Dez 2013 hastuPAUSE 0

Vor dem Abriss

Das denkmalgeschützte »Künstlerhaus 188« soll dem Stadtbahn-Ausbau des Böllberger Wegs weichen.

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Schon ab 1731/32 stand an dieser Stelle ein Schulgebäude. August Hermann Francke nutzte die »Weingärtenschule« eine Zeitlang zum Unterrichten der Kinder und Jugendlichen seiner Stiftungen, 1785 wurde sie von der damals noch eigenständigen Amtsstadt Glaucha als Bürgerschule weitergeführt, aber bald darauf abgerissen.

1817 wurde Glaucha als Stadtteil in Halle eingegliedert. Ab 1870 stellte Halle fest, dass wieder neue Schulen gebraucht wurden, und errichtete auf demselben Fleck wieder eine »Weingärtenschule«. Seit 1893 gingen dort Schüler ein und aus, Jungs und Mädchen damals noch durch getrennte Eingänge und in getrennten Klassenzimmern. Die Turnhalle dahinter existiert heute immer noch. Später wurde die Volksschule zur Grundschule, dann zur polytechnischen Oberschule und 1986 zum Kino. Die Straßeneingänge wurden zu Fenstern umfunktioniert und an die Turnhalle ein Mehrzweckraum mit Kinoeinrichtung angebaut. Heute wird das Gebäude auch als »Club 188« bezeichnet.

1994 sollte das Haus wieder abgerissen werden. Passiert ist jedoch nichts. Im Gegenteil, die Künstler durften bleiben und haben die Räume ausgebessert, aber auch in Ateliers zum Mieten umfunktioniert, eine Keramikwerkstatt und die Druckwerkstatt geschaffen. Seit letztem Jahr aber gab es Gespräche zwischen der Stadtverwaltung und den Künstlern, ob sie sich nicht vorstellen könnten, dort auszuziehen. Zur selben Zeit stellte die Stadtverwaltung den Antrag an den Stadtrat, die oberen Etagen des Stadtmuseums auszubauen, unter der Bedingung, dass dort nur Ausstellungsstücke Platz finden. Der Stadtrat stimmte zu. Vom Plan, den Club 188 abzureißen, wussten damals weder die Künstler noch der Stadtrat.

Am Anfang dieses Jahres hatten die Absolventen der Burg im Masterfach Photographie ihre Werke im Künstlerhaus vorgestellt, unter anderen Wolfram Kastl (»Die Architektur der Demokratie«), Annett Poppe (»Das Leipziger Ballett«) und Lena Stadler (»Wahrnehmungsstörungen«). Einen festen Sitz haben dort außerdem Künstler wie Claudia Baugut (Schmuck- und Metalldesignerin), Prof. Gerhard Schwarz (Maler und Grafiker) und Barbara Seidel (Malerin und Grafikerin). Andere Künstler leiten hier Fortbildungen in Grafik/Design, Schmuck- und Metallgestaltung und in den Druckwerkstätten. Zusätzlich haben noch weitere Institutionen wie der Landesverband Sachsen-Anhalt Deutscher Komponisten e. V., der Förderkreis der Schriftsteller Sachsen-Anhalt e. V. oder die Schule für Mode und Design ihren Platz hier.

Das Haus ist also funktionstüchtig, fällt nicht zusammen, und es regnet nicht hinein. Trotzdem soll es widerrechtlich abgerissen werden, obwohl es als Baudenkmal im Verzeichnis der Kulturdenkmale des Landes Sachsen-Anhalt steht.

Als Ersatz sollten die Künstler in die Etagen des Stadtmuseums oder in die Neue Residenz, wo sich Geiseltalmuseum und Depots der Stiftung Moritzburg befinden, umziehen. Doch an beiden Standorten ist nicht genügend Platz, schließlich befinden sich dort bereits zahlreiche Exponate.

