Feb 2014 hastuPAUSE Nr. 52 0

Das ewige Dilemma des Verlangens

Exkurs in die Gedankenwelt der Sehnsüchte – und was Kräppelchen damit zu tun haben.

Foto: Christan Schoen

Foto: Christian Schoen

Das neue Jahr hat gerade begonnen. Zeit, in sich zu gehen und sich mal wieder die eine oder andere philosophische Frage zu stellen. Eine davon ist: Was erfüllt uns wirklich? Oder eher: Sollten wir die Erfüllung überhaupt anstreben?
Ging man noch vor wenigen Wochen am Kräppelchenstand des Weihnachtsmarkts vorbei, so duftete es verführerisch nach den zuckrigen Kalorienbomben. Dennoch stellen die meisten kurz nach dem Erwerb einer Tüte mit dem fetttriefenden, puderzuckerbestäubten Gebäck fest, dass der erhoffte Genuss ausbleibt und die Kräppelchen geschmacklich nicht mit ihrem Duft mithalten können. So manchem widerfährt diese Enttäuschung jedes Jahr aufs Neue, so viel unerschütterlicher Optimismus ist ja eigentlich schon wieder bemerkenswert. Das beispielhafte Kräppelchen-Dilemma bringt uns bereits bis zum Kern des Problems. Vielleicht ist keine Sehnsucht in erfüllter Realität wirklich so, wie wir es uns in unseren schönsten Träumen ausmalen.

Jeder Mensch scheint dazu den eben benannten Optimismus in sich zu tra-gen, erst er befähigt uns, in einigen Situationen nicht völlig am Dasein zu verzweifeln.

Der Mensch muss streben, er braucht einen Antrieb, einen scheinbaren Sinn, irgendwas zum Dranfesthalten eben. Dummerweise ist es erst die Flüchtigkeit aller schönen und wichtigen Dinge, die diese wirklich wertvoll werden lässt. Tragisch ist das!

Vielleicht können wir nur das wirklich wollen, was unerreichbar scheint. Also sehnen wir uns danach.
Hermann Hesse beispielsweise hat viel zu dieser Tragik geschrieben: Bei ihm stand die romantische Liebe im Vordergrund, die magische Erhöhung der Angebeteten, die sich just in dem Moment in Luft auflöst, in dem sie erobert wurde. Nicht umsonst handelten die bewegendsten Liebeslieder und -geschichten von nicht erwiderter oder nicht gelebter Liebe. Er meinte, nur die unerfüllte Sehnsucht sei in der Lage, wahre Kraft und Kreativität freizusetzen, in der Liebe wie in vielen anderen Bereichen des Lebens.

Wir wollen, irgendwas oder irgend-wen, und zwar am besten sofort. Sobald wir das Gewünschte aber unser Eigen nennen, verfliegt der Zauber, der das Objekt der Begierde noch kurz zuvor umgab und uns blendete.
Wer also versucht, bereits die Sehnsucht ausgiebig zu genießen, ohne verzweifelt die Erfüllung zu suchen, ist deutlich besser beraten. Die meisten Freuden und Genüsse, derer wir uns während unseres kurzen Lebens erfreuen dürfen und von denen wir uns so viel versprechen, sind von ebenso kurzer Dauer, dass ihre Erfüllung uns oft nie ganz befriedigen kann und uns zeitweise enttäuscht zurücklässt.

Zugegeben, etwas bitter ist das Ganze dann schon, aber bisweilen lebt es sich mit dieser kleinen Portion wehmütigen Schmerzes auch nicht schlecht. Der deutsche Philosoph Ernst Bloch meinte dazu, die Sehnsucht sei wohl »die einzige ehrliche Eigenschaft des Menschen.«

Vielleicht hat er damit recht. Und vielleicht startet man mit einigen dieser Gedanken sogar etwas besser in das kürzlich angebrochene Jahr. Manchmal reicht es aus, sich Träume, Sehnsüchte und Wünsche zu bewahren. Einige davon werden vielleicht erfüllt, von anderen wissen wir, dass sie nie Teil unserer Realität werden können oder für immer der Vergangenheit angehören. Und das ist gut so. Nebenbei kann man sich dann ja auch einmal wieder an all den Dingen erfreuen, die man bereits glücklich sein Eigen nennt und sehr kurzsichtig für selbstverständlich gehalten hatte.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 19.02. 2014 | Bearbeitet: 29.04. 2014 18:35