Jun 2014 hastuPAUSE Nr. 55 0

Von Couch zu Couch!

Ferne Länder, unbekannte Düfte, spannende Rituale – raus aus den Gewohnheiten und rein ins Abenteuer.

Foto: Sophie Lindner

Foto: Sophie Lindner

Von Couch zu Couch und von Stadt zu Stadt. Couchsurfing bietet Insidertipps, interessante Bekanntschaften und Entspannung für den Geldbeutel. Bei Millionen Menschen auf der ganzen Welt finden Reisende für kurze Zeit ein Zuhause. Warum bieten eigentlich Leute ihre Couch an? Unterwegs in Kopenhagen und Budapest habe ich bei meinen Gastgebern mal nachgefragt.

»Es fühlt sich ein bisschen so an, als wäre ich selbst im Urlaub.« antwortet mir Torge auf die Frage, warum er ein Zimmer seines Kopenhagener Apartments Reisenden aus aller Welt anbietet. Torge ist Mitte 30, arbeitet im Finanzbereich, trägt einen trendigen braunen Parka, weiße Sneaker, Jeans und eine sportliche Sonnenbrille auf dem Kopf. Gerade schlendern wir durch einen der ältesten Vergnügungsparks der Welt. »Tivoli« entpuppt sich als kleine, märchenhafte Parallelwelt inmitten der geschäftigen Großstadt. »Ich entdecke die Stadt von einer ganz anderen Seite. Mit Besuchern aus anderen Ländern guckt man oft auf Dinge, die einen sonst selbstverständlich erscheinen, und hinterfragt sie. Mir wird oft bewusst, was ich an meiner Umgebung und Lebensweise wertschätzen sollte.« Genüsslich beißt er in einen leckeren original dänischen Hotdog mit dem typisch rot eingefärbten Würstchen Rød Pølse. »Aber natürlich geben mir die Reisenden auch Inspirationen, was ich verändern könnte. Der Einfluss fremder Kulturen tut mir gut, so entdecke ich manchmal ganz andere Sichtweisen auf das Leben.«

»Wow! Bist du damit schon mal gefahren?« frage ich Torge und zeige nach oben in den Himmel, wo sich gerade ein nostalgisches Kettenkarussell dreht, das lange Zeit als das höchste der Welt galt. Kurze Zeit später blicken wir auf kleine, grüne Parkanlagen hinab, die sich zwischen den modernen und alten Häuserzeilen hindurchschlängeln. Torge hat schon Reisende aus Argentinien, Island, China und jetzt auch aus Deutschland in seinem Kopenhagener Apartment aufgenommen. Selbst als Couchsurfer war er aber noch nicht unterwegs. Er sagt, das wolle er unbedingt mal ausprobieren. Torge ist einer von Millionen Menschen, die Teil der couchsurfing.org-Community sind und das Reisen basierend auf Gemeinschaft, Vertrauen, Gastfreundschaft und kulturellem Austausch unterstützen.

»We envision a world made better by travel and travel made richer by connection. Couchsurfers share their lives with the people they encounter, fostering cultural exchange and mutual respect.« So lautet die Botschaft, mit der sich das
Gastfreundschaftsnetzwerk auf seiner Website vorstellt. Im Jahr 2004 wurde die kostenlose und weltweit betriebene Community im Internet gegründet. Nach eigenen Angaben sind derzeit 7 Millionen Menschen aus über 100 000 Städten angemeldet. »Make the world a little smaller; a little friendlier.« Auf dieser Vision gründete sich couchsurfing.org als ein Non-Profit-Netzwerk. Der Idealismus, die Welt ein Stückchen verbessern zu wollen, ist geblieben, jedoch scheint heute der Profit immer mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Seit der Umwandlung in eine Benefit Corporation pumpen Investoren Millionen­beträge in die Website. Als Folge daraus wird couchsurfing.org zunehmend kommerzialisiert. Inwiefern dies mit ihren selbst beschriebenen Visionen zusammenpasst, bleibt fraglich. Man kann nur hoffen, dass es beim kostenlosen Gastgeberprinzip bleibt, da nur so gewährleistet werden kann, dass Menschen ihre Couch aus dem Interesse des kulturellen Austauschs anbieten und nicht weil sie Geld verdienen möchten.

Host zu werden ist ganz einfach, dazu benötigt man nur einen Account mit Angaben zur Person und Lebensphilosophie, und schon kann man selbst auswählen, welche Reisenden man bei sich aufnehmen möchte. Als Couchsurfer muss man natürlich ebenfalls angemeldet sein. Ein paar Bilder, ein vollständig ausgefülltes Profil und nette Referenzen von Freunden oder vergangenen Couchsurfing-Kontakten auf der Pinnwand lassen deine Person authentisch wirken.

Foto: Sophie Lindner

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Knarrend öffnen wir die schwere Holztür, die in einen sonnendurchfluteten Hinterhof führt, von dem eine verschnörkelte Wendeltreppe in die oberen Stockwerke führt. »Hier oben!« schallt es durch die Gänge, und wir steigen bis in das letzte Stockwerk hinauf. Olga empfängt uns mit einem herzlichen Lachen und einer Flasche kalter Weißweinschorle. »Wisst ihr, wo der Wein am besten schmeckt?« Minuten später sitzen wir staunend auf dem Dach des hochgeschossigen alten Hauses und schauen über die Stadt Budapest. Zu dritt sind wir diesmal unterwegs und schauen uns potentielle Orte zum Studieren an, wer weiß, vielleicht werden wir später in Budapest weiterstudieren? Olga ist 25 Jahre alt und macht gerade ihren Master in Kunstpädagogik. »Ich war in ganz Südamerika unterwegs und hab in vielen Städten bei Couchsurfern übernachtet.« erzählt sie, und wir lauschen gespannt den abenteuerlichen Geschichten ihrer Backpacker-Tour. »Ich hatte bisher nur positive Erfahrungen und würde es immer wieder machen. Man lernt dabei so viele hilfsbereite, aufgeschlossene Menschen kennen, die sehr interessiert sind an alternativen Reise- und Lebensformen, die eben nichts mit gebuchten Pauschalurlaub zu tun haben!« Genüsslich nippt sie an ihrer Weinschorle und lächelt gedankenversunken in sich hinein. Auf einem kleinen Spaziergang über den Dächern von Budapest im warmen Licht der untergehenden Sonne sind wir ganz begeistert von der Stadt und überhäufen sie mit enthusiastischen Komplimenten: »Wow, wie schön du es hier hast!« Olga scheint jetzt aus ihrem Kopfkino der vergangenen Reise zu erwachen und nickt zustimmend. »Seht ihr, genau darum nehme ich Couchsurfer auf, um eure leuchtenden Augen zu sehen, wenn ich euch meine Welt zeige, dann registriere ich sie auch endlich mal und sehe alles gleich viel positiver!« Urlaubs­euphorie von Reisenden scheint eben ansteckend zu sein.
Foto: Sophie Lindner

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Über Sophie Lindner

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Erstellt: 29.06. 2014 | Bearbeitet: 28.06. 2014 21:40