Jun 2013 hastuINTERESSE Nr. 48 0

»Wir sind für alle da«

»Halle bleibt!« will nicht nur für die Belange der eigenen Medizin streiten.

Foto: Johanna Sommer

Foto: Johanna Sommer

Als der bunte Demonstrationszug auf dem Markt in Halle eintrifft, brandet Applaus auf. Der riesige Marktplatz im Zentrum der Stadt ist nun komplett mit Menschen gefüllt. Die Polizei spricht von circa 7000 Teilnehmern, die Medien werden im Nachhinein sogar von einer der größten Versammlungen in der Geschichte Sachsen-Anhalts sprechen.

Mit bunten Plakaten und Bannern waren die Protestler am 30. April durch die Innenstadt von Halle gezogen, um für den Erhalt ihrer Universitätsmedizin zu kämpfen. Viele waren in weißen Laborkitteln erschienen, doch einfache Straßenkleidung bei der Mehrzahl der Demonstranten deutete an, dass hier nicht nur Medizinstudenten und Professoren für ihre eigene Fakultät demonstrierten. So auch die drei Abiturienten Tom Hölzler, Robert Sperfeld und Konrad Mrozik, denen es auch um ihre Zukunft geht. Tom Hölzler erklärt seine Motivation: »Wir haben die Ereignisse mitverfolgt und möchten gemeinsam für die Hochschulen im Land kämpfen.« Was der Uniklinik passiere, könne in Zukunft auch anderen passieren.
So wird aus dem Protest gegen die Schließungspläne auch eine Demonstration für den Wert der Bildung. »Halle muss als Universitätsstandort erhalten bleiben«, erklärt Stefan Dorl, studentischer Senator, der an der Philosophischen Fakultät I Politikwissenschaften studiert. Er hofft, dass durch die Demonstration ein Zeichen nach Magdeburg gesendet wird und sich die Landesregierung einige der Argumente mitnimmt.

Schock und breite Unterstützung

Zuvor waren die Nachricht, dass möglicherweise die Universitätsklinik in Halle geschlossen werden könnte, und die Entlassung der Wirtschafts- und Wissenschaftsministerin Wolff in naher Folge bekannt geworden. Für Nadine Schäfer aus dem Fachschaftsrat Medizin waren diese Meldungen ein Schock. Zwar kämen Kürzungsdiskussionen gefühlt jedes Jahr wieder neu auf, aber die Entlassung der Ministerin gab der Angelegenheit für Nadine eine völlig neue Brisanz.

Doch der Schock wurde schnell in Aktivität umgemünzt. Bereits wenige Tage später gründete sich das Aktionsbündnis »Halle bleibt«, mit dem Nadine und weitere engagierte Studenten und Betroffene versuchen, auf die Geschehnisse Einfluss zu nehmen und ihren Protest kundzutun. Die Demonstration war nur ein Teil der Aktionen, die gestartet wurden. Neben der Anmeldung der Demo organisierte die Gruppe zum Beispiel ein Basteln von Protestschildern oder machte über Aufrufe und soziale Kommunikationsmedien auf die Problematik aufmerksam. Weiter wurden sowohl via Online-Petition als auch klassisch über Listen unter dem Motto »Für den Erhalt einer leistungsfähigen Universität und der Universitätsmedizin Halle« Unterschriften gesammelt, die am 22. Mai an den Landtagspräsidenten übergeben wurden. Über 101 000 waren in wenigen Wochen zusammengekommen.
Dass so rasch in der ganzen Stadt und in allen Instituten Aufrufe und Unterschriftenlisten auslagen, ist nicht selbstverständlich und funktioniert nur durch hohes Engagement. Nadine zeigt sich immer noch begeistert, wie effektiv und schnell die Protestbewegung agiert hat.

