Dez 2013 hastuUNI Nr. 51 0

Zu viel Information

Das Phänomen der Hochsensibilität betrifft bis zu 20 Prozent der Bevölkerung und ist in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend in den gesellschaftlichen Fokus gerückt.

Illustration: Marcel Wiessler

Illustration: Marcel Wiessler

Auf dem Marktplatz zwischen Ratshof und Marienkirche drängeln sich viele Menschen aneinander vorbei. So schnell einige im Blickfeld auftauchen, so schnell sind sie kurz darauf schon wieder verschwunden. Stimmengewirr mischt sich mit dem quietschenden Geräusch der haltenden Straßenbahn, der Glockenmelodie des Roten Turms, dazu das penetrante Parfum einer vorbeihuschenden Dame und dann ein kaum definierbarer Gestank aus dem Mülleimer nebenan. Mitten dort steht Maria Schubert im Frühjahr 2013, und all diese Eindrücke strömen mit einem Mal auf sie ein. Für sie zu viele Reize, zu viel Information, aber keine Möglichkeit auszublenden, abzuschalten.

Sensibel zu sein ist in unserer Gesellschaft negativ konnotiert. Wer sensibel ist, gilt als schwach, hält angeblich nichts aus, so die landläufige Meinung. Die Annahme, dass eine besonders stark ausgeprägte Sensibilität ein angeborenes Phänomen sein könnte, gibt es erst seit knapp zwei Jahrzehnten. Auslöser für ein Umdenken war der erste wissenschaftliche Artikel der Amerikanerin Elaine Aron zum Thema, der 1997 im Journal of Personality and Social Psychology erschien, gefolgt von ihrem Buch »The Highly Sensitive Person«, das zwei Jahre später zum Bestseller wurde.

Von Reizen geradezu überflutet

Maria studiert in Halle Politik- und Südasienwissenschaften und hat momentan den Lehrauftrag für Hindi inne. Ich treffe sie an einem Freitag in der Harzmensa. Eigentlich, sagt sie, sei die Mensa aufgrund der vielen lauten Geräusche, Gerüche und Menschenmassen eine hochsensiblenfeindliche Zone. Für das Interview aber kann sie hier gut beschreiben, wie sie ihre Umwelt wahrnimmt.

Hochsensibilität sieht man einem Menschen nicht an, auch ist sie keine Krankheit, von der man »geheilt« werden muss. Viele Hochsensible nehmen ihre Veranlagung auch als Bereicherung wahr, für andere ist es eher beschwerlich, sich im rasanten, lauten Alltag zurechtzufinden. Maria selbst weiß erst seit Sommer 2013, dass sie hochsensibel ist. Die Vermutung hatte sie bereits seit 2011, als sie zufällig auf einen Artikel zum Thema stieß, aber erst die Situation auf dem hallischen Marktplatz Anfang 2013 stellte für sie den Anlass dar, sich noch einmal mit dem Thema zu beschäftigen.

Der Anteil der hochsensiblen Menschen in der Gesamtbevölkerung wird auf 15 bis 20 Prozent geschätzt, den meisten Betroffenen dürfte also gar nicht bewusst sein, dass sie hochsensibel sind. Viele, die zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kommen und feststellen, dass diverse der typischen Charakteristika auf sie zutreffen, empfinden eine große Erleichterung, die manchmal auch als erleuchtend beschrieben wird. So auch Maria, die ganz besonders stark auf visuelle und auditive Reize reagiert. Wenn sie beispielsweise in einem vollen Bus sitzt, hört sie gleich mehrere Gespräche in ihrer Umgebung mit, ohne einfach »abschalten« zu können wie andere. Der Wahrnehmungsfilter Hochsensibler ist nämlich wesentlich schwächer ausgeprägt als bei Nicht-Hochsensiblen. Daher findet sie selbst den englischen Begriff sensory processing sensitivity (so viel wie »Reizverarbeitungsempfindlichkeit«) am treffendsten, da er nicht die ungünstigen Assoziationen des »Sensibelchens« hervorruft.

