Okt 2014 hastuPAUSE Nr. 56 0

Blick hinter den Tresen

Johannes Möws ist Student an der MLU und arbeitet als Nebenjob in der hallischen Gastronomie.

Foto: Carolin Schmidt

Foto: Carolin Schmidt

Wer in seinem Studium auf der Suche nach einem Nebenjob ist, der sich gut mit seinen Stundenplänen verträgt, kommt an der Gastronomie nicht vorbei. Hinter der Bar zu stehen, die Gäste zu bedienen und abzukassieren, scheint machbar zu sein. Außerdem lockt das Trinkgeld.

Diese Aussicht sprach auch Johannes an, 8. Semester Geschichte/Politikwissenschaft. Er arbeitet nun bereits seit über zwei Jahren in der Gastronomie unter anderem im »Noir« und der »Mangelwirtschaft« und lässt uns hinter den Tresen schauen:

Weißt du noch, wie es bei dir mit der Gastronomie angefangen hat?

Daran kann ich mich tatsächlich noch sehr gut erinnern. Ich befand mich gerade am Ende meines fünften Semesters und habe gemerkt, dass das Geld langfristig etwas knapp wurde. Ich erhielt zwar noch BAföG, jedoch will man sich ja doch mal nebenbei etwas mehr leisten können als nur Essen und Unterkunft. So begann ich, nach einem Nebenjob zu suchen. Eines Abends saß ich dann mit einigen Freunden im damals noch existierenden »Zimmer Frei«. Wir kamen auf das Thema Nebenjob zu sprechen, und gerade meine Freundin bestärkte mich darin, es doch einfach mal in der Gastronomie zu probieren, da sie sich mich dort sehr gut vorstellen könne. Ich dachte kurz darüber nach, denn ich mochte diesen Laden sehr gern und meine Mitbewohnerin arbeitete dort schon, was mich nur in meinem Entschluss bestärkte.

War die Arbeit als Kellner oder Barkeeper so, wie du es erwartet hattest?

Meine Grunderwartungen wurden natürlich erfüllt. Jeder sieht, was ein Kellner macht, er nimmt die Bestellung auf, geht zur Bar, macht sie oder lässt sie machen und bringt sie zurück. So war es natürlich auch. Jedoch sah ich nicht, wie auch viele andere Gäste, welche kleine logistische Meisterleistung es ist, einen vollen Laden mit Getränken und Speisen zu versorgen, ohne dass der Gast den manchmal intern vorherrschenden Stress mitbekommt.

Das war auch etwas, das mir anfangs nicht gelang. Ich war oft hektisch und etwas unruhig, denn als Gastro-Neuling ohne jegliche Erfahrung kann es auch manchmal schon schwer sein, den Überblick zu behalten. Doch vor allem durch die Hilfe der Kollegen, die mich auch immer wieder aufgebaut haben, klappte es schließlich, und ich empfand immer mehr Freude an dem, was ich tat.

Auf den ersten Blick wirkt ein Job gut mit dem Stundenplan vereinbar – was ist aber mit Nachtschichten und dem Tag danach?

Es kommt darauf an, ob man sich für ein Café oder eine Bar entscheidet. Wenn man nachts lange hinter der Bar steht, ist es manchmal schwierig, sich morgens zu überwinden, in die Uni zu gehen. Auch merkt man, dass sich der Biorhythmus ein klein wenig verschiebt und die Produktivität sich in anderen Angelegenheiten ebenso eher in die Abendstunden verlagert. Jedoch mit ein wenig Selbstdisziplin und indem man seine Veranstaltungen etwas später als 8 Uhr legt, ist es möglich, dem entgegenzuwirken.

Was hat dir deine Tätigkeit in der Gastronomie bislang gebracht?

Ich glaube, dass die Gastronomie es an sich hat, die Menschen charakterlich reifen zu lassen. Zum Beispiel wird man sensibler im Umgang mit seinen Mitmenschen. Man lernt und muss es auch lernen, mit fast jedem Typ Mensch umzugehen. Das geht vom Gast, der als Kumpel behandelt werden möchte und dem man mal auf die Schulter klopft, bis hin zum Gast, der sich eine professionelle, aber höfliche Distanz wünscht.

Mir persönlich hat die Gastronomie über die Zeit klargemacht, dass sich eine gewisse Leidenschaft für Cocktails in mir versteckt hat. Schon im alltäglichen Barbetrieb habe ich schnell gemerkt, dass mir das Mixen von Spirituosen Spaß macht und ich unbedingt mehr darüber lernen wollte. Ich fing an, Cocktailbücher und Fachliteratur zu lesen. Schnell eröffnete sich mir eine ganz neue Welt und ich war total erstaunt, was man in den Bars Münchens, Frankfurts am Main und Co. alles findet. Da waren außergewöhnliche Rezepte mit
Kräutern wie zum Beispiel Kardamom oder Thymian und speziellem selbst hergestellten Sirup nur die Spitze vom Eisberg. Das wollte ich selbst auch ausprobieren und vor allem Anderen näherbringen, weil manche »untypischen« Zutaten eine wunderbare Wirkung im Cocktail haben können. Deshalb veranstalten wir jeden Donnerstag in der »Mangelwirtschaft« einen speziellen Cocktailabend mit außergewöhnlichen Cocktails.

Und was planst du demnächst? Wo soll es damit hingehen?

Ich möchte weiterhin leckere Cocktails aus frischen Zutaten anbieten und auch neue Trends, wie zum Beispiel die in den großen Städten aufkommenden Biercocktails, ausprobieren. Außerdem hoffe ich nicht nur, dass die Aktion gut läuft, sondern dass sich der Gedanke dahinter, nämlich eine neue Qualität durch Außergewöhnliches zu erreichen, herumspricht und auch andere Bars diesen Weg gehen möchten. Denn nicht die Füllmenge eines Cocktails ist ausschlaggebend, sondern die Qualität der Zutaten. Gerade das scheinen einige große Cocktailbars hier in Halle zu vergessen.

Ich persönlich will mich weiterhin fortbilden, andere Städte, aber auch Länder besuchen, um dort die Barszenen kennenzulernen und weitere Eindrücke zu gewinnen, die ich für mich selbst nutzen kann.

War der Schritt in die Gastronomie rückblickend eine gute Entscheidung?

Diese Frage würde ich im Großen und Ganzen mit Ja beantworten. Natürlich sollte jeder in der Lage sein einzuschätzen, ob er selbst genug Disziplin aufbringen kann, seine Haupttätigkeit vernünftig durchzuziehen und nicht unbewusst die Gastronomie dazu werden zu lassen, wenn man es nicht wirklich will. Viele meiner ehemaligen oder derzeitigen Kollegen würden bestätigen, dass das schnelle Geld und das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander reizen und damit einen schnell vom eigentlichen Weg abbringen können.

Aber wenn man das alles berücksichtigt, würde ich jedem dazu raten, diesen Schritt zu gehen. Auch wenn ich manchmal aus diversen Gründen keine Lust auf eine Schicht habe, so ist es für mich der beste Nebenjob, in dem ein Student arbeiten kann, und ich habe es nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben.

Über Carolin Schmidt

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Erstellt: 31.10. 2014 | Bearbeitet: 31.10. 2014 23:21