Feb 2014 hastuPAUSE Nr. 52 0

Bauer sucht Party

Der Bauernclub ist der letzte Studentenclub der Stadt und schließt nun nach über 40 Jahren seine Pforten am Steintor. Doch an einer anderen Stelle soll es weitergehen.

Foto: Tobias Leithold

Foto: Tobias Leithold

Es ist ein Mittwoch, mitten im Dezember, als ich die Tür zum Bauernclub passiere. Heute ist die Weihnachtsfeier der Ernährungswissenschaftler, eine der letzten Feiern des Bauernclubs in den alten Räumlichkeiten gegenüber dem alten agrarwissenschaftlichen Institut am Steintor. Auf der anderen Straßenseite entsteht der neue geisteswissenschaftliche Campus, und auch das Gebäude des Bauernclubs wird aufgrund der Umgestaltungen am Steintor weichen müssen. Während man sich gegenüber über einen neuen Straßennamen streitet, wird hier der letzte Studentenclub Halles vorerst geschlossen und mit ihm auch ein Stück Geschichte. Weitergehen wird es möglichst in der Nähe. Doch dazu später mehr.

Aus dem Inneren schallt mir Musik entgegen. Musik, die irgendwo zwischen Pur-Hitmix, Oldie und Charts liegt. Zwischendurch klingen alle möglichen anderen Stile durch. Ich mag das. Es ist anders und angenehm ungekünstelt. Wenn in der Chaise die Nächte nie vor sechs zu Ende sind und im Flowerpower jene Abende enden, die eigentlich anders geplant waren, so ist der Bauernclub der Ort, wo man auch mal stundenlang ordentlich pogen kann. Wo die Stimmung und Atmosphäre – wohl auch dank billigem Alkohol – bisweilen wild und ausgelassen wird und wo man einfach mal Lieder mitgröhlt, die wirklich jeder kennt. Wer irgendwann einmal genug vom ständigen Electro im LaBim, Hühnermanhattan oder Bronson hat, schätzt das. Mich treibt es trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, erst einmal an die Bar. Das Bier – ich greife hier mittlerweile stets zu Flaschenbier – gepaart mit Pfeffi, gehört zum Bauernclub dazu. Genauso wie der studentenfreundliche Eintrittspreis und die vielen Schilder mit Bauernsprüchen an den Wänden. Der Stereotyp wird gepflegt und man ist scheinbar auch ein bisschen stolz auf ihn. Über Achtziger und Neunziger verrauscht die Nacht. Es ist wie stets: Es ist voll, es ist eng, ich tanze, trinke und dann und wann dränge ich mich aus der stickigen Luft nach draußen, um festzustellen, dass es draußen viel zu kalt ist.

Ziemlich oft, das »letzte Mal Bauernclub«, oder?

Tobias Leithold kennt solche Abende. Er ist seit 2003 Mitglied im Bauernclub und seit 2011 Vorsitzender des Vereins. Im Gespräch im Januar klärt Tobias aber zunächst einmal ein großes Mysterium auf. Ich hatte ihm berichtet, dass ich schon auf mindestens drei »Das-letzte-Mal-Bauernclub«-Feiern war. Tobias muss dabei grinsen: »Diese Gerüchte stammen nicht von uns, aber natürlich ist das gutes Marketing für eine Party.« Völlig aus der Luft gegriffen sind solche Behauptungen dennoch nicht, wie er weiter ausführt. Seit 2010 sei dem Bauernclub gekündigt worden, jedoch sei der Vertrag dann mehrere Jahre doch noch jeweils für ein Jahr verlängert worden. Doch jetzt ist es soweit und die Tore sind zu. Seit 1972 ist der Bauernclub am Steintor heimisch gewesen, nun kommt die Umgestaltung des Steintorviertels. »Wir sind Mieter seit eh und je, aber wir tun alles, um woanders weiterzumachen«, verspricht Tobias.

