Dez 2013 hastuUNI Nr. 51 0

Die Zeiten ändern sich

Die Initiative zur Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße ist im Gange. Wieso und warum sie umbenannt werden soll, wird im Folgenden geklärt.

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Für das Jahr 2014 ist der Umzug vieler geistes- und sozialwissenschaftlicher Institute, in erster Linie der Philosophischen Fakultät I, geplant. Diese sollen in die neuen Räumlichkeiten des Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Zentrums in der Emil-Abderhalden-Straße ziehen. Doch bevor das geschehen kann, soll erst noch etwas Grundlegendes geändert werden. Die Straße des neuen Standortes trägt seit 1946 diesen Namen, doch seit dieser Zeit hat sich vieles in Hinblick auf Emil Abderhalden geändert.

Emil Abderhaldens Vergangenheit und Wirken

1915 schon gründete der gebürtige Schweizer einen »Bund zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft«, dazu kaufte er mehrere Morgen Land und verpachtete sie an bedürftige Arbeiterfamilien innerhalb Halles. Eine an sich lobenswerte Idee, aber der Name deutet bereits auf die Intention hin. 1934 trat er dem NS-Lehrerbund bei und unterschrieb im selben Jahr den Wahlaufruf »Deutsche Wissenschaftler hinter Adolf Hitler« im »Völkischen Beobachter«. Er war ein starker Unterstützer der eugenischen und rassenhygienischen Idee und verantwortete als Präsident der Leopoldina die Aufnahme mehrerer Rassenhygieniker in die Akademie. Später dann begann er schon im vorauseilendem Gehorsam die jüdischen Mitglieder der Leopoldina hinauszuwerfen, 1938 meldete er dem Gauleiter dann, dass die »Mitglieder jüdischer Abstimmung ausgemerzt worden«. Als berühmtestes »Opfer« ist Albert Einstein zu nennen, sechs der »Mitglieder jüdischer Abstammung« wurden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert. Und nur um diese Verbindung zu zeigen: Abderhalden stand auch in regem Kontakt mit dem KZ-Arzt von Auschwitz Josef Mengele, welcher durch Abderhaldens Theorien zu einigen Forschungen angeregt wurde.

Hinzu kommt, dass seine Ergebnisse zu großen Teilen falsch, wenn nicht sogar gefälscht waren. Bereits 1913 wurden Stimmen laut, die seine Forschung zur Schwangerschaftsdiagnose kritisierten: die Aussage war, dass die von Abderhalden entdeckte Reaktion, die eine Schwangerschaft nachweisen sollte, nicht existiere. Abderhalden wies dies zurück und unterstellte seinen Gegnern eine falsche Handhabung, was er öfter behauptete, wenn Kritik an seinen Forschungen aufkam. Auch eine Kritik Leonor Michaelis‘ 1914 konnte zeigen, dass diese Reaktion des Serums fehlte. Dreißig Jahre später erinnert sich Abderhalden in einem Brief an seinen Leopoldina-Kollegen Paul Uhlenhuth: »[E]ine Erklärung von Michaelis, worin er mitteilte, es liege eine Selbsttäuschung vor, an der Abwehrfermentreaktion sei nichts dran. – Es war ein Glück, dass der Ausbruch des [I.] Weltkrieges die ganze Hetze unterband.«

So hinterlässt auch die dauernde Verweigerung Abderhaldens, den Zweifeln seiner Kritiker wissenschaftlich nachzugehen, einen bitteren Nachgeschmack und lässt Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit aufkeimen.

Abderhalden konnte sich aber dennoch jahrzehntelang gegen die Vorwürfe wehren, indem er sein politisch-wissenschaftliches Umfeld mobilisierte.

Emil Abderhalden (1877 bis 1950) Physiologe, ab 1932 Präsident der Leopoldina (undatierte Aufnahme) Foto: George Grantham Bain Collection (Library of Congress)

Emil Abderhalden (1877 bis 1950)
Physiologe, ab 1932 Präsident der Leopoldina (undatierte Aufnahme)

Foto: George Grantham Bain Collection (Library of Congress)

Die aktuelle Debatte

Bereits 2010 hat die Stadtratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen einen Antrag zur Umbenennung eingebracht, dieser wurde aber auf unbestimmte Zeit verschoben, da man den internen Bericht der Leopoldina abwarten wollte. Dies ist nun mehr als drei Jahre her.

Im September dieses Jahres hat eine Gruppe von MLU-Professoren die Diskussion neu entfacht, denn diese wollen das Geistes- und Sozialwissenschaftliche Zentrum nicht in einer Straße wissen, die den Namen eines ehemaligen Hitler-Unterstützers trägt.

Martin Grimm, Fachreferent für die grüne Stadtratsfraktion, hat sich seit 2010 ausgiebig mit dem Thema Emil Abderhalden beschäftigt. Damals habe der Stadtrat beschlossen, noch auf ein Gutachten der Leopoldina zu warten, das sich angeblich speziell mit der Vergangenheit der Leopoldina während des Dritten Reiches beschäftigen sollte. Stattdessen aber befasst sich dieses Gutachten mit ihrer kompletten Geschichte, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht – und es liegt immer noch nicht vor.

Die Grünen betrachteten die Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße als Pilotprojekt, da die Beweislage eigentlich sehr eindeutig sei. Der Ausschuss nahm aber trotzdem den Umweg über die Leopoldina. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte der Antrag innerhalb eines halben Jahres abgeschlossen sein müssen. So verlangt es die Geschäftsordnung des hallischen Stadtrats.

Seit 2010 gab es zwei weitere Anträge auf Straßenumbenennung, die beide bereits realisiert wurden. Bis heute gibt es in Halle noch weitere umstrittene Straßennamen (beispielsweise die Kaiser-Wilhelm-Straße und die Bismarck-Straße), die laut Grimm noch zur Änderung ausstehen.
Für den neuen Namen der Emil-Abderhalden-Straße schlagen die Grünen wie auch die Professoreninitiative unter anderem die folgenden Namen vor:

  • Anton Wilhelm Amo: Erster afrikastämmiger Student und Professor an der Universität Wittenberg im 18. Jahrhundert
  • Adolf Goldschmidt: Jüdischer Kunstgeschichtsprofessor, der von den Nazis vertrieben wurde
  • Guido Kisch: Jüdischer Jurist und Rechtshistoriker, Dekan der juristischen Fakultät in Halle von 1925 bis 1926, vertrieben von den Nazis

Wichtig für die Antragsteller war, dass der neue Name einen positiven Bezug zur hallischen Geschichte und zur Uni hat.

Voraussichtlich am 18. Dezember fällt der Stadtrat eine Entscheidung, und die Straße wird im Laufe des nächsten halben Jahres umgetauft. Damit sollte dann die ganze Debatte ein Ende haben, und alle dürften mit gutem Gewissen in das neue Geistes- und Sozialwissenschaftliche Zentrum ziehen können.

Über Alida Sauer

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Erstellt: 03.12. 2013 | Bearbeitet: 07.04. 2014 19:39