Dez 2014 hastuUNI Nr. 57 0

Aktiv komatös

Seit Jahren schwindet die Beteiligung der Studenten an der Hochschulpolitik – Eine Bilanz zur politischen Kultur an den Universitäten

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Wären die deutschen Universitäten ein Patient, so wäre die Diagnose mit Sicherheit unklar.

Einerseits scheint die Mehrheit der Studenten das Interesse an politischer Mitwirkung immer mehr zu verlieren, andererseits gibt es viele verschiedene Interessengruppen und Aktionsgemeinschaften. Während auf der einen Seite aktiv versucht wird, auf die Hochschulpolitik einzuwirken, scheint auf der anderen Seite die in ganz Deutschland um sich greifende »Egal-Haltung« und Politikverdrossenheit auch an den Universitäten Einzug gehalten zu haben.

Dabei können die deutschen Universitäten und Studenten auf eine lange politische und demokratische Tradition zurückblicken. Als 1815 nach dem Wiener Kongress in Europa die freiheitlich-demokratischen Lichter ausgingen, waren die studentischen Burschenschaften alles, was vom Geist der Französischen Revolution noch übrig blieb. Während von Wien bis Berlin wieder Monarchie und Adelsherrschaft einzogen, waren es vor allem diese Studentenbünde, die trotz Zensur und Verhaftungen in der Zeit des Vormärz für Freiheit und Gleichheit kämpften und damit entscheidende Impulse für Revolution von 1848 lieferten – dem ersten freiheitlich-demokratischen Umbruch der deutschen Geschichte.

Auch im Zuge der Studentenbewegung der 1960er Jahre protestierten vor allem Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) als »Außerparlamentarische Opposition« gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze einer umstrittenen Bundesregierung. Die 68er-Bewegung wirkte damit nicht nur nachhaltig auf das bundesdeutsche Politikverständnis ein, sondern prägte auch das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Der selbst gesetzte Grabstein der Hochschuldemokratie

Heute ist von diesen stürmischen Zeiten höchstens noch eine leichte Brise übrig geblieben.

Vorbei scheinen die Zeiten, als die Universitäten noch Bollwerke des Fortschritts und der Progressivität waren. Einige Studenten genießen lieber universitäre Freiheiten wie die flexible Zeitplanung oder das Partyleben, andere wiederum springen auf den schnellen Karrierezug auf, statt sich mit mühseliger Hochschulpolitik und Kürzungsdebatten auseinanderzusetzen. Zeit ist Geld – da haben manche nur wenig Sinn für politisches Engagement übrig. Immer mehr Studierende begreifen die Hochschulen mehr als Karrieresprungbrett denn als Bildungseinrichtung; statt geistiger Entwicklung scheint die Vorbereitung auf das Berufsleben Hauptziel des Studiums geworden zu sein.

Dieser seltsame Gegensatz von politischer Apathie und politischem Engagement ist auch in Halle angekommen. Einerseits gibt es auch an der MLU viele Gruppierungen, angefangen beim tatkräftigen »Aktionsbündnis«, über Hochschulgruppen, die fast das gesamte politische Spektrum abdecken, bis hin zu überregionalen Organisationen wie den »Jungen Europäischen Föderalisten«.

Andererseits ist die studentische Mitwirkung an der Hochschuldemokratie erschreckend gering.

So lag die Wahlbeteiligung bei der letzten Wahl des Studierendenrates der MLU bei gerade mal 22 Prozent, was im Vergleich der letzten Jahre ein regelrechter Rekordwert ist. Dazu demonstriert ein vom StuRa selbst produzierter Videoclip anschaulich, dass sich nur wenige Studenten seiner Existenz, geschweige denn Tätigkeit, bewusst sind.

Dennoch: Trotz schwindender Beteiligung bei Wahlen gelingt es Gruppen wie zum Beispiel dem »Aktionsbündnis MLU« immer wieder, eine große Anzahl von Studenten zu mobilisieren, wie etwa vor einiger Zeit beim Thema Kürzungsdebatte, als sich rund 6000 Studenten zur Demonstration versammelten. Auch der Besuch einer gut gefüllten Diskussionsveranstaltung der Jungen Europäischen Föderalisten zeigte, dass durchaus Interesse auch an europapolitischen Themen vorhanden ist.

Wie also sieht die Diagnose aus? Der Patient Universität scheint gleichzeitig hochaktiv und lethargisch, engagiert und desinteressiert zu sein. Ein aktives Koma. Ein Zustand, der weder Konsens noch Einigung verspricht, für den keine Behandlung möglich scheint.

Doch vielleicht liegt der Lösungsansatz bei den Universitäten selbst. Denn trotz aller Schwierigkeiten, Uneinigkeiten und Gegensätze bleiben sie das, was sie schon immer waren: Schmelztiegel unterschiedlicher Meinungen, Foren zum Ideenaustausch – und Möglichkeiten zum gegenseitigen Verständnis.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 19.12. 2014 | Bearbeitet: 18.12. 2014 18:47