Apr 2014 hastuPAUSE Nr. 53 0

»Als wäre Albanien ein Urlaubsort«

Internationale Studierende berichten, wie sie Halle kennenlernten und welche Erfahrungen sie hier gesammelt haben.

Jessica Hartanto, 23, aus Jakarta, studiert Medizin

Jessica Hartanto, 23, aus Jakarta, studiert Medizin

Bevor ich hierher kam, hatte ich bereits ein Jahr lang die deutsche Sprache gelernt, aber nur die Theorie der Sprache. Während meiner Zeit im Studienkolleg habe ich mich mit dem deutschen Lebensstil angefreundet. Ich habe seitdem auch in einer WG mit zwei Deutschen gewohnt. Sie haben versucht, meine Aussprache bei jeder Gelegenheit zu korrigieren. Das hat zwar furchtbar genervt, aber es hat mein Deutsch verbessert.
Einen Studienplatz in Medizin zu kriegen, ist für einen Ausländer sprichwörtlich der Schuss ins Schwarze. Eigentlich habe ich auch gar keinen Platz in Halle bekommen, sondern in Würzburg. Den konnte ich dann mit einem anderen Studenten tauschen. Es war ganz schön hart, bei den Seminaren und Vorlesungen mitzuhalten. Aber mit der Zeit bekam ich mit, dass es auch einigen Deutschen nicht ganz leicht fiel, den Vorlesungen zu folgen. Ein weiteres Problem war die mangelnde Hilfe der Professoren, die nicht die Geduld haben, auf die ausländischen Studenten einzugehen. Es gab einen Professor, den es regelrecht genervt hat, wenn ich nachfragen musste, was er meinte – einfach weil ich seinen Dialekt nicht verstanden habe. Zum Glück konnten mir meine Kommilitonen in solchen Situationen helfen.
Der Lifestyle hier ist komplett anders. In Indonesien geht man mit Freunden in ein Einkaufszentrum, hier geht man in Bars oder trifft sich auf WG-Parties, wenn man etwas mit Freunden unternimmt. Außerdem das Essen. Ich will nicht sagen, dass es nicht schmeckt, aber es ist ziemlich langweilig in Vergleich zu dem, was wir in Indonesien haben. Ich finde auch, dass es sehr ungewöhnlich ist, sorgenfreie Deutsche zu sehen. Sie wirken immer gestresst und versucht, die bestmöglichen Leistungen aus sich rauszuholen. Aber deswegen studiere ich ja hier. Meine Geschwister übrigens auch. Besonders durch sie bleibt die Motivation erhalten, mein Studium zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.
Jessisca Hartanto, 23 Jahre alt, aus Jakarta, Medizin

Claudia Musayon, 26, aus Peru, studiert BWL

Claudia Musayon, 26, aus Peru, studiert BWL

Nach Deutschland wollte ich schon immer mal. Da ich auf eine deutsche Schule gegangen bin, hatte ich die Sprache schon gelernt und etwas über das Land Deutschland gehört. Das hat mich neugierig gemacht. Als sich die Möglichkeit ergab, als Austauschschülerin hierher zu kommen, entschied ich mich nach meiner Berufsausbildung, als Au-pair Hamburg zu entdecken. Fünf Jahre lang habe ich dort gewohnt, das Studienkolleg gemacht und mein Studium angefangen. Leider ist Hamburg eine sehr teure Stadt. Mein Mann und ich mussten, wenn wir das Studium zu Ende bringen wollten, sowohl eine preisgünstigere Stadt als auch eine
Universität, die uns beide annimmt, finden. Und so kamen wir nach Halle. Da ich verheiratet bin, hatte ich mit dem Visum kein großes Problem. Ich musste mit meinem Mann zur Ausländerbehörde gehen und bekam das Visum durch die Familienzugehörigkeit, mit dem ich auch ganz normal Vollzeit arbeiten könnte. Neben meinem Studium arbeite ich seit ungefähr 9 Monaten in der Leopoldina als studentische Hilfskraft. Bis jetzt war ich noch nie in einer Situation, in der ich mich anders oder schlecht behandelt gefühlt habe.
Claudia Musayon, 26 Jahre alt, aus Peru, BWL

