Dez 2013 hastuINTERESSE Nr. 51 1

Zyankali

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Es ist Mittag, das erste Seminar des Tages beginnt gleich. Zunächst jedoch verbringe ich noch ein wenig Zeit auf den Treppen des Löwengebäudes und beobachte das Treiben auf dem Campus.

Ich habe mir in der Mensa einen Kaffee gekauft, welcher geschmackstechnisch auf einer Skala von −10 bis 0 nicht einzuordnen ist. Jedoch ist er flüssig und versorgt mich mit aufputschenden Inhaltsstoffen.

Offensichtlich hat die Erstizeit wieder angefangen. Dies macht sich folgendermaßen auf dem Campus bemerkbar: Mädchen, welche scheinbar vor zwei Monaten noch mit Polly Pocket und ihrem Barbie-Traumhaus im Kinderzimmer gespielt haben, legen nun in mehr oder weniger geschmacklosen Miniröcken und überteuerten Hosenanzügen ihre ersten Gehversuche in Stöckelschuhen auf dem Unigelände hin. Kleiner Tip: Kopfsteinpflaster eignet sich nicht für Probeläufe mit Highheels! Die männlichen Artgenossen verhalten sich aber keineswegs besser, sondern versuchen, sich kurz nach Beginn des Studiums anzuziehen wie ihre eigenen Großväter in den 60ern. Karierte Sakkos, welche nicht einmal mehr bei Humana zu finden sind, werden kombiniert mit Schnauzbart, in Fachkreisen auch als »Rotzbremse« bekannt. Dazu eine modische Aktentasche. Als schmieriger Versicherungsvertreter verkleidet geht es nun schleunigst in Richtung Prof, noch ein bisschen schleimen und belanglose Fragen stellen.

Langsam ist mein Kaffee alle, und ich mache mich auf zum Seminar. Thema scheint laut Stud.IP »Wissenschaftliches Arbeiten« zu sein. 90 Prozent der Anwesenden haben ihre Hausaufgabe jedoch bei Wikipedia abgeschrieben, was den Dozenten in keiner Weise auf die Palme bringt. Stattdessen wird der wissenschaftlich ambitionierte Nachwuchs gelobt, weil sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Mehrere Studenten versuchen nun zeitgleich ihr iPad und iPhone an ihren Mac anzuschließen, um dann auf allen Endgeräten bei Facebook eingeloggt zu sein.

Schade, dass der Kaffee keine giftigen Inhaltsstoffe enthält, denke ich mir und suche erst einmal die Toilette auf, kaufe einen neuen Kaffee und setze mich noch einmal zur Belustigung in das Seminar.

Über Christian Schön

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Erstellt: 10.12. 2013 | Bearbeitet: 29.04. 2014 18:35