Dez 2014 hastuPAUSE Nr. 57 0

Autismus – eine unsichtbare Behinderung

Wie ich als Autist meine Umgebung wahrnehme und welche Probleme damit verbunden sind

Illustration: Katja Karras

Illustration: Katja Karras

Es ist schwer für mich, die Unterschiede zu erklären, welche bei der Art der Wahrnehmung von Autisten und Nichtautisten bestehen, da ich in meinem Leben nie ein Nichtautist gewesen bin und auch nie sein werde. Ich fange daher mit einem Gedankenexperiment an, welches ich mir in jüngster Zeit immer wieder überlege: Was wäre, wenn die meisten Menschen Autisten wären, wenn es also normal wäre, Autist zu sein? Ich denke, die Menschen würden unter anderem Gebärdensprache benutzen, da das Kommunizieren mit Lauten schnell sehr belastend werden kann. Gerade wenn viele Menschen sich auf engem Raum versammeln und sich unterhalten, führt das schnell zu einem sehr störenden Geräuschpegel. Für mich ist es dann zum Beispiel sehr schwer, die Stimme meines Gesprächspartners von dem einzigen Geräuschbrei zu unterscheiden, welcher mich umgibt. Aber auch, wenn ich still in einer Ecke sitze, ist es nicht einfach, diese vielen akustischen Reize, welche auf mich einströmen, zu verarbeiten. In die Mensa gehe ich daher meist kurz nachdem sie geöffnet hat oder kurz bevor sie schließt, also immer dann, wenn sie einigermaßen leer ist.

Nicht nur Geräusche können einem Autisten zusetzen, auch Gerüche und bestimmte visuelle Reize, darunter besonders Sonnenschein, sind belastend. Wenn ich in der Straßenbahn neben einem stark parfümierten Menschen sitzen muss, kann das für mich sehr anstrengend sein. Ich bekomme dann schnell Kopfschmerzen und verfluche die Parfumhersteller, ebenso wie ich dankbar für die Tatsache bin, eine selbsttönende Brille zu haben. Dazu kommt noch häufig das Problem der schnellen Reizüberlastung. Die bei Begrüßung und Verabschiedung üblichen Umarmungen sind mir aufgrund der sehr starken Reize auf meiner Haut sehr unangenehm, weshalb ich sie nach Möglichkeit vermeide.

Obwohl ich versuche, solchen Reizüberflutungen aus dem Wege zu gehen, bin ich häufig schnell erschöpft. Wenn ich nach Hause komme oder mich in eine Bibliothek setze, um dort in Ruhe zu arbeiten, brauche ich erst einmal eine Weile, um mich mental zu erholen und meine Gedanken zu ordnen, bevor ich arbeiten kann.

Probleme mit anderen Menschen

Als Kind war mein Reizfilter noch schlechter ausgeprägt als heute. Kindergarten und Grundschule waren für mich eine Hölle, da die anderen Kinder zu laut und in ihrem Verhalten zu unverständlich waren. Ich zog mich zurück und konzentrierte mich auf Dinge, welche mir halfen, etwas Ordnung in diese völlig chaotische Welt zu bringen. Ich las zum Beispiel als Kind bereits zur Grundschulzeit sehr viele historische Fachbücher, aber auch Bücher über Tiere und Pflanzen, und sammelte in diesen Bereichen ein Wissen an, welches das meiner Klassenkameraden bei Weitem überstieg. Aber all das hatte natürlich einen Haken: Diese Zeit des Rückzuges fand in der sogenannten sensitiven Phase statt, in welcher man eigentlich die grundlegenden sozialen Kompetenzen erlernt. Ein Umstand, welcher mir bis heute Probleme im Umgang mit anderen Menschen bereitet. Wenn zum Beispiel in einem Seminar der Dozent die Namen noch nicht kennt, jemanden aufrufen will und in meine Richtung blickt, bin ich mir nie sicher, ob er nun mich meint oder meinen Sitznachbarn. Das ist nur ein Beispiel für die vielen kleinen Dinge der nonverbalen Kommunikation, welche mir bis heute sehr schwerfallen.

