Jul 2013 hastuINTERESSE Nr. 49 0

Studium wechsel dich …

Was tun, wenn das Studium Zweifel aufwirft? Drei StudienwechslerInnen berichten.

Foto: Christian Schoen

Wir treffen sie jeden Tag unzählige Male: Entscheidungen. Als wirklich schwierig erweist sich häufig die Wahl eines Studiengangs, entsprechen die Vorstellungen doch recht selten der Realität des Studiums, ohne dass man es vorher ausreichend abschätzen könnte.

Auch wenn die Zahl der Studien­abbrecher laut Bundesbildungsministerium im Vergleich von 2003 bis 2012 um ganze sechs Prozentpunkte gesunken ist, so ist die Zahl der Studenten, die ihr Studium wechseln, wesentlich schwerer zu erfassen. Hier sind auch die Beweggründe zum Wechsel interessanter. Und wann merkt man eigentlich, dass das Studium eben doch nicht »das Richtige« ist? Was gibt den Ausschlag zum Wechseln?

Im universitären Alltag der MLU finden sich nicht wenige, die den Mut hatten, ihr bisheriges Studium abzubrechen und mit einem neuen wieder mehr oder weniger bei null zu beginnen. Die damit verbundenen Zweifel, Sorgen und Widrigkeiten inklusive.

So wie Denise, Moritz und Sabine. Alle drei sind 2011 über den einen oder anderen Umweg im Studiengang Französisch gelandet und werden dann später wohl auch aus ganz verschiedenen Gründen den Lehrerberuf ergreifen.

Denise (23) standen gleich nach ihrem Abi 2008 viele Möglichkeiten offen. Ihr Studienwunsch war ein Lehramtsstudium in Halle für die Fächer Französisch und Geschichte. Gleichzeitig bewarb sie sich eher aus dem Bauch heraus in Magdeburg für Psychologie. Als die Zusage aus Halle eintraf, schrieb sie sich sofort ein.

Kurze Zeit später aber bekam sie auch einen Anruf aus Magdeburg: Sie war überraschend für Psychologie angenommen worden. Denise trat ihren Platz in Halle ab und nahm den in Magdeburg an, geleitet durch die positive Überraschung.

Bald darauf schon stellte sie aber fest, dass sich ihre Sicht auf das Studium geändert hatte. Die Distanz zwischen Theorie und Praxis erschien ihr einfach zu groß, die recht laienhaften Vorstellungen von Psychologie hatten sich allmählich in Luft aufgelöst, eigentlich schon ab dem zweiten Semester. Jedoch kam diese Erkenntnis nicht geradlinig auf sie zu. Im dritten Semester gab es einige neue Fächer, die wieder ihr echtes Interesse weckten, vor allem die Klinische Psychologie.

Nach dem vierten Semester absolvierte sie dann aber ein Berufspraktikum. Sechs Wochen auf Arbeit in einer Psychiatrie zeigten ihr dann endgültig, dass Psychologie nicht das Richtige sein konnte. Sie fühlte sich nicht stark genug, um der psychischen Belastung standzuhalten. Die Zweifel am Studium konnte sie nun nicht mehr ignorieren; weder das Studium noch der spätere Beruf erschienen ihr noch erstrebenswert.

Im fünften Semester ging Denise dann gar nicht mehr zur Uni, schrieb keine Prüfungen mehr mit. Und beschloss schließlich, sich zu exmatrikulieren. An einen richtigen Entscheidungsmoment kann sie sich heute nicht mehr erinnern, sie würde es eher als schleichenden Prozess bezeichnen, während dessen zunehmend Zweifel aufgeworfen wurden.

Wenn sie zurückblickt, würde sie die späte Entscheidung zum Studienabbruch vor allem ihrer Angst zuschreiben, es könnte als Niederlage gewertet werden. Damit war und ist sie natürlich nicht allein. Die meisten Studienabbrecher oder –wechsler belastet die Vorstellung, »versagt« zu haben; den Druck machen sie sich meistens selbst. Gerade ehrgeizige und zielstrebige Studierende quält dies und erschwert die Entscheidung, die dann oft unnötig hinausgezögert wird.

Sie wollte doch lieber vorrangig mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und beschloss, Lehrerin zu werden, wie sie es eigentlich bereits 2008 vorgehabt hatte. Ihr Weg führte sie also wieder in die Saalestadt. Auch wenn der Wechsel nicht ganz einfach war, so findet sie heute, dass sie durch ihn an Stärke dazugewonnen hat.

Mittlerweile ist sie schon seit vier Semestern in Halle und studiert Englisch und Französisch fürs Lehramt an Sekundarschulen. Zweifel hatte sie seitdem noch kein einziges Mal.

Für Moritz (23) war die Studienwahl sehr eindeutig. Während des Abiturs hatte er bereits an einem Jugendgericht gearbeitet und ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei absolviert. Also kam er 2009 aus Nordrhein-Westfalen nach Halle und begann hier Jura zu studieren.

Das erste Semester verlief anfangs noch gut, jedoch tat sich dann in seinen Augen schon bald eine beinah unbegreifliche Kluft zwischen Theorie und Praxis auf. Vielen Inhalten, besonders in Zivilrecht, konnte Moritz schlicht keinen Sinn abgewinnen; sie erschienen ihm überflüssig, und er verlor zunehmend die Lust, die er durch die sehr praxisnahe Erfahrung im juristischen Bereich gewonnen hatte und wegen der er sich überhaupt entschlossen hatte, Jura zu studieren.

