Mrz 2014 hastuPAUSE Nr. 52 0

Absurd und nichtig

Albert Camus’ ≫Der Fremde≪: Ein schlichter Roman, der auch mehr als siebzig Jahre nach Erscheinen seine Tiefen und Zeitlosigkeit beweist.

Illustration: Marcel Wiessler

Illustration: Marcel Wiessler

»Heute ist Mama gestorben.« So beginnt »Der Fremde«. Ein junger Algerier französischer Herkunft ohne Vornamen hört auf den Namen Meursault. Den Tod der eigenen Mutter behandelt er wie irgendein anderes unbedeutendes Alltagserlebnis, und so ganz sicher ist er sich auch nicht, ob sie wirklich heute oder gestern verstorben ist.
Er erzählt sein Leben wie in Momentaufnahmen, ohne gestern und morgen. Er nimmt es so, wie es eben kommt. Immer mit einer Gleichgültigkeit, die dem leidenschaftlicheren Leser schnell auf den Magen schlägt, aber auch seltsam fasziniert. Die höchste Gefühlsregung ist zeitweise eine gewisse Gereiztheit, so etwa bei der Beerdigung der eigenen Mutter, aber auch diese wird rasch wieder von Gleichgültigkeit abgelöst.
Marie, das Mädchen, mit dem er sich trifft, fragt ihn, ob er sie lieben würde. Er sagt, das sei doch egal, es würde ja nichts bedeuten. Trotzdem sei er sich absolut sicher, dass er sie nicht lieben würde. Wenn sie es wolle, könnte man aber trotzdem heiraten. Sie verbringen zusammen Zeit am Strand und schlafen miteinander. Er sagt zu ihr, sie sei schön. Das alles ist ehrlich und irgendwie vollkommen gefühllos.
Meursault ist kein Protagonist, mit dem der Leser sich identifizieren kann, keiner, der als Antiheld polarisiert oder zu dem man aufschaut. Die Menschen um ihn herum sind ihm ziemlich egal, lieber erfreut er sich am Rot des Horizonts unter der sinkenden Abendsonne oder am Gefühl trocknenden Meersalzes auf der Haut.
Eines jedoch ist Meursault in radikalster Weise: von Grund auf ehrlich. Wie sich im zweiten Teil des Romans herausstellen wird, verweigert er sich der Lüge sogar um den Preis des eigenen Lebens.
Stellt sich die Frage: Wie soll man einen solchen Menschen mögen? Und wie soll man ihn zugleich nicht mögen? Meursault aber würde antworten: »Man muss mich gar nicht mögen, ça m«est égal, das ist mir egal.« Zwischenzeitlich fühlt sich der Leser, als sei selbst die Handlung des Werkes ein bisschen egal; die Ereignisse wirken zufällig, willkürlich und überflüssig, sinnlos obendrein. Ein leichtlebiger Ausflug an den Strand gemischt mit einigen unglücklichen Zufällen, jedoch macht Meursault schließlich zum Mörder und Angeklagten und zwingt ihn, seine bisher völlig passive Lebenseinstellung zu überdenken.
Die Schlichtheit der Worte, die Monotonie der Zeitform, die spannende, aber trotzdem schnörkellos dargelegte Handlung, all das ist typisch Camus.
Einhundert Jahre alt wäre er im November 2013 geworden. Einhundert Jahre absurder Existenz waren ihm jedoch nicht vergönnt, die seine wurde 1960 abrupt durch einen Autounfall auf dem Weg nach Paris beendet.
Geschrieben 1942, gilt das Werk heute, neben »Die Pest«, zu den bekanntesten Romanen Camus« und als eines der Hauptwerke des Existentialismus. Auf bemerkenswerte Art erkennt der Protagonist Meursault die eigene Geworfenheit in seine Existenz an. Diese ist ein typisches Element des Existentialismus, einer philosophischen Strömung, die in den 1940er-Jahren in Frankreich florierte, die absolute Freiheit und radikale Verantwortung des Individuums ausrief und den Menschen als in eine absurde Welt ohne Sinn geworfen ansah. Neben Albert Camus sind Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir die existentialistischen Gallionsfiguren. Camus hat sich dabei vor allem dem Absurden verschrieben: Wozu leben, wenn alles absurd ist, sinnlos und sowieso irgendwie umsonst?
Er verstand das Leben als Existenz ohne Sinn, die unweigerlich endet und nach der nichts mehr kommt, eine durchweg atheistische Perspektive also. Der Protagonist ist das perfekte Beispiel einer überflüssigen Existenz. Er hinterlässt keine Spuren, keine Risse, kein prägnantes Gefühl im Leser. Nur so viel: Gegen Ende des Buches bekommt der Name Meursault auch eine Bedeutung, die französischen Worte »Meurs, sot!« sind homophon und bedeuten so viel wie »Stirb, Dummkopf!«.
Der Existentialismus hat bis heute stark an Popularität eingebüßt. Trotzdem ist dieses Buch noch immer als An-regung für alle zu empfehlen, die auf der ewigen Suche nach dem Sinn oder Unsinn dieses Lebens mal über ihren philosophischen Tellerrand schauen möchten.
Für jeden, der aus dem Französischunterricht noch passable Kenntnisse dieser wundervollen Sprache mitgebracht hat, ist dieses Buch mit seinen rund 140 Seiten übrigens durchaus auch in der Originalfassung zu empfehlen.

  • Albert Camus: L«Étranger. Erstausgabe Paris 1942
  • In deutscher Übersetzung: Düsseldorf 1948, Reinbek 1990

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 19.03. 2014 | Bearbeitet: 17.03. 2014 17:46