Foto: Tobias Leithold

Foto: Tobias Leithold

Weitergehen soll es also. Man möchte möglichst im Zentrum bleiben, in der Nähe des Paulusviertels. Überhaupt soll alles so ähnlich wie möglich fortgeführt werden. »Wir wollen möglichst viel an altem Flair und Ausstattung mit rübernehmen, schon aus finanziellen Gründen«, sagt Tobias. Wo »drüben« ist, mag Tobias noch nicht verraten, solange nichts unterschrieben ist. Doch deutet er an, dass die Verhandlungen schon relativ weit fortgeschritten sind. Es wird also weitergehen mit dem Bauernclub. »Auch was die Musik angeht«, wie Tobias noch ergänzt.

Ältester, letzter und damit einziger Studentenclub der Stadt

Tobias steht mittlerweile im Berufsleben, engagiert sich aber weiterhin im Club. Wie er machen es viele Mitglieder. So ergibt sich eine heterogene Gruppe aus aktiven und ehemaligen Studenten und ein aktives Vereinsleben mit etwa 40 Mitgliedern, wie Tobias erzählt. »Wir sind natürlich größtenteils Agrarwissenschaftler, aber auch Ernährungswissenschaftler. Jeder kann Mitglied werden, wir haben auch eine Sozialwissenschaftlerin und eine Juristin unter uns.« Den Kontakt zwischen den Semestern herzustellen war 1972 der Grundgedanke, als sich der Bauernclub als Studentenclub gründete. »Studenten waren und sind also ganz klar unser Klientel«, führt Tobias aus. Dabei halfen von Anfang an die günstigen Eintritts- und Getränkepreise. Der Bauernclub finanziert sich fast nur durch diese beiden Komponenten. Auch Raummietungen für Privatfeiern sind möglich. Zuschüsse von der Uni oder dem Stura gibt es nicht. Tobias erklärt: »Der Bauernclub war nie gewinnorientiert, hier sollen die Leute sich kennenlernen. Dazu kam eine kulturelle Komponente: Früher gab es auch jede Woche ein Kulturangebot, wie zum Beispiel Kabarett.« Traditionen aus den ersten Jahren sind auch die heute noch stattfindenden Apfelverkostungen oder auch der Bauernfasching. Früher gab es in Halle mehrere Studentenclubs. Etwa den Weinbergclub – ebenfalls mit warmem Essen. Auch der Turm war früher ein solcher Club. Davon ist nur der Bauernclub übrig geblieben. Solche Studentenclubs organisierten sich vor allem in der ehemaligen DDR und hatten stets auch die schon erwähnten kulturellen Komponenten, wie zum Beispiel Konzerte oder Filmabende. Ein bekannteres Beispiel dieser Tradition ist auch die Moritzbastei in Leipzig.

Wiederbelebung seit Ende der 90er

Nach der Wende stand der Bauernclub dann Mitte der Neunziger vor der Schließung. Tobias« Vorgänger Frank Böcker sorgte dafür, dass es mit dem Bauernclub weiterging. Er installierte ein Tagesgeschäft mit Frühstück und Mittag, das laut Tobias auch gut angenommen wurde. »Ohne Frank wären wir weg«, bilanziert er. Dass die Partys gut besucht sind, ist nicht immer so gewesen. Teilweise war es nur der Vereinskern, der sich regelmäßig einfand. Warum dies heute anders ist, vermag Tobias nicht zu sagen, wenngleich es ihn natürlich freut. Möglicherweise könne dies auf die aufkommenden sozialen Netzwerke zurückzuführen sein. Dann hätte ein modernes wohl ein altes Netzwerk gefördert.

Was gibt es also noch zu sagen? »Es gibt noch eine Besonderheit«, erzählt mir Tobias: »Jeder, der auflegen möchte, darf das prinzipiell auch.«

Wahrscheinlich kommt daher dieser besondere Musikmix zustande. Von der Party im Dezember jedenfalls wanke ich irgendwann die LuWu herunter nach Hause. Natürlich mit Ohrwurm.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 13.02. 2014 | Bearbeitet: 28.04. 2014 17:20