Trotzdem schrieb er die Klausuren mit und bestand auch. Im zweiten Semester jedoch setzte sich die Unlust am Studium fort, Moritz konnte sich auch kaum vorstellen, dass sich dies noch ändern würde. Dazu kam ein lukrativer Nebenjob, durch den er nun immer weniger Zeit in der Uni verbrachte. Die Entscheidung für den Job war eigentlich bereits die Entscheidung gegen sein Studium.

Fehlende Motivation und der recht hohe Druck führten dazu, dass er dann auch keine Klausuren mehr schrieb und sich entschloss, den Studiengang zu wechseln.

Die Berufsaussichten nach einem Jurastudium waren zwar noch immer attraktiv, jedoch fehlte ihm das Durchhaltevermögen, das zähe Studium fortzusetzen, das sich für ihn entzaubert und ihn auf dem Boden der Tatsachen gebracht hatte.

Seine zwei Semester des Jurastudiums sieht Moritz heute eher als Orientierungsjahr, das ihm schließlich half, zu sehen, was er wollte – oder auch, was nicht. Auch weiß er jetzt, dass seine eigene Ungeduld und eine Reihe von unbedachten Kurzschlusshandlungen die Hauptgründe für den Abbruch waren.

Heute studiert er Politik und Frankoromanistik. Obwohl ihm die Anforderungen seines jetzigen Studiums im Vergleich zu den Inhalten des Jurastudiums wesentlich geringer vorkommen, steht für ihn heute der Spaß am Studium im Vordergrund. Politisch interessiert ist er ohnehin, und für die französische Sprache und Kultur hatte er schon seit seiner Schulzeit eine Leidenschaft.

Interesse hat und hatte er aber sowohl für Jura als auch für die Fächer Politik und Französisch. Wenn er sich noch einmal zurückversetzen könnte, würde er mehr Geduld beweisen und das Jurastudium durchziehen.

Trotzdem bereut er die Entscheidung abgesehen von dem »verlorenen« Jahr nicht: Sein jetziges Studium findet er völlig in Ordnung, und er hat ein klares Ziel vor Augen: Nach dem Bachelor in Halle möchte er noch einen Master of Education dranhängen und am liebsten Lehrer an einer Waldorfschule werden. Alternativ könnte er sich aber auch vorstellen, in die Politik zu gehen.

Auch Sabine (21) begann 2011 in Halle Französisch und Geschichte zu studieren. Ihr Hauptfach Französisch hatte sie vor allem gewählt, da sie nach dem Abi ein Jahr als Au-Pair in Lyon verbracht und dort die Sprache und Kultur lieben gelernt hatte. Bereits in der Schule hatten ihr ihre Lehrer eine Sprachbegabung attestiert und sie ermutigt, in diese Richtung zu gehen. Hier gab es also keinen Zweifel.

Die Wahl des Nebenfachs gestaltete sich da etwas schwieriger. Geschichte hatte sie schon in der Schule interessiert, also entschied sie sich dafür. Sabine ist ein spontaner Mensch und geht oft nach ihrem momentanen Bauchgefühl. Dieses meldete sich dann aber auch schon Mitte des ersten Semesters im Fach Geschichte. Sie hatte das Gefühl, dass ihr schulisches Interesse sich immer mehr in den Inhalten verlor, zu denen sie einfach keinen Bezug aufbauen konnte. Vielen Studenten geht es ähnlich: Was genau das Studium bereithält, erfährt man trotz Erzählungen oft erst zu spät, meist wenn die Motivation sich bereits verflüchtigt hat.

Sabine weiß, dass sie etwas nur tun kann, wenn sie absolut motiviert ist, und während Französisch ihren Erwartungen voll und ganz entsprach, entfernte sie sich immer mehr von dem Gedanken, Geschichte weitermachen zu können. Sie hatte einfach keine Lust mehr. Viel Zeit brauchte sie für die Entscheidung gar nicht, denn sie hatte parallel am Unisprachenzentrum einen Russischkurs belegt und entschied sich daher für den Wechsel zu Russisch. Wieder eine ziemliche Bauchentscheidung. Im darauffolgenden Wintersemester begann sie dann also mit Russisch. Wieso genau Russisch, wusste sie eigentlich selbst nicht. Heute, nach zwei Semestern, haben auch die slawische Sprache und Kultur für sie kein Motivationspotenzial mehr, sie möchte nun ein weiteres Mal wechseln.

Bedenken hat sie keine, aber sie möchte trotzdem langsam etwas konkreter werden und wissen, wohin ihr Studium sie später führen wird. Daher wird auch sie nun bald Lehramt studieren.

Da Sabine schon seit Jahren als Hobby Musik macht, Gitarre und Klavier spielt sowie singt, hat sie sich jetzt auch für Musik als Nebenfach entschlossen. Natürlich musste sie sich auch auf die Klavierprüfung vorbereiten, aber sie hat ihr Abi auf einem Musikgymnasium gemacht und ist daher gut vorbereitet.

Vor einigen Wochen hat sie die Eignungsprüfung am Institut für Musik bestanden. Und auch wenn sich ihr Nebenfach nun bereits schon zum zweiten Mal ändern wird, hatte sie doch nie Zweifel an ihrer Begeisterung für Französisch.

Einen mutigen Rat an alle, die mit ihrem Studium hadern, hat Sabine in jedem Fall: was sich nicht richtig und gut anfühlt, kann dies auch nicht sein. Also den Sprung wagen und wechseln. Sie hat es ja bereits vorgemacht.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

, ,

Erstellt: 20.07. 2013 | Bearbeitet: 17.07. 2013 22:52