Im Herbst dieses Jahres hat die Stadtverwaltung plötzlich festgestellt, dass für den Umbau des Böllberger Wegs im Jahr 2016 das Haus weg muss. Problem ist, dass es aber fünf verschiedene Bauvarianten gibt. Für die teuerste Variante B 5 haben sich die Stadtratsfraktionen der SPD, CDU und FDP entschieden. Nur so bekommt die Stadt vom Land und vom Bund auch die entsprechende Förderung von 4 347 000 Euro, die HAVAG steuert auch einiges bei und erkauft sich somit ein Mitbestimmungsrecht. Wenn in dieser Variante das Haus abgerissen wird, dann gibt es hier einen Gehweg von 2,5 Meter Breite, dann einen Parkstreifen mit Baum auf 2,9 Meter, die Fahrräder dürfen sich auch mit einem kleineren Streifen begnügen, und dasselbe auf der linken Seite. Der Verkehr findet getrennt statt, und die Straßenbahn hat ein leicht erhöhtes Gleisbett mit Rasen. Auf diese Weise soll der Böllberger Weg bis »Vor dem Hamstertor« ausgebaut werden.

Am 21. Oktober konnten die Bürger auf einer Infoveranstaltung ihrem Ärger zu der Variante B 5 und dem Abriss des Künstlerhauses Luft machen.

Am nördlichen Ende des Böllberger Wegs befindet sich gegenüber der Torstraße ein Kindergarten. Momentan ist dort noch Platz zum Parken, nach dem Umbau werden die Eltern ihre Kinder nicht mehr mit dem Auto abholen können. Wenn die Kleinen allein oder begleitet von ihrer Mutter über die Kreuzung zur Torstraße laufen, dann werden die drei heruntergekommenen Häuser immer noch dastehen.

Womit ein anderer Bürger zum nächsten Punkt kommt. Gegenüber dem Künstlerhaus befinden sich zwei Gebäude, die vom Hausschwamm befallen sind. Abgerissen werden sie nicht, dabei ist dies der gefährlichste Gebäudezerstörer. Es bleiben sowieso noch weitere Ruinen auf der Ostseite stehen, wieso also die abreißen? Ein weiteres Problem der Variante B 5 ist die durchgehende Trennung der Fahrbahnen. Auch der Rettungswagen muss bis zum Ende der Ausbaustrecke fahren und wenden, um zu den Häusern auf der Ostseite zu gelangen. Ein Feuerwehrwagen würde sowieso nur sehr schwer an einem LKW vorbeikommen.

Die jetzige Haltestelle Ludwigstraße soll vor das Sportzentrum verlegt werden, das bislang nur in seinen Grundmauern existiert. Denn die ausgepowerten jungen Leute sollen es nicht so weit bis zur Straßenbahn haben. Ein Fragesteller wies darauf hin, dass die Bewohner der Altersheime im Bereich der Glauchaer Straße weite Strecken bis zur nächsten Haltestelle zurücklegen müssen, und regte an, die Straßenbahn durch die Glauchaer Straße bis zum Hallmarkt zu führen. Anwohner befürchteten auch, dass der Verkehr zunehmen könnte, und fragten nach Lärmschutzmaßnahmen.

Antworten gab es nicht, aber: man prüfe es.

Was sagt eigentlich der OB dazu? Gar nichts, wenn, dann so viel in Form der Vertreter aus der Stadtverwaltung: »Wir bedauern den Abriss des Künstlerhauses sehr und haben alle Varianten geprüft, aber wir wollen vier Millionen Euro Fördergelder haben. Das ist einfach das Günstigste.«

Oder man nehme Variante 1: Der Gehweg verbreitert sich auf 3,69 m, wo auch die Fahrräder lang fahren können. Die Fahrbahn bleibt im Mischverkehr, aber mit 6,50 Meter in der Breite. Das Künstlerhaus bleibt stehen, gegenüber sollen dann 4,74 m für Fußgänger und Fahrräder zur Verfügung stehen. Diese Variante fanden die anwesenden Bürger gut, sie wird von den Mitbürgern und den Grünen vertreten. Dadurch würde aber das Bauvorhaben im Böllberger Weg nur eine Förderung von 2 912 000 Euro von Land und Bund erhalten.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Momentan unterstützt sie die hastuzeit als Freiwillige Mitarbeiterin.

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Erstellt: 13.12. 2013 | Bearbeitet: 16.05. 2014 08:32