Doch nicht nur Studenten betrifft die Problematik: »Sowohl die Klinikumsmitarbeiter, Vertreter des Personalrats der Uni, als auch Verdi waren von Anfang an dabei«, erklärt Nadine. Besonders stolz ist sie zudem auf den bundesweiten Zuspruch, den sie von den Vertretungen der Medizinstudenten anderer Universitäten erhält. Auch dort wurde auf »Halle bleibt!« aufmerksam gemacht, und es wurden Unterschriften gesammelt: »Bundesweit steht die komplette Medizin dahinter«, so Nadine weiter. Besonders der Kontakt nach Lübeck war sofort da. »Die haben ja vor einigen Jahren fast dieselbe Situation erlebt«, sagt Nadine »Wir haben uns quasi gleichzeitig bei ihnen, wie sie sich auch unabhängig davon bei uns gemeldet haben.« Aber auch in der Stadt war große Unterstützung spürbar. Sticker und Plakate waren in der ganzen Stadt zu sehen. Außerdem hissten die Fans des Halleschen FC beim Heimspiel gegen Aachen ein Banner, auf dem aufgerufen wurde, die Tradition der Unimedizin seit 1694 zu bewahren.

Kostendeckend? Quasi unmöglich!

Anders als an einem normalen Krankenhaus finden an einer Universitätsklinik auch die Ausbildung von Medizinstudenten sowie Forschung statt. So ist die medizinische Fakultät an das Krankenhaus angegliedert. Damit wird Theorie und Praxis unter einen Hut gebracht. Häufig sind medizinische Neuerungen zuerst hier vorzufinden, und schwere Krankheitsfälle werden bevorzugt hier behandelt. Damit gehen natürlich erhöhte Ausgaben einher. Es für eine Uniklinik so kaum möglich, kostendeckend zu arbeiten, für eine klassische Klinik aber ebenso unmöglich, jenes zu bieten, was eine Uniklinik bieten kann.

Trotzdem sind die Kosten ein zentrales Argument der Landesregierung, warum es Halle jetzt an den Kragen gehen soll. Wiederholt betonte Finanzminister Bullerjahn (SPD), dass in Sachsen-Anhalt eine Ausbildungsstätte für Mediziner inklusive Uniklinikum genüge. Zwei Universitätskliniken auf höchstem Niveau, das könne sich das Land nicht leisten, so Bullerjahn gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung. Das strukturschwache Land hat 20 Milliarden Euro Schulden. Die Koalitionsregierung aus CDU und SPD hat sich zur Aufgabe gemacht, das Land zu entschulden. Bis 2025 wolle man 50 Millionen Euro im jährlichen Wissenschaftsetat einsparen, dem stünden an beiden Medizinstandorten Investitionserfordernisse von fast 500 Millionen Euro gegenüber, so Bullerjahn.

Für die Mediziner in Halle sind solche Aussagen nicht nachvollziehbar. »Bücher lesen macht uns nicht zu Ärzten, es braucht auch die Praxis«, äußert Nadine. Selbst wenn es in Halle vergleichsweise viele Kliniken gäbe, so sei das kein Argument gegen die Universitätsmedizin. Tatsächlich übernehme die Uniklinik Halle mit ihrer Notaufnahme die Aufgabe von 15 Hausärzten, die im südlichen Sachsen-Anhalt fehlen. Auch brauche Sachsen-Anhalt beide Unikliniken, sowohl in Magdeburg als auch in Halle. Viele Regionen im Land sind unterversorgt, was die medizinische Versorgung angeht.

50 Prozent bleiben hier

»Es ist Unsinn, bei bestehendem Ärztemangel Ausbildungsstätten zu schließen. Schließt man in Magdeburg, fehlt es im Norden an Ärzten, schließt man in Halle, passiert dasselbe im Süden.« Der so genannte Klebeeffekt gibt ihr Recht. Etwa 50 Prozent der Studenten bleiben in der Region, das betrifft vor allem auch viele Allgemeinmediziner. Es darf wohl bezweifelt werden, ob durch Zuzug aufgefangen werden könnte, was dem südlichen Sachsen-Anhalt an Ärzten fehlt, wenn nicht viele Mediziner erst einmal zum Studieren nach Halle kämen. »Wir studieren in der Regel sechs Jahre, in dieser Zeit leben wir in Halle, da kann sich bis hin zu Partnerschaften und Familiengründung einiges ergeben, weshalb man bleibt.« führt Nadine aus. Anderswo hat man erkannt, dass der Bedarf da ist. So soll in Bielefeld gerade eine Fakultät eröffnet werden, um gezielt Ärzte für die ländlichen Regionen auszubilden. Noch dazu herrscht in Sachsen-Anhalt seitens der Kliniken auch Einsicht: »Wir wollen nicht nur Geld fressen, man kann auch sparen, aber dafür brauchen wir einen vernünftigen Dialog, keinen Kahlschlag«, findet Nadine. Die Gedankengänge der Landesregierung seien nicht nachvollziehbar und unverständlich. Für Halle spricht zudem die sehr gute Ausbildung für Zahnmedizin und der Gesundheits- und Pflegewissenschaften, die ebenfalls Teil der Uniklinik sind.

