Sep 2013 hastuPAUSE Nr. 50 0

Ein Leben zählt nichts, ein Pass alles

Erich Maria Remarques »Die Nacht von Lissabon« erweitert den Horizont und ist ein großes Lesevergnügen. Die Langfassung der Rezension aus hastuzeit 50

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Portugal, und speziell Lissabon, war stets ein Punkt des Exodus aus Europa. Von hier aus gingen die ersten Entdecker auf der Suche nach neuem Land und Wohlstand auf große Fahrt. Zu Zeiten des Nationalsozialismus aber flohen fast 100 000 Menschen vor der Gestapo über Lissabon aus Europa. Nach gehetzter Flucht durch Europa im Krieg versprach Portugal ein Stück weit Normalität und vor allem: Sicherheit. Keine verdunkelten Städte, wie im Rest Europas, sondern, wie es im Roman heißt, »sorgloses Licht«, an das sich der Fliehende aus dem Europa des 20. Jahrhunderts kaum gewöhnen kann. Ergatterte man ein Überfahrtticket für einen Dampfer, konnte man über Lissabon, das »prachtvolle Theater der Emigration« und »Tor zur Welt«, wie es der Kulturwissenschaftler Joachim Schlör nennt, Europa verlassen.

Verzweiflung und leise Hoffnung am Kai von Lissabon

Dies aber ist dem namenlosen Ich-Erzähler, der zu Beginn des Romans verzweifelt am Hafen steht und das Schiff betrachtet, welches Lissabon am nächsten Tag Richtung rettendes Amerika verlassen wird, nicht gelungen. Er selbst hat eben sein letztes Geld in der verzweifelten Hoffnung, doch noch genügend Geld für die teure Überfahrt für sich und seine Frau zu erlangen, im Kasino verloren. Nun kommt ihm jedes Schiff, das Europa dieser Tage verlässt, wie eine Arche vor. Amerika ist 1942 der Berg Ararat, viele Städte Europas sind bereits von der Flut bedeckt, andere stinken bereits danach, vor kurzem ist Paris in den Fluten versunken. So bildgewaltig beginnt das Werk, und in der Tat sind die ersten zwei Seiten des Romans in ihrer Ausdruckskraft derart stark, dass der Leser unweigerlich ausatmet, als der erste Absatz diese Einleitung beendet.

Doch ein Fremder verheißt Rettung, er besitzt zwei Tickets und würde sie abgeben, wenn nur der Erzähler ihn eine Nacht begleite und seine Geschichte höre. Misstrauisch, leise und ungläubig hoffend sowie verzweifelt lässt er sich darauf ein. Dies sind dann auch die beiden Ebenen des Romans, zwischen denen immer wieder gewechselt wird. Da ist zum einen eben jene im Titel erwähnte »Nacht von Lissabon«, die beide Protagonisten die Nacht über durch Lissabon begleitet, während die Geschichte erzählt wird. Diese ist nun die zweite Ebene. Der Fremde berichtet von seinem verrückten Weg zurück in jenes Land, in jene Stadt, aus der er geflohen ist. Verfolgt von den Nazis hat er seine Heimatstadt zunächst verlassen und dabei auch seine Frau zurückgelassen. Die Liebe, vielleicht auch eher die Sehnsucht zu ihr, treibt ihn jedoch zurück. Er findet sie bei ihrer Familie, wegen der er einst floh, und beide fliehen erneut, diesmal zusammen. Helen, so ist ihr Name, hat dabei jedoch auch ganz andere Gründe als Liebe, mit ihrem Mann zu gehen. Zusammen erleben sie die Flucht durch jene Orte, die der Erzähler als von einer Flut verschluckt erlebt, nach Lissabon und von dort nach Amerika gelangen. Ausgangspunkt der beiden ist die Kleinstadt Osnabrück.

Auch Remarques Bücher wurden verbrannt

In eben jenem Osnabrück wurde Erich Maria Remarque, der Autor von »Die Nacht von Lissabon«, 1898 geboren. Bekannt ist Remarque vor allem für seinen Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues«. Im dort thematisierten Ersten Weltkrieg diente auch Remarque selbst an der Westfront. Die Erfahrungen dort ließen ihn zum Pazifisten werden, der die Grausamkeit der Kriege anprangerte. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 waren auch Remarques Bücher Teil jener Scheiterhaufen, die damals die Nächte erhellten und düstere Schatten vorauswarfen auf das, was noch folgen würde. Remarque verließ das Land, ging in die Schweiz und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

»Die Nacht von Lissabon« ist der dritte von vier Exilromanen, die Remarque geschrieben hat. Beginnend mit dem ersten Roman »Liebe Deinen Nächsten«, der 1941 veröffentlicht wurde, geht es über »Arc de Triomphe«, dessen Handlung unter anderem die hoffnungslose Internierung in einem Lager 1939 thematisiert. Es folgt die »Nacht von Lissabon«, deren Handlung zwischen 1939 und 1942 angesiedelt ist. Der Abschluss der Tetralogie bildet »Schatten im Paradies«, das posthum erschienen ist. Jedes dieser Bücher hat jedoch seine eigene Handlung, und auch die Figuren sind unterschiedlich. Die Gemeinsamkeit ergibt sich vielmehr aus der chronologischen Zeitlinie von 1933 über den Krieg hinaus sowie des Auswanderer- oder auch Flüchtlingsmotivs.

