Jun 2013 hastuUNI Nr. 48 0

Mal eben wählen und dann zur Party

Am 14. Mai fingen wir einige Studierende ab und fragten sie, warum sie an der Hochschulwahl teilgenommen haben – oder auch: warum nicht.

Nachmittags nahm der Andrang in den Wahllokalen zu, wie hier im Audimax. Foto: Christian Schoen

Nachmittags nahm der Andrang in den Wahllokalen zu, wie hier im Audimax.
Foto: Christian Schoen

Lange Warteschlangen vor den Wahllokalen waren am Vormittag noch nicht zu beobachten: die Bereitschaft und Euphorie der Studierenden, an der Wahl teilzunehmen, war sehr begrenzt. Viele hatten nur durch Zufall von ihren WG-Mitbewohnern von der Wahl gehört. Vom Infoabend, an dem sich Kandidaten verschiedener politischer Hochschulgruppen präsentierten, hatte keiner unserer Befragten erfahren.

Zur Wahl standen Vertreterinnen und Vertreter des Rings Christlich-Demokratischer Studenten, der Juso-Hochschulgruppe, der Offenen Linke Liste, der Liberalen Hochschulgruppe und der Grünen Hochschulgruppe, aber auch viele unabhängige Kandidatinnen und Kandidaten. Sitze waren in Studierendenrat und Fachschaftsräten sowie in den universitären Gremien (Senat und Fakultätsräte) zu vergeben. Zwar stieg die Wahlbeteiligung in diesem Jahr von 18 auf ca. 22,5 Prozent an, doch viele Wähler fühlten sich »sehr schlecht« bis »gar nicht« über die verschiedenen Hochschulgruppen und Kandidierenden informiert. Desgleichen kannten viele Wähler nicht die Hintergründe, Bedeutung und Konsequenzen der Hochschulwahl. So kam es vor, dass einige Wähler Kandidaten nur wegen ihres »sympathischen Namens« gewählt und vor der Wahl noch Kommilitonen oder Kommilitoninnen angerufen hatten, um in Erfahrung zu bringen, ob sie genauere Informationen über die Wahlkandidaten und deren Ziele hätten. Doch bei unserer kleinen Umfrage kannten sich immerhin vier Leute sehr gut aus.

Jeder hatte andere Hoffnungen, wenn er sein Kreuzchen gesetzt hatte. Benjamin, ein Geographie- und Politikstudent, wünschte sich, »dass die Leute sich stark machen gegen die, die für die Kürzungen sind und der CDU nahe sind.« Noch genauer wurde Alfred (Geschichte/Ethnologie): »dass der RCDS nicht gewählt wird und auch nicht die Linken und die Liberalen.« Felix studiert Politik und Hispanistik und möchte, »dass ich mit den Leuten reden kann, wenn ich irgendwelche Probleme an der Uni habe.« Anja (IKEAS) hoffte, »dass die Fachschaftsräte ein bisschen mehr Beteiligung an der Uni bekommen.« Andere wünschten sich mehr Transparenz und Nähe der Gremien zu den Studierenden. Hannah (Jura) hofft, »dass sich hauptsächlich der Kontakt zum Fachschaftsrat und zum Stura erleichtert. Ich habe manchmal das Gefühl, sie köcheln ihre eigene Suppe.«

Aus Mangel an Zeit und Kandidaten

Aber auch die Gründe der Nichtwähler haben uns interessiert. »Ich habe keine Zeit bei so vielen Seminaren, Vorlesungen und Hausaufgaben«, meint Laura, eine Studentin der deutschen Sprache, Literatur und Geschichte. Auch der Mediziner Stefan schafft es »aus zeitlichen Gründen einfach nicht.« Peter (Russistik/Politik) verspricht sich von der Wahl »keine Veränderung an der Universität.« Andere wie zum Beispiel Philipp, der Wirtschaft und Politik studiert, blieben der Wahl fern, »weil ich nicht weiß, wen ich wählen soll.« Anna-Maria, die Anglistik studiert, bringt es etwas anders auf den Punkt. »Ich sehe keine besondere Wirkung von diesen Personen ausgehen oder was sie bis jetzt großes beschlossen haben sollen.«
Im Wahllokal am Weinbergcampus stellte sich heraus, dass die Biologen zu dieser Hochschulwahl keine Kandidaten für den Stura aufgestellt hatten und es deshalb eine leere Liste gab, in die man Namen von beliebigen Kommilitoninnen und Kommilitonen eintragen konnte. Vor dem gleichen Problem standen auch die Wählerinnen und Wähler in sechs anderen Fachschaften: ihr Stura-Stimmzettel war ebenfalls leer.

Trotz dieser negativen Einstellung der Studierenden zur Hochschulwahl erkannten einige Studierende die Notwendigkeit, sich aktiv an der Wahl zu beteiligen. Die aktuelle Debatte bezüglich der Kürzungen des Landes Sachsen-Anhalt im Hochschulbereich stellte für die Befragten einen Grund dar, wählen zu gehen. Sowohl unter den Wählern als auch unter den Nichtwählern vermutete etwa die Hälfte einen positiven Effekt der Demonstrationen und Proteste auf die Wahlbeteiligung.

Die engagierten Wähler sahen Chancen, »etwas zu verändern«, »um die eigene Fakultät zu unterstützen« und erkannten das Engagement der Kandidaten an, »die für die Interessen der Studierende eintreten wollten.«

Im Wahllokal der Theologen in den Franckeschen Stiftungen herrschte eine heitere, solidarische Stimmung, da die Kommilitonen und Kommilitoninnen sich untereinander besser kannten und deshalb wussten, wer für ein Amt kandidiert und für welche Ziele er sich einsetzt. Für viele Wähler war es eine »Selbstverständlichkeit« an der Wahl teilzunehmen und aus »Pflichtbewusstsein« den eigenen Kandidaten »Rückenwind« zu geben.

Und noch eine Motivation soll nicht verschwiegen werden: Wählerinnen und Wähler bekamen ein »Bändchen für den Turm«, wo abends die Hochschulwahlparty stattfand. Max (Nahostwissenschaften) gab freimütig zu, dass er wählen war, »weil ich dann am Abend kostenlos in den Turm rein kann. Ja, ich bin ehrlich.« Wer bei den Hochschulwahlen mitausgezählt hat, wird immer mal wieder verzweifelte Studenten gesehen haben, die noch ein Bändchen haben wollten. Der Studierendenrat kam mit dem Druck kaum hinterher.

Über Stefan Raguse

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Erstellt: 13.06. 2013 | Bearbeitet: 12.06. 2013 22:16