Betroffen von einer Schließung wären aber nicht nur Zahn- und Allgemeinmediziner. Zum Beispiel im Bereich der molekularen Forschung arbeitet die Universitätsmedizin mit mehreren anderen Instituten zusammen. Bachelor- und Masterarbeiten sind zum Beispiel auch von Nicht-Medizinern am Uni-Klinikum möglich. Dies alles sei wichtig für die Forschung, so Stefan Hüttelmaier, Professor für Molekulare Zellbiologie an der Uniklinik Halle. Er äußert die Befürchtung, dass der Standort Halle in diesem Bereich ohne die Einrichtungen der Uniklinik zu klein sei, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Auf ihren Flyern verweisen die Medizinstudenten auch auf die Bedeutung der Uniklinik als Arbeitgeber für 4000 Menschen und Wirtschaftsfaktor.
Mittlerweile könnte man denken, dass sich die Situation entspannt hat. Die SPD-Fraktion spricht sich – wohl auch wegen der großen Proteste – gegen eine Schließung aus. Auch Ministerpräsident Haseloff äußerte kürzlich den Willen, beide Standorte zu erhalten, wenn die Kooperation verstärkt werde. Hat der Protest also sein Ziel erreicht? Nadine glaubt das nicht: »Ein fester Beschluss fehlt weiterhin, man kann sich nicht sicher sein, ob man das glauben soll. Man ist ja mittlerweile misstrauisch in alle Richtungen! Wir planen weiterhin Proteste.« Auch sei schwammig, was denn nun Kooperation heißen mag. Bei den Forschungsspezialisierungen orientierten sich bereits jetzt beide Unikliniken in andere Richtungen. Klar müsse man Doppelungen vermeiden, aber es könne auch nicht sein, dass elementare Einrichtungen der Vollstandorte aufgrund der Sparmaßnahmen geschlossen werden würden. Dies gehe dann auf Kosten der Patienten, die Grundversorgung könne dann nicht gewährleistet werden. Auch aus diesen Gründen wird der Protest weitergehen.

Der Kampf geht weiter – gemeinsam

Über das Hochschulbündnis kämpfen Halle und Magdeburg gemeinsam weiter für beide Standorte. Auch das ist Nadine wichtig: »Wir unterstützen uns gegenseitig. Es ist wichtig, dass wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen.« So reisten Hallenser zum Magdeburger Protest am 29. Mai an. Auch in der Vergangenheit waren stets Redner beider Universitäten vertreten. Auf der letzten Demo in Halle vom 15. Mai erklang neben dem Slogan »Halle bleibt« außerdem »Magdeburg bleibt«.

Wichtig ist Nadine auch, dass sich der Protest gegen die Kürzungen an der gesamten Universität richtet und kein Alleingang der Mediziner ist: »Wir sind Teil der gesamten Universität. ›Halle bleibt‹ wurde zwar von Medizinern gegründet, ist aber für alle da.« Die tiefgreifenden Kürzungen beträfen ohnehin alle gleichermaßen. Mit dem »Aktionsbündnis MLU« arbeiten sie eng zusammen. So werden sich die weiteren Aktionen also gegen alle Kürzungspläne richten: Es wird neben der Großdemonstration in Magdeburg weitere Aktionen wie Flashmobs oder gezielte Veranstaltungen, die aufmerksam machen sollen, geben. Auch mit der Initiative »5 vor 12« der Kulturschaffenden wurde Kontakt aufgenommen. Bullerjahn und Haseloff wird also keine Pause gegönnt. »Klar ist der Protest und die ganze Organisation ein großer Aufwand, und das Studium kommt gerade manchmal ein wenig zu kurz, aber das ist es wert«, meint Nadine.

Text: Tobias Schulz und Tobias Hoffmann

Über Tobias Schulz

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Erstellt: 16.06. 2013 | Bearbeitet: 27.05. 2014 20:48