Fluchtmotiv, Sprachgewalt und Wucht

Was aber macht die »Nacht von Lissabon« so eindrucksvoll? Da ist zunächst das enorm eindrückliche Fluchtmotiv. Der Leser hat immer wieder das Gefühl, Teil der Flucht durch dieses dunkle »Europa des 20. Jahrhunderts« zu sein. Dabei werden die Auswirkungen des NS-Regimes zum einen auf die regionale, direkte Ebene deutlich. So etwa, wenn der Unbekannte seine einzige, jetzt fremd gewordene und doch andererseits so erschreckend bekannte Heimatstadt erreicht. Gleichzeitig wird mit der Flüchtlingsproblematik die enorme Auswirkung des Krieges und Terrors auf ganz Europa deutlich.

Eindrucksvoll auch die Verknüpfung zwischen Helens Schicksal, dem ihres Mannes und im Kontrast dem des Erzählers. Ganz unterschiedliche Motive und Motivationen finden sich hier. Helens Flucht etwa ist vielleicht sogar verzweifelter, und doch weniger mittelbar. Remarque verknüpft diese Schicksale höchst geschickt und spannend, so dass der Leser das Buch stellenweise kaum zur Seite legen kann.

All dies ist vermittelt durch eine wahnsinnige Sprachgewalt. Es bleibt nicht nur bei der erwähnten ersten Seite. Immer wieder begegnen dem Leser Zeilen, die ihn kurz innehalten lassen, die ihn mit einer solchen Wucht treffen, dass man gar nicht darüber hinweglesen kann. Es sind solche Momente, wenn Sätze dies vermögen, die wirklich außergewöhnliche Literatur kennzeichnen. Ein Beispiel sei hier angeführt: »Als die Kulturträger des Dritten Reiches seinem Großvater den Schädel einschlugen, war er drei Jahre alt gewesen – als man seinen Vater erhängte, sieben, und neun, als man seine Mutter vergaste –, ein wahres Kind des zwanzigsten Jahrhunderts.« Solche Intensität auf wenigen Zeilen ist außergewöhnlich.

Schluss mit Wiederkäuen – Neuer Blickwinkel

Daran schließt sich auch das Herausragende, Besondere und wirklich Außergewöhnliche in diesem Roman an. Es thematisiert die Auswirkungen des Dritten Reichs auf eine neue, heftige, aber auch eindrückliche Art und Weise. Heute begegnet Schülern die NS-Zeit im Laufe der Schullaufbahn mehr als einmal, oft sogar vier- oder fünfmal, und es macht sich ein Ermüdungseffekt breit. Bei Schülern sowieso, und auch in der Gesellschaft tritt er auf. Doch dieses Werk bringt es fertig, noch einmal Neues zu berichten. Der Blickwinkel ist anders. Das beginnt am Handlungsort Lissabon mit der Betrachtung des Schiffes als Arche, das geht weiter mit der Schilderung nach dem Bedürfnis der körperlichen Liebe, obwohl die Flüchtlinge völlig abgemagert sind, und es mündet im zentralen Motiv des Passes: »Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr, ein gültiger Pass alles.« Es sind solche Grundsätzlichkeiten, wie die Tatsache, dass ein Pass mehr wert sein könnte als ein Menschenleben, über deren Auswirkungen man länger nachdenken muss, um sie zu erfassen. Auch dass die Protagonisten hier keine Juden sind, ohne dass dabei die Situation jüdischer Flüchtlinge und Verfolgter ausgespart würde, hilft dabei, diesen anderen Blickwinkel zu öffnen. Dieser ermöglicht die Schrecken, die der Nationalsozialismus über Europa ausbreitete neu wahrzunehmen.

Das ist erschreckend und bedrückend, und doch sehr gewinnbringend. Bemerkenswert, dass dies einem Roman von 1962 so besonders gelingt.

  • Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 8,99 €
  • Der Buchhändler um die Ecke freut sich über Euren Besuch, Amazon ist dagegen seelenlos, Thalia auch nur ein Seelenverkäufer.
  • Über Tobias Hoffmann

    Tobias Hoffmann
    Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

    , , , , , , , , , ,

    Erstellt: 25.09. 2013 | Bearbeitet: 25.09. 2013 15:49