Dez 2013 hastuPAUSE Nr. 51 0

Verzauberte Welt, optimierte Wälder

»Der seltsamste Fall des Doktor E. T. A. Hoffmann« konfrontiert die Zuschauer mit der eigenen Identität

Eigentlich wissen wir es ja: Die Puppen handeln nicht selber, sie werden nur gesteuert.

Foto: Falk Wenzel

In einem leeren, kahlen Arbeitszimmer beginnt es. Zwischen den Büchern und dem wuchtigen Schreibtisch und der eigenen Selbstverliebtheit schwadroniert der Rechtsanwalt Theo H. über das herrliche Anwaltsleben. Plötzlich kommt eine neue Mandantin herein und verwickelt ihn in eine Geschichte zwischen Zauber und Wirklichkeit. Sein neuester ist zugleich sein seltsamster Fall.

Denn seine Mandantin ist eigentlich die Fee Rosalverde, die ihn auf eine Reise in die Zeit der Aufklärung entführt. Dort, in dieser wundersamen Welt, ist Studiosus Balthasar in die hübsche Tochter des Hofes Candida verliebt, doch das ist eigentlich Nebensache. Denn der Staatssekretär Dollinger will unbedingt zum neuen »Generaloptimierer« ernannt werden, um die fürstlichen Wälder zu optimieren. Klingt verrückt? Noch bizarrer wird es, als der Rechtsanwalt Theo H. plötzlich von allen Beteiligten für Herrn Zinnober gehalten und heldenhaft verehrt wird. Kurz darauf verliebt er sich dann noch in Candida. Und schon ist das Chaos vorprogrammiert: Theo H., der absolut rationale Rechtsanwalt, der nie heiraten wollte, plant plötzlich seine Hochzeit.

Zunächst kommt man wegen den Rechtsanwalts-Witzen, den lakonischen Bemerkungen und der grotesken Situation nicht aus dem Lachen heraus. Doch dann wird klar, dass bei diesem Feen-Zauber nur der Schein zählt, denn: »Wahr ist, was alle glauben.« Denn auf einmal wird Theo H. auch noch vom Fürsten zum Intendanten des neuen fürstlichen Theaters ernannt, ohne das überhaupt zu wollen. Er protestiert: »Ich bin doch gar kein Künstler!« – »Das ist doch egal, solange es alle denken.«

Das Stück entführt den Zuschauer in Gedankenwelt des berühmten Schriftstellers der Romantik Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der zugleich Jurist, Komponist, Zeichner und Kapellmeister war. Einige Motive seiner Werke wurden in das Schauspiel eingearbeitet. »Der seltsamste Fall des Doktor E. T. A. Hoffmann« hält dem Publikum den Spiegel vor, möchte dazu bewegen, hinter die Fassade des Alltags schauen. Was die Mitmenschen in uns sehen, ist nicht das, was wir eigentlich sind. Unsere Identitäten sind nur Schein. Wie Hoffmann selbst können wir mehrere Identitäten annehmen, unser Umfeld verdammt uns sogar dazu. Die ungewöhnliche Kunst des Puppentheaters, bei dem die Spieler jede Bewegung ihrer Puppen dirigieren, passt so wunderbar zu diesem Stück. Die Puppen handeln nicht selber, sie werden nur gesteuert. Die Puppenspieler bestimmen jede Bewegung und jedes Wort.

Den Zauber, mit dem die Ordnung der Welt außer Kraft gesetzt wurde, hebt die Fee Rosalverde am Ende doch wieder auf. Zu groß wäre der Schaden, würden Theo H., seine Sekretärin Carola und seine Mandantin nicht den gewohnten Weg des Alltags gehen und sich weiter verzaubern lassen. Schließlich kehrt die Normalität zurück: Die schöne Candida heiratet ihren wirklichen Verehrer Balthasar. Theo H. darf wieder in seine Kanzlei, zwischen die Bücher und den Staub des Alltags. Oder war es doch richtig, für eine Persönlichkeit gehalten zu werden, die man gar nicht ist?

Foto: Falk Wenzel

  • Nächste Vorstellungen im Puppentheater am 28.12., 31.12.2013, 2.1.2014

Über Markus Kowalski

studiert Politikwissenschaften und Germanistik, hält aber wenig von den alltäglichen Politik-Nachrichten. Meistens ist er mit einem coffee-to-go auf dem Uniplatz anzutreffen.

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Erstellt: 15.12. 2013 | Bearbeitet: 08.12. 2013 00:20