Jun 2014 hastuUNI Nr. 55 0

1042 Stellen bis 2020

Der Freistaat Sachsen hält seit vier Jahren an seinem Kürzungskonzept fest

Foto: Fabian Bruck

Foto: Fabian Bruck

Massive Kürzungen an den sächsischen Hochschulen sind keine Erfindung dieses Jahrzehnts. Seit 1993 sank die Zahl der Personalstellen um etwa 4000. Die aktuellen Stellenstreichungen finden ihren Ursprung jedoch erst im Jahr 2010. Die Pläne für die kommenden zehn Jahre: Abbau von mindestens 715 Stellen bis 2020, also etwa acht Prozent aller Stellen.

Konkretisiert wurde dies in dem im folgenden Jahr vorgestellten Hochschulentwicklungsplan 2020. Diesem zufolge sollen im Zeitraum 2013 bis 2015 jährlich 100 Stellen gestrichen werden, anschließend jährlich 83. 2015 ist eine Evaluierung geplant, insbesondere der Entwicklung der Studienanfängerzahlen. Je nachdem, wie diese ausfällt, könnten bis 2020 noch weitere 327 Stellen wegfallen, insgesamt also bis zu 1042.

Zweifellos haben sich die Immatrikulationszahlen anders entwickelt als vom Wissenschaftsministerium (SMWK) ursprünglich prognostiziert. Noch 2011 ging das SMWK von einem Rückgang auf knapp 17 000 Studienanfänger im Jahr 2012 aus, tatsächlich immatrikulierten sich in jenem Jahr aber knapp 21 000 Studenten. Das SMWK erklärte daraufhin, am geplanten Personalabbau dennoch festhalten zu wollen, den Hochschulen jedoch – zeitlich befristet und auf die Lehre beschränkt – Mitarbeiter im Rahmen eines »Überlastpakets« zur Verfügung zu stellen. Weiterhin geht das SMWK von einer deutlichen Verschlechterung der Haushaltssituation des Freistaates aus. Als Gründe führt es vor allem das Auslaufen des Solidarpakts im Jahr 2019 und ein durch den demografischen Wandel bedingtes geringeres Steueraufkommen an.

Das Uni-Rektorat hat sich bereits mehrfach deutlich gegen die auferlegten Stellenkürzungen positioniert. Erst kürzlich bekräftigte Rektorin Beate Schücking, dass sie im Auftrag des Ministeriums etwas umsetzen müsse, wovon sie selbst nicht überzeugt sei. »Ganz im Gegenteil: Ich bin der Auffassung, dass hier bereits genug gekürzt wurde«, äußerte sie gegenüber student!.

Bereits Ende 2011 nahmen die Kürzungspläne dennoch konkrete Formen an, als die Hochschulen erstmals aufgefordert wurden, zu streichende Stellen zu benennen. Die Uni Leipzig benannte zunächst 48 Stellen für die Jahre 2013/14. Neben Kürzungen in der Zentralverwaltung, Universitätsbibliothek und einigen Fachbereichen sorgte vor allem die geplante Schließung des Instituts für Pharmazie für heftige Kritik.

Das Rektorat argumentierte damit, dass es in Halle einen deutlich größeren Pharmaziestudiengang gebe und jener in Leipzig von Beginn an zu klein angelegt gewesen sei. Studenten und Apothekerverbände hielten dem die hohe Studienabschlussquote von 80 bis 90 Prozent entgegen und verwiesen auf einen drohenden Apothekermangel in Sachsen. Das Sozialministerium verweigerte daraufhin sein Einvernehmen mit den Schließungsplänen, weshalb die Zukunft des Instituts nun seit zweieinhalb Jahren in der Schwebe ist. Zum vergangenen Wintersemester wurden wegen erster wegfallender Stellen jedoch weniger Studenten immatrikuliert als in den Jahren zuvor.

Anfang 2014 bekamen die Diskussionen um die Hochschulkürzungen neuen Auftrieb, als das Uni-Rektorat seinen Plan für jene 24 Stellen bekanntgab, die 2015 wegfallen sollen: Neben zwölf Plätzen für Auszubildende in der Verwaltung trifft es diesmal vor allem die Institute für Archäologie und Theaterwissenschaft, die nun akut von der Schließung bedroht sind. Seit Beginn des Sommersemesters gibt es wöchentliche Aktionen gegen die Pläne. An zahlreichen Instituten hängen seitdem Protestbanner. Die Theaterwissenschaftler veranstalteten im Februar in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel eine mehrstündige Soliveranstaltung, an der sich zahlreiche internationale Künstler beteiligten. Im April folgte eine fünftägige Dauervorlesung in einem Protestcamp nahe des Unicampus. Außerdem radeln mehrere hundert Studenten regelmäßig gegen die Kürzungen und führen symbolische Aktionen durch, etwa eine Grabtragung der »Volluniversität Leipzig«. Am 25. Juni findet schließlich unter dem Motto »Kürzer geht«s nicht« – so auch der Name des organisierenden Aktionsbündnisses – eine Großdemo in Leipzig statt. Mobilisierend könnte eine aktuelle Prognose der Kultusministerkonferenz wirken, die den ursprünglichen Annahmen des SMWK widerspricht und stabile Studienanfängerzahlen in Sachsen bis 2025 vorhersagt. Der Senat der Uni Leipzig beschloss im Mai, dass an jenem Tag »keine Prüfungs- oder Prüfungsvorleistungen abgenommen oder prüfungsrelevante Inhalte vermittelt werden sollen«.

Text: René Loch
René ist Chefredakteur bei der unabhängigen Leipziger Hochschulzeitung student!

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 27.06. 2014 | Bearbeitet: 27.06. 2014 20:24