Mai 2013 hastuPAUSE Nr. 47 0

Reckless – Steinernes Fleisch

Der Auftakt der neuen Romantrilogie von Cornelia Funke auf der hallischen Opernbühne

Foto: Gert Kiermeyer / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Für den Durchschnittsleser von Cornelia Funke ist »Reckless« sicherlich zunächst ein schwerer Einstieg – kein Wunder, ist das Jugendbuch um eine Parallelwelt von Grimmschen Märchengestalten doch durchweg so düster und dramatisch wie vorher nur »Tintentod«. Umso erfrischender ist, dass das Ensemble des Thalia-Theaters unter der Regie von Christoph Werner dem Stoff etwas mehr Leichtigkeit abgewinnen und die surreale Atmosphäre dennoch erhalten konnte.

Dabei fällt das Stück erst mal mit der Tür ins Haus: Will Reckless (Justus Verdenhalven) wird von seiner Freundin Clara (Sophie Lochmann) aufgesucht und lässt prompt Spuren von Verletzungen erkennen – Verletzungen, die er in einer anderen Welt zugefügt bekommen hat. Ohne viel Erklärung zerrt Will seine Freundin (fantasy-typisch) durch den Spiegel in besagte Welt, wo sein Bruder Jack (Harald Hörbinger) für die Kaiserin von Austrien nach Märchenschätzen sucht. Das Reich befindet sich jedoch im Krieg mit dem steinernen Volk der Goyl, die – wie man schnell erfährt – Will ein Mal zugefügt haben, das ihn langsam, aber sicher in einen der ihren verwandelt – den Jade-Goyl, der sie unbesiegbar macht. Von da an entfaltet sich eine Handlung voller Intrigen, Verwicklungen und Magie, die selbst ein ganzes Opernhaus voller lärmender Grundschüler in ihren Bann schlägt.

Einen großen Anteil daran hat sicher das einzigartige Bühnenbild: nach zwei Szenen in klassischen Kulissen wird die Bühne geleert und der Hintergrund nur noch auf eine Fläche von Stofffahnen projiziert – das jedoch so makellos, dass nicht einmal der Schatten der Darsteller die Illusion zerbricht. Mehr noch: Die holzschnittartigen, größtenteils in Schwarz und Weiß gehaltenen Szenerien beinhalten Animationen und sogar Videoaufnahmen, die perfekt mit den Aktionen der Darsteller im vorderen Bühnenraum abgestimmt sind. Die Illusion einer einheitlichen Welt wird durch die Möglichkeiten einer frei beweglichen Kamera noch verstärkt: Durch Schwenks, Zooms und teilweise auch durch freien Flug werden die Szenerien atmosphärisch ineinander übergeleitet, inhaltliche Brüche bewusst vermieden.

Foto: Gert Kiermeyer / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Bei einem solch lebendigen Bühnenbild ist die Befürchtung groß, dass die Darsteller nicht dagegen anspielen können. Doch diese Befürchtung verflüchtigt sich schnell, denn alle Darsteller bringen ihren Part kraftvoll auf die Bühne, wenngleich die Rolle des Will Reckless nicht unbedingt viel zur Handlung beiträgt und die meiste Zeit über zum passiven Leiden verdonnert ist. Negativ fällt auch auf, dass gerade in Dialogsequenzen einige Darsteller (speziell solche, die nichts zu sagen haben) unwillkürlich die Show stehlen. Wenn etwa inmitten eines ernsten Disputs das Fuchsweibchen ein Kaninchen zerfleischt, der psychotische Schneider im Käfig aufheult oder Zwerg Valiant auf seinem Bürohocker sich galant über die Bühne schiebt, geht die Dramatik schon einmal unweigerlich flöten – auch eine Art und Weise, die Stimmung aufzulockern, aber manchmal sollte Drama eben Drama bleiben!

Empfehlenswert bleibt das Stück dennoch, denn für den erschwinglichen Eintrittspreis von 6 Euro können sich auch Studenten einmal auf ein Fantasy-Abenteuer einlassen, das man sonst im Theater selten zu sehen bekommt. Einmalig sollte dieses Experiment sicher nicht bleiben – schließlich wartet mit »Lebendige Schatten« schon die Fortsetzung des Romans auf ihre Inszenierung, die sicherlich einige Fragen klärt, die selbst in der Bühnenbearbeitung noch unbeantwortet bleiben.

Weitere Aufführungen:

  • 4. Mai 2013, 15.00 Uhr
  • 11. Juni 2013, 10.00 Uhr
  • 21. Juni 2013, 10.00 Uhr

Über Martin Wohlgefahrt

Erstellt: 03.05. 2013 | Bearbeitet: 03.05. 2013 00:09