Okt 2014 hastuPAUSE Nr. 56 0

Das Aufschieben verschieben

Ein Text über den Irrglauben an das Gute im Morgen

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter


Jeder vertagt mal etwas, zum Beispiel das Entstauben seiner Bücherregale, das Ordnen seiner Unterlagen, die irgendwo auf dem Schreibtisch verstreut sein müssten, oder Dinge, die man weit hinters Bett geschoben hat. Aufschieben ist in der Regel harmlos und in gewissen Maßen normal, problematisch wird es, wenn man durch das eigene Prokrastinieren Nachteile erfährt oder an seinem Aufschiebeverhalten leidet.

Der Volksmund kennt das sogenannte Studentensyndrom auch als Aufschieberitis. Im Fachjargon bevorzugt man eher den Ausdruck des Prokrastinierens. Der Prokrastinationsbegriff setzt sich dabei zusammen aus dem lateinischen Wort pro, was »für« bedeutet, und cras, das als »morgen« übersetzt werden kann. Etwas aufzuschieben heißt also wörtlich genommen, einen Teil des Vorgenommenen für den nächsten Tag zu lassen. Man verzögert es, eine Aufgabe zu erledigen und schiebt sie auf die nächstbeste Gelegenheit. Fragt man speziell Studenten, was sie mit dem Begriff Prokrastination in Beziehung setzen, fallen die Antworten höchstwahrscheinlich ähnlich aus. Für sie zeigt sich Aufschiebeverhalten dann, wenn sie die wartende Hausarbeit immer noch nicht anfangen, das Erarbeiten des Referats am letzten Tag beginnen, den vollständigen BAföG-Antrag erst Ende August abgeben oder sie mit sonstigen universitären Pflichten in Verzug stehen. Die Wohnung ist dafür jedoch so sauber wie nie zuvor.

In den meisten Artikeln und Beiträgen, die online zu lesen sind, gewinnt man den Eindruck, dass »Aufschieberitis« wie ein kleiner Schnupfen behandelt werden kann. Um bei diesem Bild zu bleiben ist Aufschieben eine kleine, lästige Krankheit, die man mit sich umherträgt und verschleppt. Diese nie richtig auskurierte »Kleinigkeit« hindert jedoch den Erkrankten daran, seine – so heißt es – potentiell möglichen hundert Prozent zu geben. Aufschieben ist kurierbar durch straffe Selbstorganisation, das heißt Pläne, To-do-Listen, Regeln, effektives Zeitmanagement, Disziplin und so weiter. Prinzipiell ist dieses Vorgehen richtig und bei der häufig auftretenden alltäglichen Prokrastination sind diese Tipps effektiv. Jedoch wird in den meisten Artikeln ein Teilbereich des Prokrastinierens an den Rand geschoben beziehungsweise ausgeblendet, bei denen diese Tipps nur oberflächlich greifen. Wirkliche Aufschieber, sozusagen Prokrastinierer im engeren Sinn, sind sich oft im Klaren, dass sie aufschieben. Sie wissen, dass es besser wäre, jetzt anzufangen, doch sie können es nicht, da die Gründe und Ursachen dafür tiefer liegen als nur in der mangelnden Organisationsfähigkeit.

Das Wort Prokrastination erfasst alle Aufschieber und differenziert nicht zwischen den einzelnen Aspekten der Schwere des Aufschiebens.

Aufschieben im engeren Sinn

Jochen Mai, Gründer des Blogs karrierebibel.de und Dozent an der Fachhochschule in Köln, unterscheidet in zwei Typen des Aufschiebens:

Typ A: Erregungsaufschieber

Der Erregungsaufschieber behauptet, unter Druck am besten arbeiten zu können. Nacht- und Nebelaktionen mit Schlafentzug gehören eher zum Normalfall. Die Zeit im Nacken zu spüren, spornt ihn an und beflügelt ihn und seine Kreativität. Mit einem solchen Verhalten weicht er konkreten Vergleichen aus, denn eine Leistung unter diesen Umständen ist nicht nur irgendwie durchgekommen, sondern gut. Damit schont er sein Selbstwertgefühl und umgeht Enttäuschungen.

Typ B: Vermeidungsaufschieber

Der Vermeidungsaufschieber kann sich stets erklären, warum er gerade nicht tun muss, was er tun soll. Seine Versagensangst lässt ihn alles meiden, was zur Bewältigung der Aufgabe gehört, das heißt, Anfangen ist bei ihm das Schwierigste, denn es konfrontiert ihn mit Leistungsdruck.

Diese Kategorien sind um zahlreiche Varianten erweiterbar, Hauptproblem bleibt in den meisten Fällen aber immer das Gleiche. Es geht darum, dass Aufschieber sich schlecht Prioritäten setzen können und unter latenten Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Den Satz »Der Mensch definiert sich über Leistung« unterschreiben sie sofort, denn Erfolg setzen sie mit ihrem Selbstwert gleich. Darum sind für sie kurze, schnelle und häufige Erfolgserlebnisse wichtig, was sich wiederum in ihrem Aufschiebeverhalten zeigt.

Was tun?

Wer sich selbst zu den Aufschiebern zählt und wissen möchte, wie er früher anfängt, Deadlines halten kann und sich nicht mehr mit dem Wort »eigentlich« beschäftigen muss, kann die gesammelten Tipps von Jochen Mai auf seinem Blog nachlesen. Diese geben ganz pragmatische Hinweise, wie man das Aufschieben verschiebt.

Über Carolin Schmidt

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Erstellt: 31.10. 2014 | Bearbeitet: 01.11. 2014 00:00