Okt 2013 hastuUNI Nr. 50 0

Studium mit Hindernissen

Vor welchen Problemen stehen Studierende mit Behinderungen, und wie hilft die Uni?

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Ein kaputter Fahrstuhl. Ein Zettel an der Tür, dass das Seminar in einem anderen Raum stattfindet. Versagende Technik und daraus resultierend eine Vorlesung ohne visuelle Begleitung. Dinge, die für gesunde Studierende allenfalls kleine Ärgernisse und Unannehmlichkeiten des Alltags sind, können für Kommilitonen mit Geh-, Seh- oder Hörbehinderung große Probleme darstellen.

Auch Studierende mit unsichtbaren Behinderungen, wie beispielsweise chronischen Krankheiten, psychischen Erkrankungen oder Lernschwächen sehen sich oft Hürden und Belastungen im Studienalltag ausgesetzt, die gesunde Kommilitonen wohl so nicht wahrnehmen und verstehen können.

Um all diesen Studierenden die Möglichkeit zu geben, ihr Studium zu einer positiven Erfahrung zu machen und zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, gibt es an der MLU verschiedene Anlaufpunkte und Möglichkeiten für Förderungen und Nachteilsausgleiche.

Zur Lage an der MLU

Laut einer Erhebung des Studentenwerkes sind etwa 8 Prozent, also knapp 2000 der MLU-Studierenden von einer gesundheitlichen Beeinträchtigung be-troffen, die sich auch negativ auf das Studium auswirkt.

Den Großteil, etwa 45 Prozent, machen Studierende mit psychischen Erkrankungen aus, gefolgt von Studierenden mit Multipler Sklerose, Hörbehinderungen und Lese-Rechtschreib-Störungen. Körperbehinderte Studierende hingegen gibt es an der MLU vergleichsweise wenig.

Das Angebot der Nachteilsausgleiche nehmen aktuell allerdings nur etwa 300 Studierende wahr, erläutert Dr. Christfried Rausch, Mitarbeiter des Behindertenbeauftragten des Senats: »Die Studierenden sind ja nicht verpflichtet, zu mir zu kommen, sondern es ist ein Angebot, und ich bin verpflichtet, die Leute zu unterstützen, wenn sie herkommen.«

Seit zwei Jahren erfüllt er diese Aufgabe an der MLU; davor gab es hierfür keine Stelle sondern lediglich eine Freistellung. Noch vor wenigen Jahren lag die Anzahl der Studierenden, die Nachteilsausgleiche in Anspruch nahmen, gar im einstelligen Bereich, doch mit steigendem Bedarf, beziehungsweise mit steigender Inanspruchnahme, war die Schaffung dieser Stelle unumgänglich.

Der Weg zum Nachteilsausgleich

Trotz dieser offensichtlichen Verbesserung scheint es, als würden die Möglichkeiten für Studierende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen auch heute noch zu wenig kommuniziert: »Die meisten Studierenden, die zu mir kommen, wissen gar nichts von Nachteilsausgleichen. Viele kommen über die Langzeitstudiengebühren«, erzählt Rausch. Aufgrund der Beeinträchtigungen haben sie ihr Studium nicht in der Regelstudienzeit geschafft und suchen nach Möglichkeiten, von den Langzeitstudiengebühren befreit zu werden.

Nach einem ersten Gespräch müssen die Studierenden dann ein Gutachten von ihrem Arzt oder Psychologen einholen, in dem nicht die Diagnose, sondern deren Auswirkungen auf das Studium und den Studienalltag mit Mittelpunkt stehen sollten. Optimalerweise können sogar Vorschläge oder Hinweise auf Nachteilsausgleiche gegeben werden.

In Gesprächen mit dem jeweiligen Prüfungsausschuss, zu denen Dr. Rausch die Studierenden begleitet, werden dann individuelle Nachteilsausgleiche festgelegt. Häufigste Formen des Ausgleichs sind die Umwandlung der Prüfungen von mündlich zu schriftlich oder umgekehrt, Verlängerungen der Prüfungs- bzw. Bearbeitungszeit oder auch eine Verringerung der Prüfungsdichte und die Aufweichung der Reihenfolge von Prüfungsterminen.

Ist der Nachteilsausgleich bewilligt, bekommen die Studierenden ein ­Schreiben vom Prüfungsausschuss, das sie den jeweiligen Dozenten vorlegen können. Diese sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und müssen die Maßnahmen dann möglichst unauffällig umsetzen.

Dennoch hat es bereits Dozenten und auch Prüfungsausschüsse gegeben, die sich bei der Bewilligung oder Umsetzung der Nachteilsausgleiche quergestellt haben. Um dem zukünftig vorzubeugen, wurden aktuell die allgemeinen Bestimmungen zu den Bachelor- und Masterstudiengängen reformiert: »Bislang waren die Nachteilsausgleiche im Paragraph 17 zu Täuschung versteckt«, erzählt Rausch. Jetzt wurde jedoch §19a geschaffen, der sich ausschließlich mit Nachteilsausgleichen befasst und den Prüfungsausschüssen künftig als Leitfaden dienen soll.