Illustration: Katja Karras

Illustration: Katja Karras

Auch viele ungeschriebene gesellschaftliche Regeln kenne ich nicht oder musste sie mir erst mühsam selbst beibringen. Das Problem dabei ist, dass meine Behinderung unsichtbar ist, sie niemand sehen kann, weshalb mein Unverständnis für soziale Situationen oft nicht verstanden wird und Ablehnung hervorruft. Bevor ich mich unangemessen verhalte und damit anecke, sage ich lieber gar nichts und ziehe mich zurück.

Angeeckt bin ich im Laufe meines Lebens schon einige Male und es tat mir oft sehr weh. Es schmerzt mich, wenn jemand meines Erachtens zu Unrecht eine falsche Meinung von mir hat, aber nicht jedes Missverständnis lässt sich aus dem Wege räumen. Häufiges Nachfragen, um diese Missverständnisse auszuräumen, ist oft nicht erwünscht, aus welchen Gründen auch immer. Früher machte ich auch ständig den Fehler, anderen ausführliche Vorträge über meine umfangreichen Kenntnisse in meinen Spezialgebieten zu halten, ohne dabei zu berücksichtigen, dass diese sich dafür kaum interessierten. Merken tat ich das übrigens erst, als ich mal von einem anderen Autisten zugetextet wurde. Es war, als sähe ich in einen Spiegel.

Heute habe ich realisiert, dass Small Talks mit den meisten Menschen aufgrund der völlig unterschiedlichen Interessengebiete kaum möglich sind. Allenfalls bei Kommilitonen aus meinem Studiengang oder Studenten verwandter Fächer klappt das häufiger, wobei sich die Gespräche dann meist um die Inhalte des Studiums drehen. Um ungewollte soziale Konflikte und den damit verbundenen Schmerz zu vermeiden, versuche ich jedoch kaum noch, meine sozialen Kontakte über die Ebene des Small Talks zu heben. Daher ist mir häufig unterstellt worden, meinen Mitmenschen gegenüber gleichgültig zu sein, was nicht stimmt. Ich weiß meist nur nicht, wie ich meine Interessen und Gefühle gegenüber Mitmenschen zeigen soll.

Auch bestimmte Gefühle anderer Menschen, die ich wahrnehme, sind Reize, welche mich belasten. Wenn in der Schule ein Klassenkamerad ausgeschimpft wurde, fühlte ich mich so, als würde ich ausgeschimpft, auch wenn ich wusste, dass die Schelte berechtigt war. Wenn ich wahrnehme, dass es anderen Menschen schlecht geht, leide ich darunter und versuche, sofort zu helfen, was, wie ich hoffe, auch einige Menschen, die mich kennen, bestätigen können. Autisten interessieren sich nicht für ihre Mitmenschen? Was für ein Blödsinn!

Der Unterschied zwischen Akzeptanz und »Therapie«

Mir selbst wird jedoch auch häufig mit Verständnis begegnet, wenn ich mich »oute«. So wird meist akzeptiert, wenn ich auf die üblichen Umarmungen zu Begrüßung und Verabschiedung verzichte, um nur ein Beispiel zu nennen. Ich habe auch das Glück gehabt, Eltern zu haben, die mich so annehmen, wie ich bin und die mich zu einem freien Menschen erzogen haben. Andere Eltern fühlen sich oft überfordert mit dem Verhalten ihres autistischen Kindes (alltägliche Reize nehmen autistische Kinder nochmals sehr viel schmerzhafter wahr als Erwachsene, weshalb unter anderem Dinge wie Zähneputzen oder Haare kämmen oft zum Problem werden) und sehen sich auch einem starken gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, dass ihre Kinder gesellschaftsfähig und »normal« seien. Autismus-»Therapien« wie ABA (Applied Behavior Analysis), welche darauf ausgelegt sind, den Willen des Kindes zu brechen und es so von seinem Autismus zu »heilen« (Autist bleibt man sein Leben lang), sind daher zurzeit stark im Kommen. Meines Erachtens ist das nichts anderes als Kindesmisshandlung. Ich fühle mich selbst angegriffen, wenn Kindern so etwas zugemutet wird, nur weil sie Autisten sind. Eine freie, starke und demokratische Gesellschaft akzeptiert jedes ihrer Mitglieder so, wie es ist, auch wenn es die Welt anders wahrnimmt.

Illustration: Katja Karras

Illustration: Katja Karras

Über Karl Hollerung

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Erstellt: 21.12. 2014 | Bearbeitet: 10.05. 2015 02:00