt werden, ob man weiterhin einen Anspruch auf BAföG hat oder sich lieber doch um die Bewilligung von Arbeitslosengeld II bemüht, an welche Stellen man sich wenden sollte, um den Mehrbedarf für Schwangere zu beantragen oder Finanzhilfen für die Erstausstattung des Babys. Wer bis zu diesem Gespräch noch Ängste vor einem Leben als studierende Mutter hatte, findet hier schnell Beruhigung. Die gewonnene Freizeit durch ein mögliches Beschäftigungsverbot kann nun getrost in das Ausfüllen etlicher Anträge und Formulare investiert werden.

Foto: Thomas Kohler (CC BY-SA 2.0)  https://www.flickr.com/photos/mecklenburg/5183050690/

Foto: Thomas Kohler (CC BY-SA 2.0)

https://www.flickr.com/photos/mecklenburg/5183050690/

Obwohl man schon Stunden über schier unzähligen Formblättern und Anlagen verbracht hat, ist das zukünftige Baby zu diesem Zeitpunkt einer Schwangerschaft gerade einmal so groß wie eine Kiwi. Außer durch gelegentliche Anfälle von Müdigkeit macht sich dieser Umstand am eigenen Leib noch sehr wenig bemerkbar. Die Sachen aus dem Kleiderschrank passen immer noch wie angegossen, die Treppenstufen bis zum Hörsaal können ohne Schwierigkeiten erklommen werden, und der untere Teil des Körpers kann noch ohne Spiegel erblickt werden. Dennoch hat sich das Leben als junge (werdende) Mutter schon jetzt radikal geändert. Einladungen zur nächsten Whiskeyverkostung landen im Müll, Zigarren und Zigaretten verschwinden im Schrank, und um den Spargelstand auf dem Markt versucht man aus Gründen der Bekömmlichkeit einen großen Bogen zu schlagen. Noch 200 Tage bis zur Geburt, und doch bekommt man schon jetzt beim Warten auf die ersten merklichen Lebenszeichen des Kindes des Nachts kaum ein Auge zu.

Über Johanna Wege

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Erstellt: 28.06. 2014 | Bearbeitet: 30.06. 2014 01:14