Jun 2014 hastuPAUSE Nr. 55 0

Abtauchen in einen Alptraum

Der Psychothriller »Abgeschnitten« von Fitzek/Tsokos macht süchtig und schockiert.

München: Droemer/Knaur 2012/2013 400 Seiten, als Taschenbuch 9,99 EUR

München: Droemer/Knaur 2012/2013
400 Seiten, als Taschenbuch 9,99 EUR

Ich sitze in der Vorlesung. Öffentliche Güter werden diskutiert: Ausschlussprinzip, Trittbrettfahrerverhalten … Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, denn ich denke an mein Buch.

Leichen – Skalpelle – Obduktionen

Durch einen Orkan gefangen auf der Nordseeinsel Helgoland sieht sich die junge Comiczeichnerin Linda mit der Herausforderung konfrontiert, eine Leiche zu öffnen. Dem Stress und Streit mit dem Exfreund entfliehend, entpuppt sich ihr vermeintlicher Zufluchtsort als nervenzerreißender Schauplatz des Grauens.

Paul Herzfeld, Rechtsmediziner des BKA, entdeckt eine Telefonnummer und einen Namen. Direkt auf dem Seziertisch – im Schädel einer bestialisch hingerichteten Leiche. Der Entführer seiner Tochter Hannah kommuniziert mit ihm. Herzfeld wird zur Spielfigur im abgedrehten Spiel um das Leben von Hannah. Bei der Hetzjagd um ihr junges Leben soll Herzfeld einen weiteren sich auf der vom Festland abgeschnittenen Insel Helgoland befindlichen Leichnam obduzieren. Linda spielt bei diesem unmöglich erscheinenden Unterfangen eine bedeutende Rolle: Sie findet die Männerleiche und beantwortet Herzfelds Anruf, als das Handy in der Tasche des Toten klingelt.

Linda wird eine Leiche aufschneiden. Sie wird ein Skalpell in der Hand halten und durch die Haut eines leblosen Menschen dringen. Dabei ist sie nicht alleine. Paul Herzfeld wird ihr Anweisungen erteilen. Am Telefon.

Emotionen und Wissenschaft

»Abgeschnitten« ist ein Psychothriller der Extraklasse. Sebastian Fitzek, einer der erfolgreichsten deutschen Autoren seines Genres, und Michael Tsokos, Gerichtsmediziner an der Berliner Charité, haben in Zusammenarbeit einen spannenden und verstörenden Thriller geschrieben. Die Zusammenkunft der beiden an einem Würstchenstand auf einem Event hat den Grundstein für die Idee des Buches gelegt. Auf die Frage Fitzeks, ob Michael Tsokos sich vorstellen könne, einen Psychothriller zu schreiben, antwortete dieser mit der Idee für den grundlegenden Handlungsablauf von »Abgeschnitten«.

Die spannende Schreibweise und Fitzeks unvergleichlicher Stil verbunden mit Tsokos« fachlichen Know-How ist eine explosive Mischung. Die brutale Wahrheit des Aufschneidens von Leichen erhält durch Tsokos« Einfluss eine unglaubliche Authentizität, die eine ernüchternde, fast beruhigende Wirkung in dem Labyrinth aus psychologischem Terror hat. Sachlich, wissenschaftlich – na, so werden Leichen eben aufgeschnitten. Das läuft nach dem Schritt-für-Schritt-System ab, welches sich wie eine To-Do-Liste abhaken lässt. Der Psychoterror, den die Protagonisten erleiden müssen, kommt jedoch überraschend, kalt und verursacht tiefere Wunden als jedes Skalpell.

Diese unglaubliche Mischung aus Emotionen und Wissenschaft holt den Leser ab und führt ihn durch den gesamten Plot. Man ist gefesselt. Das Gefühl, die Protagonisten auf ihrer Reise durch die seelischen Abgründe eines Verrückten zu begleiten, mit ihnen zu zittern, zu bangen und zu hoffen, sorgt dafür, dass man selber ein Teil der Geschichte wird und teilnimmt an den Gefühlen und den Schmerzen der Charaktere, die einem auf verwunderliche Weise sehr stark ans Herz wachsen. Diese imaginäre Verbindung zu den Handlungsträgern trägt dazu bei, dass es dem Leser fast unmöglich erscheint, das Buch aus den Händen zu legen. Der Alptraum anderer wird, eingekuschelt im eigenen Bett mit einem leckeren Tee, zu einer Zerreißprobe der eigenen Nerven – aber man liegt doch sicher im Bett? Das ist Fitzek.

Über Alessa Breitenfeld

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Erstellt: 30.06. 2014 | Bearbeitet: 28.06. 2014 22:09