Foto: Valeria Sivtsova

Foto: Valeria Sivtsova

Der AK Inklusion

Darüber hinaus gibt es seit dem Wintersemester 2012/13 den über den Stura organisierten Arbeitskreis (AK) Inklusion. Hier treffen sich Studierende mit verschiedenen Behinderungen, um sich über Probleme im Unialltag und über anderes auszutauschen. Vorsitzende ist die Politik- und Russistikstudentin Larissa Wallner. Die Idee zur Gründung des AKs kam ihr im Zuge eines Praktikums, das sie beim Behindertenbeauftragen der MLU absolvierte: »Wir haben festgestellt, dass die Nachfrage für die Hilfe von Studierenden für Studierende ziemlich groß ist. Ich habe versucht, Wege zu finden, wie man das am besten gestalten kann, und es hat sich ergeben, dass im Stura ein Arbeitskreis zu bilden war. Es war ein guter Weg, um Studierenden zu helfen.« Seitdem fördert der AK Projekte, die Studierenden mit Behinderung im Unialltag helfen sollen, oder organisiert eigene Projekte.

So standen am 30. April (etwas in den Hintergrund gerückt durch die kurzfristig für denselben Tag anberaumte Großdemonstration) der Uniplatz und das Löwengebäude ganz im Zeichen des Studiums mit Behinderung: Neben verschiedenen Vorträgen, die Interessierten in der Aula geboten wurden, konnte man ausprobieren, wie es sich anfühlt, im Rollstuhl zu sitzen, oder einen Gebärdensprachkurs für Anfänger machen.

Eines der Projekte, das der AK derzeit unterstützt, ist CampusMaps: »Diese Maps zeigen die Wege für körperlich behinderte Menschen und wie sie überhaupt diese Wege benutzen können. Es gibt nämlich Fälle, in denen Behinderte ihr Wunschstudium gar nicht machen können, weil sie ins Gebäude nicht herein können. Sie wissen nicht, ob der Raum frei zugänglich ist, ob der Toilettenraum geeignet ist, also eine ausreichende dementsprechende Größe hat«, erklärt Larissa.

Studium mit Behinderung

Aber wie erleben Betroffene ihren Studienalltag an der MLU?

Melina studiert im dritten Semester Kunstgeschichte und Germanistik an der MLU und ist schwerhörig. Dass sie für das Studium von Rheinland-Pfalz nach Halle gezogen ist, zeigt, wie wichtig Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ihr sind. Als behindert sieht sie sich nicht: »Durch die Hörgeräte ist das annähernd ausgeglichen. Es ist also nicht so, dass es mich wirklich an etwas hindert.« Nachteilsausgleiche stünden ihr trotzdem zu; dies hat sie allerdings bislang nicht in Anspruch genommen: »Ich hab bisher noch keinen gebraucht.«

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Auch ihre ersten mündlichen Prüfungen hat sie gut gemeistert. Zu Beginn jedes Semesters entscheidet sie nach den ersten Veranstaltungsterminen, ob es notwendig ist, die Dozenten zu informieren. Das hängt vor allem von der Raumgröße und -akustik und der Teilnehmeranzahl ab.

Auch Alina hat zunächst keine Nachteilsausgleiche in Anspruch genommen. Sie studiert im fünften Semester Bioinformatik an der MLU und hat das Asperger-Syndrom. Auch ihr ist ein selbstbestimmtes Leben wichtig, wie ihre Entscheidung, für das Studium von Nordrhein-Westfalen nach Halle zu ziehen, zeigt. Seit dem dritten Semester nimmt sie allerdings doch Nachteilsausgleiche wahr: so bekommt sie bei schriftlichen Klausuren einen 25-prozentigen Zeitbonus und darf nach Möglichkeit die Klausuren allein in einem separaten Raum schreiben. Darüber hinaus konnte sie anstelle einer mündlichen Prüfung eine schriftliche ablegen, was für sie weniger Stress bedeutete.

Ein steiniger Weg

Offensichtlich sind also Ansätze da, wie die Uni versucht, auch Menschen mit Behinderung möglichst unkomplizierte Studienbedingungen zu bieten.

Manchmal stehen dem guten Willen aber auch äußere Einflüsse wie der Denkmalschutz im Weg: Möchte ein Rollstuhlfahrer ins Löwengebäude, so muss er den kleinen Rollstuhlfahrereingang gegenüber der Tulpe benutzen, für den erst der Schlüssel geholt werden muss – ein großer Zeitaufwand.

Viel belastender sind aber zwischenmenschliche bzw. zwischenstudentische Aspekte wie die eingangs erwähnte Gedankenlosigkeit, oder auch Vorurteile. Und an diesen lässt sich doch mit ein bisschen Offenheit eigentlich leicht etwas ändern. Damit jeder Studierende seine Studienzeit bestmöglich genießen und sein Studium erfolgreich abschließen kann.

Über Valeria Sivtsova

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 06.10. 2013 | Bearbeitet: 28.04. 2014 17:20