Jul 2013 hastuINTERESSE Nr. 49 0

Wohngemeinschaft des Wahnsinns

Ein Kommentar zur Kuriosität des unvermeidlichen WG-Castings

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Die logische Konsequenz der offenbar allseits herrschenden studentischen Wohnungsnot ist die Zusammenrottung verschiedenster Persönlichkeiten auf engstem Raum zwecks Geldknappheit, sprich: Die gute alte Wohngemeinschaft.

Wer in eine WG zieht, bekommt von der Oma noch ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg: »Ach, die jungen Leute sollen sich doch ausprobieren, aber schief geht das ja meistens trotzdem immer.« Damit das Projekt Wohngemeinschaft dann auch nicht gepflegt in die Hose geht, müssen natürlich passende Mitbewohner her.

Zum Ende des Sommersemesters steigt die Zahl der zunehmend verzweifelten Wohnungssuchenden, vor allem, um dem Ersti-Ansturm zum Wintersemester zu entgehen. Nach der Suche und vor dem Einzug jedoch ist dann noch ein leidiges Hindernis zu überwinden: Das WG-Casting. Die Chance, auf Anhieb einen geeigneten Mitmenschen für das gemeinsame Domizil zu finden, ist meist in etwa so groß wie die, beim Nasebohren auf Gold zu stoßen.

Kandidat um Kandidat wird also misstrauisch beäugt, auf Anomalien getestet, ungeniert ausgefragt und muss sich selbst in rund dreißig Minuten geschickt verkaufen, um bei allen Mitbewohner gut anzukommen. Ein unbedachter Satz (»Naja, also gegen Veganer wie dich hab ich ja nichts, aber die Leute, die auch keine Eier essen oder Milch trinken, find ich echt so gestört.«) kann schnell das Aus, Tschüss, Bye-bye bedeuten.

Wer denkt, dass die Suche nach neuen Mitbewohnern nur für die Kandidaten ausgesprochen ätzend wäre, irrt. Als Student ist man zwar selbst naturgemäß entscheidungsträge, aber dennoch schießen die Ansprüche schnell in astronomische Höhen, soll der zukünftige Küchen-, Bad- und Flurmitbenutzer bestmöglich gleich zahlreiche Eigenschaften in sich vereinen, ohne dabei schizophren zu werden. Die englischen Entsprechungen unseres recht wertneutralen »Mitbewohners« reichen jedenfalls vom kumpelhaften »house mate« bis hin zum sehr förmlichen »cohabitor«, meist wissen wir doch selbst nicht, wonach wir eigentlich suchen.

Wenn bereits alteingesessenen WG-Insassen beim »Casting« die Dieter-Bohlen-Rolle zukommt, verhalten diese sich dann auch gern wie selbiger. Machtmissbrauch par excellence. Der arme Kandidat wird so richtig in die Zange genommen, ausgequetscht und dann in völlig perplexem Zustand dezent, aber ohne Recall-Zettel zum baldigen Verlassen der Wohnung animiert.

Mit der Entscheidung lassen die Diktatoren des WG-Castings sich dann auch meist ordentlich Zeit. So mancher Kandidat sollte wohl lieber weiter auf seinen Brief aus Hogwarts hoffen als auf eine klare Absage.

Wirklich hilfreich ist das Casting ja sowieso nicht, dafür aber leider unvermeidlich, nervig und zeitaufwändig, wo man am Ende doch sowieso die Katze im Sack kauft. Der nette Typ kann sich als Psychopath entpuppen, aus dessen Zimmer nachts mysteriöse Geräusche dringen, die an gefolterte Katzenbabys erinnern. Oder das hübsche liebe Mädel wird regelmäßig zur unkontrollierten Furie, hat man mal wieder aus Versehen einen Fettfleck auf ihrem Schminkspiegel im Bad hinterlassen. Die eigene Menschenkenntnis war während des Castings anscheinend gerade im Urlaub. Das stellt sich dann aber natürlich erst heraus, nachdem sich der Neuzugang so richtig breit gemacht hat und nur schwer oder gar nicht mehr wegzuekeln ist.

Mit ein bisschen Offenheit und Ehrlichkeit, von ersterer etwas mehr, von letzterer selbstredend lieber weniger, findet man schon einen Weg des harmonischen Zusammenlebens.

Und wenn nicht, dann gibt’s ja noch Einzelappartements im Studentenwohnheim; die sind auch nicht übel.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 18.07. 2013 | Bearbeitet: 20.09. 2013 23:09