Dez 2013 hastuPAUSE Nr. 51 0

»Sehr vielfältige Gegenwart«

Vom 30. September bis zum 10. Oktober 2013 fanden die ersten »Hallenser Jüdischen Kulturtage« statt. Eine Fortsetzung ist bereits geplant.

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Anlass der Kulturtage war der 60. Jahrestag der Einweihung der hallischen Synagoge in der Humboldtstraße und der Einzug der neuen Tora-Rolle, die erste seit vor dem Zweiten Weltkrieg. Den Besuchern der Woche wurde ein buntes und sehr vielfältiges Programm aus Konzerten, Vorträgen, Rundgängen, einem Workshop und einem Tanzabend mit Künstlern aus den USA, Israel, Deutschland und der Ukraine an verschiedenen Veranstaltungsorten in Halle geboten.

Bereits im April dieses Jahres hatte der Musiker und Kulturmanager Andreas Schmidtges die Idee, beide Ereignisse mit einem umfangreichen Begleitprogramm zu würdigen. Im Juni legten sich dann der Freundeskreis Leopold-Zunz-Zentrum e. V., die Jüdische Gemeinde zu Halle und das Seminar für Judaistik / Jüdische Studien der MLU fest, den Schritt »zu wagen« und die Kulturtage zu organisieren. Von Juni bis zum Beginn der jüdischen Kulturtage war die komplette Verwaltung, Finanzierung und Konzipierung abgeschlossen, verriet uns Dr. Anton Hieke, Mitorganisator und Redner. »Für eine Veranstaltung dieser Größe war es blitzschnell«. Seine persönliche Motivation war »die Aufgabe, eine neue Tradition zu schaffen« und »den Hallensern zu zeigen, dass sie eine jüdische Gemeinde, eine sehr vielfältige jüdische Geschichte, aber auch eine sehr vielfältige jüdische Gegenwart haben«.

Wichtig war es den Organisatoren, »fröhliche Kulturtage« zu gestalten, die auch mit »eher unbekannten Seiten« der Geschichte und Gegenwart in Vorträgen komplettiert werden sollten.

Neben dem erfolgreichen Eröffnungskonzert des Ensembles simkhat hanefesh (Freude der Seele), das jiddische Lieder der Zeit von 1500 bis 1800 spielte, gab es weitere Veranstaltungen, die zu Musik und Tanz einluden. Das Café Brohmers am Reileck, wo es eine »Jam Session Klezmer & Jiddische Lieder« gab, war schon vor dem Beginn überfüllt.

Der Schabbat-Abend mit Einführung durch Rabbiner Kahanovsky und Kantor Zemsky war bereits »einen Monat vor Beginn der Kulturtage ausgebucht«. Auch die Stadtführung am Sonntagmorgen mit dem Thema »Jüdisches Halle« war trotz der drei Kilometer langen Fußstrecke bei Regenwetter gut besucht.

Am 9. Oktober wurde die Ausstellung »Warum Piero Terracina sein Schweigen brach: Von Rom nach Auschwitz – Bericht eines Zeitzeugen« eröffnet. Im Foyer des Juridicum der MLU berichtete Terracina von seiner Zeit im Lager. Mit diesem Vortrag wollte man »auch der anderen Seite jüdischer Geschichte in Deutschland gedenken«, so Dr. Hieke.

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Die Klezmer-Tanzband „A Tickle in the Heart» aus Köln in Aktion (Archivbild)

Foto: Klaus Kassel

Die etwa 1000 bis 1200 Zuhörer und Besucher der Kulturtage gaben positives Feedback, so dass die Kulturtage auch im nächsten Jahr stattfinden sollen. dann hoffentlich auch die mit der Jüdischen Gemeinde zerstrittene Synagogengemeinde an der Organisation und Durchführung beteiligt wird. Die größte Unterstützung zur Finanzierung der Kulturtage kam von der Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen-Anhalt, aber auch der Stura der MLU finanzierte komplett einen Workshop. »Von den ansässigen Firmen in Halle kam leider recht wenig Unterstützung für die Kulturtage«, bemerkte Dr. Hieke. »Vielleicht werden sie sich im nächsten Jahr mehr beteiligen«. Die Universität stellte Räume im Löwengebäude zur Verfügung, und auch das Generalkonsulat der USA in Leipzig hat sich sehr für das Projekt interessiert und auch für die Kulturtage gespendet.

Nachdem er die aktuelle Statistik zur politisch motivierten Kriminalität für Halle gelesen hatte, war Dr. Hieke zunächst ein wenig besorgt über mögliche antisemitische Zwischenfälle, aber im Verlauf der Kulturtage gab es »keinerlei Probleme aus jener Richtung«.

Kritik gab es am Namen der Kulturtage: »Hallenser« bezeichne nun einmal eine Person. Die Veranstalter haben sich aber bewusst gegen »Hallische Jüdische Kulturtage« entschieden. Und so wird die nächste Veranstaltungsreihe »Hallenser, Jüdische Kulturtage!« heißen, »als Aufforderung«.

Dass die Themen der Woche zu speziell und nur »für Kenner« des Judentums gewesen seien, wies Dr. Hieke zurück und verwies auf die vielen Zuhörer (etwa 70 beim Vortrag und Podiumsdiskussion »Halle an der Saale: Jüdische Geschichte und Gegenwart«). »Es waren viele Facetten, die für Halle und Sachsen-Anhalt bedeutend sind, wie der Vortrag über Savannah, die Partnerstadt Halles, oder die jüdische Geschichte Anhalts.«

Zu den jüdischen Kulturtagen im kommenden Jahr hat Dr. Hieke schon erste Projektangebote vorliegen, »auch von außerhalb Sachsen-Anhalts.« Es wird versucht, wieder »eine gute Mischung mit künstlerischem und wissenschaftlichem Anspruch« zu konzipieren, denn genau das mache den Freundeskreis Leopold-Zunz-Zentrum aus: »eine Zusammenarbeit zwischen der Jüdischen Gemeinde mit ihrer Tradition, Kultur, Identität und Religion auf der einen, den Jüdischen Studien mit dem wissenschaftlichen Hintergrund auf der anderen Seite«.

Über Stefan Raguse

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Erstellt: 12.12. 2013 | Bearbeitet: 07.12. 2013 23:23