Jul 2013 hastuUNI Nr. 49 0

„Prädikat Rufmord»

Anfang Juli sickerten Vorschläge des Wissenschaftsrats zum Teilabbau der Unimedizin durch. Die Fachschaft Medizin argumentiert in einem offenen Brief dagegen, den wir hier vollständig dokumentieren.

Sehr geehrter Herr Haseloff, sehr geehrter Herr Möllring, sehr geehrte Landtagsabgeordnete,
liebe Bürgerinnen und Bürger Sachsen-Anhalts,

frustriert mussten wir den Entwurf der Stellungnahme des Wissenschaftsrates zur diesjährigen Bewertung der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aus der Mitteldeutschen Zeitung zur Kenntnis nehmen. In diesem Brief wollen wir die Sichtweise der Studierendenschaft verdeutlichen und unserem Missfallen über die vorgeschlagenen Maßnahmen Ausdruck verleihen.

In erster Linie schockiert uns die Empfehlung, den vorklinischen Abschnitt des Medizinstudiums in Halle nach Magdeburg zu verlagern. Das Opfern der vorklinisch- theoretischen Ausbildung ist kein Impuls für eine Neugestaltung, sondern stellt vielmehr ein Todesurteil für den Standort dar.

Der Wissenschaftsrat behauptet zwar, dass die Anzahl der ausgebildeten Ärzte im Land gleich bliebe, es ist jedoch abzusehen, dass real Medizinstudienplätze vernichtet werden. Schwer vorstellbar ist auch, dass zur Kompensation wegfallender hallensischer Vorklinikumsplätze die bestehenden Kapazitäten in Magdeburg ohne finanziellen Mehraufwand verdoppelt werden können.

Gerade in Hinblick auf die derzeitige demographische Entwicklung in Sachsen-Anhalt und dem steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Medizinern ist dies ein Schritt in die falsche Richtung. Langfristig sehen wir die medizinische Versorgung der Bevölkerung im südlichen Sachsen-Anhalt gefährdet. Diese Haltung teilen wir nicht nur mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Deutschlands e.V. (Pressemitteilung vom 29.04.2013), sondern auch mit der Ärztekammer Sachsen- Anhalt (Pressemitteilung vom 23.04.2013). Andere Bundesländer haben das Problem erkannt: In der Konsequenz werden in Regionen mit bestehendem Ärztemangel neue medizinische Fakultäten gegründet, um die dortige medizinische Versorgung sicherzustellen. Als Beispiele seien Oldenburg oder die Bestrebungen in Brandenburg genannt.

Die Mediziner, die man in Halle ausbilden würde, wären unserer Meinung nach schwieriger in Halle und Umgebung zu halten: In nur drei Jahren tritt kaum eine Identifikation mit dem Studienort ein. Außerdem macht ein geteiltes Studium mit Wohnortswechsel trotz anderslautender Bekundungen des Wissenschaftsrates Halle als Studienort unattraktiv und veranlasst niemanden dazu, freiwillig hier zu studieren. Die Empfehlung des Wissenschaftsrates konterkariert somit die momentanen Bestrebungen, dem Ärztemangel in Deutschland entgegen zu wirken.

Dieses Transparent kam auf den Demonstrationen der vergangenen Wochen immer wieder zum Einsatz. Foto: Johanna Sommer

Dieses Transparent kam auf den Demonstrationen der vergangenen Wochen immer wieder zum Einsatz.
Foto: Johanna Sommer

Unverständlich ist auch, warum die bemerkenswerte Verbesserung der Lehre in Halle zwar zur Kenntnis genommen wird, sich jedoch in der Empfehlung des Wissenschaftsrates nicht niederschlägt. Es besteht eine erkennbare Diskrepanz zwischen der Summe der Einzelbewertungen und dem abschließenden Votum. Zudem ist nicht nachvollziehbar, wie die Verlagerung der Vorklinik nach Magdeburg Einfluss auf die kritisierte Forschung haben soll. Diese Entscheidung würde die Bemühungen der letzten Jahre, die Lehre in Halle grundlegend zu reformieren, zunichtemachen und stellt eine eklatante Missachtung des massiven Engagements der beteiligten Studierenden und Lehrkräfte dar. Das anerkannte Alleinstellungsmerkmal der Fakultät, Medizin, Zahnmedizin und Gesundheits- und Pflegewissenschaften im gemeinsamen Rahmen anzubieten und so die Studiengänge eng zu verknüpfen, wäre durch ein Zerreißen des Medizinstudiums stark gefährdet.

