Feb 2013 hastuINTERESSE Nr. 46 0

Publikumsjoker im Hörsaal

England ist eben doch ein bisschen anders: Aus Newcastle berichtet unsere Korrespondentin von Hightech an der Uni und unbekümmerter Selbstdarstellung im Netz.

Samstagabend, 23.51 Uhr. Eigentlich könnte ich noch mal schnell in die Bibliothek gehen. Also begebe ich mich, voller Vorfreude auf eine Nacht­schicht, auf den videoüberwachten Weg. Schon mehr als einmal habe ich mir vorge­nommen, die Kameras zu zählen, die mich auf meinem Weg zur Uni jedes Mal filmen. Das Problem ist nur: Auch nach fast vier Monaten entdecke ich immer noch neue. Allein die Anzahl der auf dem Wohnheimgelände befindlichen liegt definitiv im zweistelligen Bereich.

Gut überwacht (und behütet?) komme ich also in der Bibliothek an. Mittlerweile ist es nach Mitternacht, aber zum Glück ist die Bibliothek ja rund um die Uhr geöffnet. Um hineinzu­kommen, brauche ich meine Smart-Card, meinen Studentenausweis, der als Schlüssel an den elektronischen Schranken fungiert. Auch für die 24-Stunden-Self-service-Bücherausleihe, den nächtlichen und wochenendlichen Zugang zu sämtlichen Unigebäuden und zum Eintritt ins Sportzentrum braucht man die Smart-Card, auf der dann alle wichtigen Infos über den Studenten gespeichert sind. Neben Daten wie Studienfach und Immatrikulationsstatus also beispielsweise auch die Art der SportsCentre-Mitgliedschaft und somit, welche Sporträume und -angebote der Student nutzen kann. Auch im Alltag ist das kleine weiße Kärtchen so ziemlich überall von Vorteil: Vergünstigungen bei Newcastle-United-Heimspielen, Gratis-McFlurry zum Menü bei McDonald’s, Rabatte in Bekleidungs­geschäften, … der Student ist König.

Technik vom Feinsten

Zurück zur beziehungsweise in die Bibliothek. Die Robinson Library ist die Haupt­bibliothek der Uni Newcastle und ziemlich groß. Schon mehr als einmal hatte ich Probleme, meinen Arbeitsplatz wiederzufinden, nachdem ich ihn verlassen hatte. Die technische Ausstattung ist aber in jedem Fall super. Buch-Such-Touchscreens an allen möglichen Ecken. Schreibtische mit Steckdosen für Laptop-Arbeiter. Darüber hinaus Arbeitsplätze mit Computern, jeweils knapp hundert auf jeder der vier Etagen. Zudem kann man in der Bibliothek Laptops ausleihen.

Auch in den ganzen Lehrgebäuden auf dem Campus kann man die technische Aus­stattung nicht bemängeln. PC-Stationen findet man auf den Erdgeschossfluren in ziemlich allen Gebäuden, mindestens einer davon ist jeweils in rollstuhlgerechter Höhe angebracht.

Darüber hinaus befinden sich überall Bildschirme mit mehr oder weniger neuen Campus-Infos, darunter wird die »Wo ist der nächste freie PC auf dem Campus?«-App angepriesen. In den Vorlesungen gibt es Abstimmgeräte für Schätzfragen, ähnlich wie beim Publikumsjoker von »Wer wird Millionär«. Und Touch-Beamer, bei denen die an die Wand projizierten Folien einfach durch einen Handwisch an der Wand weiter­geschoben werden. Die Hörsäle sind teilweise mit Dolby-Surround ausgestattet. Alles Dinge, die mich zunächst sehr überrascht haben, dann aber doch sehr schnell Bestandteile meines Uni-Alltags geworden sind.

Sehr kommunikativ

Manche Dozenten stellen sich ihre iPhone-Wecker auf fünf Minuten vor Vorlesungsende, damit sie auch wirklich pünktlich Schluss machen. E-Mails werden von Dozenten für gewöhnlich innerhalb einer halben Stunde beantwortet, manchmal auch in zwei Minuten.

Zu einem Schwätzchen aufgelegt: der Leserservice der Newcastle University Library auf Twitter

Der Leser-Service der Bibliothek hat einen eigenen Twitter-Account, mit dem er auch gern die Tweets der Studenten kommentiert. Beispiel:

Student: »Nein, wir haben nicht gerade in der Robinson Library Klopapier geklaut ;)« Leser-Service: »Na, dann ist ja gut ;)«

Erschreckt hat mich das extreme Vertrauen, das die Studenten hier in Facebook stecken. Das Partybilder-Problem scheint hier keineswegs ein Problem zu sein. Die Studenten lassen sich sogar noch auf den Bildern verlinken, auf denen sie sturzbetrunken irgendwelche Treppen heruntergetragen werden. Immer getreu dem Motto: »Ach, wenn ich mich auf Jobs bewerbe, ändere ich einfach für zwei Wochen meinen Namen!« Bemerkung am Rande: Auch die Privatsphäre-Einstellungen scheinen lückenhaft zu sein: So kann man aus Deutschland mit einem deutschen Account auf englischen Profilen von Nicht-Freunden auch all das sehen, was dort eigentlich nur Freunde sehen können sollten.

Erwähnt sei auch das Trendsetting via Youtube: Newcastle ist der Geburtsort des Milking! Genauer noch: Studenten der Newcastle University haben es erfunden: einfach irgendwo hinstellen, sich Milch über den Kopf gießen, das Ganze filmen oder filmen lassen und dann auf Youtube hochladen.

Fotos: Phoenix Dark-Knight (Flickr, CC-BY-NC-SA 2.0),
Twitter-Screenshot

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 07.02. 2013 | Bearbeitet: 06.05. 2014 23:48