»Mach dir doch keinen Kopf!«

Das Spektrum der Charakteristika der Hochsensibilität ist breit gefächert. Im Allgemeinen reagieren HSP (Highly Sensitive Person(s)) stärker auf äußere, aber auch innere Reize als nicht-hochsensible Menschen. Das heißt, sie nehmen die ohnehin schon komplexe Umwelt noch deutlicher wahr. Als gutes Beispiel nennt Maria hier eine lärmige, überfüllte Disco mit greller Beleuchtung, in der sie es nicht lang aushält und sich recht schnell zurückziehen muss.

Besonders stark nehmen Hochsensible ihr eigenes Innenleben wahr. Sie reflektieren ihr vielschichtiges, komplexes Denken oftmals auf metakognitiver Ebene, denken in größeren Zusammenhängen und beschäftigen sich mehr mit den eigenen Gedanken. Die Flucht vor dem eigenen Denken ist nicht so leicht möglich wie die aus der Disco und kann zu einer enormen Belastung werden. Von Freunden bekommen HSP also häufig zu hören: »Mach dir doch keinen Kopf, denk einfach nicht mehr darüber nach.« Auch hier erfahren HSP oft Unverständnis.

Hochsensible neigen zu Introversion, da sie manchmal ein geringeres soziales Bedürfnis haben, so Maria. Auch hegen sie häufig eine Abneigung gegen Oberflächliches, ein besonders starkes Bedürfnis nach tiefgründigen Gesprächen und pflegen deshalb eher wenige, dafür aber tiefe Freundschaften.

Außerdem bemerkt man bei vielen HSP ein großes Harmoniebedürfnis sowie eine überdurchschnittlich stark ausgeprägte Gewissenhaftigkeit, die mit teilweise sehr hohen moralischen und intellektuellen Ansprüchen an die eigene Person, aber auch an andere einhergeht. So streben viele in allerlei Lebensbereichen nach idealistischer Vollkommenheit, was schnell zu Enttäuschung und Frustration führen kann.

Die komplexe Persönlichkeitsstruktur vieler HSP erschwert ihnen in manchen Situationen das Leben, und die Leistungsfähigkeit Hochsensibler ist zeitweise eher eingeschränkt. So braucht auch Maria selbst mehr Ruhephasen, um sich nach einer Überreizung zu regenerieren, die sich meist durch innere Unruhe und Angespanntheit zeigt. Mehr aufgenommene Information überfordert und braucht einfach mehr Verarbeitungszeit. Die Veranlagung hat aber durchaus auch Vorteile, so zum Beispiel durch das stärker empfundene Gefühlsleben und eine Empathie, die von vielen Mitmenschen geschätzt wird.

Austausch zwischen Hochsensiblen

2003 wurde in Bochum der Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität e. V. gegründet, der mit derzeit 230 Mitgliedern ein deutschlandweites Netzwerk von Kontaktpersonen aufbaut. Maria ist seit Sommer 2013 die Kontaktperson des Vereins für den Raum Halle. Ihr Ziel ist, zunächst mehr Menschen auf das Thema aufmerksam zu machen und denen, die feststellen, dass sie selbst hochsensibel sind, eine kompetente und verständnisvolle Ansprechperson und Hilfe zu sein. Dazu würde sie in Halle beispielsweise gern einen Gesprächskreis etablieren, um den Austausch zwischen hochsensiblen Menschen zu fördern.

Maria glaubt, dass das Thema vor allem jetzt zu Tage tritt, da unsere Welt immer lauter, bunter, komplexer und vielfältiger wird. Hochsensible hat es zwar vermutlich schon immer gegeben, jedoch noch nie zuvor mussten sie sich einer solchen Flut von Reizen stellen.

Wer gern weitere Informationen zum Thema hätte oder nun selbst vermutet, hochsensibel zu sein, kann sich an Maria wenden. Sie ist erreichbar unter:
hallesaale(Klammeraffe)hochsensibel.org.
Website des Vereins
Illustration: Marcel Wiessler

Illustration: Marcel Wiessler

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 05.12. 2013 | Bearbeitet: 17.03. 2014 18:04