Die Teilschließung der medizinischen Fakultät würde außerdem weitere Entwicklungen vernichten, die der Wissenschaftsrat lobend erwähnt: Die zukunftsweisende «Klasse Allgemeinmedizin« in Halle beginnt bereits im ersten Semester und könnte im vorgeschlagenen Konzept nicht mehr existieren.
Auch die geforderte Intensivierung der Verknüpfung zwischen Human- und Zahnmedizin sowie Gesundheits- und Pflegewissenschaften, deren Überschneidungen gerade in der Vorklinik massiv sind, könnte dann kaum umgesetzt werden.

Für das hochgelobte Zahnmedizinstudium in Halle hat der Wissenschaftsrat nur in Ansätzen Vorschläge, die uns allesamt realitätsfern scheinen. Das gute Niveau der zahnmedizinischen Ausbildung und die positive Bewertung der Studierenden ließen sich nicht halten, wenn die vorklinische Ausbildung zum Pendelstudium zwischen Leipzig, Jena und Halle degradiert würde. Eine zahnmedizinische Ausbildung, die auf Platz 2 deutschlandweit steht, ist ohne Vorklinik in Halle nicht möglich.

Dies ist nur einer der Punkte, in denen das Gremium sich selbst widerspricht. Es zeigt sich, dass die Konsequenzen aus den Empfehlungen nicht bedacht wurden oder die Zerstörung leistungsstarker Strukturen billigend in Kauf genommen wird.

Es sei anzumerken, dass der letzte Bericht des Wissenschaftsrates von 2009 und die aktuell verwendeten Zahlen im Wesentlichen aus den Jahren 2010 und 2011 stammen. Wir halten diese zwei Jahre für grundlegende Veränderungen in der Forschung viel zu kurz und können nicht verstehen, wie man seriös erwarten kann, dass sich in dieser Zeit ein Forschungsschwerpunkt mit internationaler Sichtbarkeit entwickelt. Wie soll sich die Forschung an unserer Fakultät überhaupt verbessern, wenn man durch die rufschädigenden Diskussionen, die in den Medien geführt wurden und noch werden, gute Wissenschaftler vergrault? Nachwuchsforscher bindet man nicht an den Standort, indem das Studium nur drei Jahre vor Ort beträgt und bei jeder Haushaltsdebatte die Standortschließung erneut ins Auge gefasst wird.

Um für junge Menschen attraktiv zu sein, braucht die Fakultät die beiden Forschungsschwerpunkte und ein Fächerspektrum, welches dieser Schwerpunktsetzung entspricht. Studierende, die akademisch tätig werden wollen, müssen sich in ihren Fähigkeiten und Interessen durch das Fächerspektrum angesprochen fühlen, um sie zur Ortswahl zu bewegen und an den Standort zu binden.

Ganz gleich, was der Wissenschaftsrat dazu empfiehlt: Wir fordern, dass die gewünschte Entwicklung hin zu einer besseren Forschung, einer innovativen Lehre und einer verantwortungsvollen Krankenversorgung mehr Zeit zugestanden wird, um die geforderten Umgestaltungen hochwertig zu gestalten und adäquat umzusetzen. Wir haben als Standort in den letzten vier Jahren in der Lehre gezeigt, dass Veränderungen gewollt sind und vollbracht werden können. Deshalb sind wir nicht bereit, unsere gute Lehre aufzugeben, weil utopische Erwartungen in der Forschung nicht erreicht wurden.

Wir fordern für die zukünftigen Planungen auch den aktiven Gestaltungswillen der Landesregierung ein. Hier müssen gerechte Zielsetzungen und realistische Konzepte für die zwei medizinischen Fakultäten in Sachsen-Anhalt definiert werden, wenn sie beide medizinische Standorte erhalten will.

Wir bitten den Wissenschaftsrat, seine Anmerkungen und Empfehlungen auf Kongruenz und Nachhaltigkeit zu überprüfen, um nicht den Anschein einer gewollten einseitigen Betrachtung zu erwecken. Der momentane Entwurf der Stellungnahme hat zu einer öffentlichen Diskussion geführt, die das Prädikat Rufmord verdient hat!

Die Studierendenschaft der Humanmedizin, der Zahnmedizin und der Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Halle (Saale), den 04.07.2013

Über Gastbeitrag