Apr 2013 hastuPAUSE Nr. 47 0

Noch eine Ausstellung

Bericht von einer Vernissage, auf der keiner über die Bilder spricht

Wenn es in Halle etwas gibt, das häufiger vorkommt als Apotheken, dann sind es Ausstellungen. So viele Künstler wie heute gab es noch nie. Damit die Inflation der Kunst am Laufen gehalten wird, geben sich Finissagen und Vernissagen die Klinke in die Hand. Vor allem die Fotografie ist eine beliebte Methode, sich als Künstler zu inszenieren.

Im Foyer des Multimediazentrums (MMZ) hingen im März Fotos von Halle. 51 an der Zahl. 38 im Foyer, 13 auf dem Weg zum Klo. Der Fotograf Matthias Kunkel hat Bilder von der Marktkirche, vom Universitätsplatz, von der Leipziger Straße, der Neuen Residenz und dem Stadtgottesacker gemacht; auch in eine Baulücke wurde hineinfotografiert. Es hat etwas von einem touristischen Rundgang – überall mal draufgehalten. Ein Vorher-Nachher-Vergleich hätte irgendwie noch Sinn gemacht – vielleicht war der Zeitraum von sieben Jahren auch zu kurz gewählt. Mancher hallische Fotograf hat mit seiner Ausstellung Jahrzehnte gewartet, bis er an die Öffentlichkeit ging.

Zur Ausstellungseröffnung am 7. März von »Halle an der Saale 2005 bis 2012 – Sichtweisen auf die Stadt« in der Mansfelder Straße 56 sind einige Halle-Fans angereist. Nach einer kurzen Bilderschau, mit Begleitmaterial für die eindeutige Identifizierung von Marktplatz und Co., ruft man die Besucher ins Kino des Gebäudes. Es ist sicher die bequemste Ausstellungseröffnung seit langem. Im gut gefüllten Kinosaal des MMZ soll auch irgendwo der Oberbürgermeister sitzen. Popcorn wird leider nicht gereicht. Dafür geht’s gleich los: Eine junge Studentin liest in erheiternder Betonung fünf A4-Seiten vor, streift sich dazu immer wieder bedeutungsvoll den Pony aus dem Gesicht und begrüßt dann in freier Rede die Referenten von Postkult und Haushalten. Von der Ausstellung kein Wort, es scheint, als wären die armen Bilder nur Anlass, mal über Postkult und Haushalten zu sprechen. Als erstes stellt Stephan Schirrmeister sein »Wächterhaus« in der Triftstraße vor, das man durch die Nutzung als Atelier für Burg-Studenten vor dem Verfall bewahren konnte. Sein Verein Haushalten kümmert sich um vernachlässigte Häuser, wofür diese mietfrei genutzt werden dürfen; das Haus in der Triftstraße hat man sogar gekauft. Doch für die meisten Objekte gibt es nur eine begrenzte Nutzungserlaubnis vom Eigentümer. Der Nutzungsvertrag für die Goldene Rose beispielsweise läuft 2014 aus, dessentwegen man sich schon ein neues Objekt, die alte Schwemme-Brauerei am Salzgrafenplatz, ausgeguckt hat.

Danach kommen seine weniger geschäftstüchtigen Kollegen von Postkult zu Wort. Eine untersetzte Endzwanzigerin mit gereiztem Blick und vorwurfsvollem Tonfall betritt die Bühne, zitiert auch gleich ihren Kollegen mit hoch, der es sich in seinem Sessel noch mal gemütlich machen wollte. Ihre Unsicherheit überspielt sie mit einer barschen Bemerkung an die Technik, wo denn ihre Präsentation bliebe. Sie zeigt das Vereinshaus, ein altes Postamt, das in unmittelbarer Nähe zum Triftstraßen-Wächterhaus steht und der »Nach-Kultur« wohl den Namen gab. Postkult ist ein Verein, der in Halle allerlei kuriose Dinge veranstaltet, wie eine Baulücke in der Torstraße, die als Stadtgarten umfunktioniert wird, oder einen Umsonst-Laden, wo man Dinge hinbringen kann, die bei Ebay keinen Käufer finden.

»Vielleicht willst du auch mal was sagen«, leitet sie auf ihren Kollegen über. Der stellt die Vereinsstatistik vor und wirbt, ob der noch geringen Mitgliederzahl von 31, um weitere Pioniere. »Wir sind zwar alle keine Handwerker, aber mit gutem Willen kriegen wir das schon hin«, so der Kollege. Der Umsonst-Laden, der bis zur Gentrifizierung des Glaucha-Viertels in der Schwetschkestraße untergebracht war, ist nun in einem baufälligen Haus weiter draußen zu finden. Ein vierter »Referent« gibt gleich zu, ein schlechter Redner zu sein und lässt ein Video abspielen. Als Sprayer hatte er vergangenen Sommer bei der Aktion »Freiräume schaffen, Leerstand nutzen« mitgemacht und Häuser im Osten von Halle besprüht. Nach dem Motto »Jeder ist ein Künstler« waren alle aufgefordert mitzumachen.

Im Video bereitet sich eine Gruppe von Grundschulkindern auf ihren Einsatz vor und zieht Atemmasken vors Gesicht. Zahlreiche Häuser werden von den Aktionisten mit riesigen Graffitis besprüht, darunter auch Fassaden, bei denen man sich dem Eindruck der Sachbeschädigung nicht erwehren kann. Ein Mann von der Denkmalbehörde wird unruhig, als er sieht, wie Drittklässler sich an einer Gründerzeit-Fassade zu schaffen machen. Noch heute sind die Kunstwerke zu bestaunen, geht man durch die nunmehr verlassenen Straßen zwischen Freiimfelder Straße und altem Güterbahnhof. Trotz der vielbeschworenen Aufwertung des Viertels durch diese Aktion will nach wie vor keiner ernsthaft dort wohnen.

Wie man aber Leute für ihre Stadt begeistert und der Verödung ganzer Stadtteile entgegenwirkt, ist Thema der anschließenden Podiumsdiskussion. Mittlerweile hat sich schon gut die Hälfte der Zuschauer aus dem Saal geschlichen. Auch ein nerviger Fotograf, der alles zehnmal fotografieren musste, hat nun Platz genommen.

Ein Mann mit schütterem Haar, der plötzlich vor der Leinwand auftaucht, moderiert die Podiumsdiskussion, zu der noch einmal alle Referenten, ein Mann von der Baubehörde und eine Architektur-Professorin aus Merseburg aufgerufen werden.

Die Professorin fängt an, was nach ihren Vorrednern geradezu entspannend wirkt. Die anderen wiederholen noch einmal, was sie schon in ihren Vorträgen gesagt haben. Auch ich bin nun geneigt zu gehen, warte aber ab, was Herr Schirrmeister noch sagen wird, da er die Situation ziemlich gut begriffen hat und mit seinem spitzbübigen Tonfall erheiternd wirkt. Auf die Frage des Moderators, warum er sich das alles antut und ob es nicht frustrierend sei, nachdem man die Häuser flott gemacht hat, wieder ausziehen zu müssen, antwortet er: »Harte Nüsse sind dazu da, dass man sie knackt.«

Auf dem Weg nach draußen fallen mir wieder die Bilder ein – die Ausstellung, von der keiner gesprochen hat, läuft noch bis 7. April.

Über Clemens Heinemann

Erstellt: 25.04. 2013 | Bearbeitet: 25.04. 2013 13:27