In meinem Heimatland Nicaragua habe ich ab der 7. Klasse eine deutsche Schule besucht und dadurch diese wundervolle Sprache gelernt. Dazu hatte ich das internationale Abitur »Baccalaureate« in der Schule abgeschlossen, welches weltweit anerkannt wird. Dies hat den Vorteil, dass ich mich direkt an einer deutschen Uni bewerben konnte, ohne das Studienkolleg absolvieren zu müssen. Verschiedene Unis aus Deutschland kamen zu unserer Schule und haben sich vorgestellt und die verschiedenen Studienangebote dargestellt. Dadurch hatten wir bereits einen direkten Ansprechpartner. Dieser war vor allem hilfreich, als ich in Halle ankam. Er hat mir mit der Wohnungssuche und so weiter geholfen. Die ersten Schritte sind immer die schwierigsten.
In der Schule habe ich nicht gelernt, worauf ich bei einem Mietvertrag achten muss, wie ich einen Handyvertrag abschließe oder kündige. Ich wusste auch nicht, was die GEZ ist. An meinem Land vermisse ich selbstverständlich das Wetter, das viel, viel besser ist als in Deutschland. Nicaragua ist sehr warm, oder besser: heiß. Auf den Bergen sind die niedrigsten Temperaturen 16 Grad. Und in Managua, meiner Heimatstadt, ist die niedrigste Temperaturen 22 Grad, und das ist schon ziemlich kalt. Sonst ist es über 28 Grad warm, das ganze Jahr. Winter bedeutet für uns Regenzeit, doch es ist warmer Regen. Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben Stiefel gebraucht oder so viele Jacken. Ich hatte einen oder zwei Pullis, welche ich angezogen habe, wenn ich ins Kino gegangen bin, wegen der Klimaanlage. Außerdem vermisse ich frittierte Kochbananen.
Ana Lorena Real Sequeira, 22 Jahre alt, aus Managua, VWL, ehemalige Stura-Referentin für internationale Studierende

Im Ausland zu studieren war schon immer mein größter Wunsch. Da ich schon immer sehr sprachbegeistert war, gerne neue Kulturen erleben wollte und mich auch schnell an Neues anpasse, hat sich das gut ergeben. Halle ist sehr studentenfreundlich, da die Mietpreise und Studiengebühren verhältnismäßig niedrig sind. Außerdem herrscht eine sehr nette Atmosphäre in der Uni und die Stadt bietet eine Menge guter Freizeitmöglichkeiten. Was will man mehr?
Das Hauptproblem ist die Finanzierung des Studiums, denn Vollzeitarbeit ist ausländischen Studierenden nicht gestattet. In meinem Fall setzen sich meine Eltern für mich ein. Man darf 90 Tage bzw. 180 halbe Tage im Jahr arbeiten. Ich habe das zwei Jahre lang auch gemacht – hauptsächlich gekellnert – aber es ist auf jeden Fall schwierig, allein davon zu leben.
Mein Freundeskreis ist bunt durchmischt. Da ich das Studienkolleg besucht habe, habe ich Freunde aus aller Welt. Im Studium habe ich dann viele neue Freundschaften mit deutschen Studenten geschlossen. Ich vermisse meine Heimatstadt schon, aber das Heimweh lässt immer weiter nach, wenn man sich in dem neuen Land wohlfühlt. Jetzt ist es für mich so, als wäre Albanien ein Urlaubsort, und immer, wenn ich wieder dort bin, lasse ich mich verwöhnen und genieße es zu 100 Prozent.
Babeta Ymeri, 22 Jahre alt, aus Tirana, Politik- und Sozialwissenschaften

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 24.04. 2014 | Bearbeitet: 09.05. 2014 15:24