Feb 2013 hastuUNI Nr. 46 0

Nicht die Pferde scheu machen

Am Ende des Semesters haben sich die Wogen um die geplanten Stellenstreichungen geglättet. Dabei hat sich an der Lage nichts geändert.

Mit einer Mischung aus Staunen und Erheiterung blättern Daniel Möbus und Clemens Wagner durch die elektronischen Fotoalben vergangener Tage. Gerade schauen sich die beiden vorsitzenden Stura-Sprecher Bilder von der Streikwoche im Dezember 2003 an: Damals haben die Protestierenden im Melanchthonianum ein »Orga-Büro« eingerichtet, auf Tischen liegen Reader mit Hintergrundinformationen bereit, eine große Tafel informiert über die Veranstaltungen des Tages: öffentliche Vorlesungen, Diskussionen, ein Trommel-Workshop. In der Stadt putzen Studierende Schuhe, jonglieren, betteln um Geld für die Uni. Demonstranten füllen den Uniplatz, ziehen durch die Straßen, hinter ihnen ein Tross von Traktoren: damals stand auch die Landwirtschaftliche Fakultät auf der Kippe. Viele bunte, mehr oder weniger launige Transparente sind zu sehen, eines raunzt in Anspielung auf den damaligen Rektor: »Das Rektorat hat Grecksch am Stecken!«, ein anderes beklagt »Bildungs-Kastration«, eines warnt: »Keine Ingenieure – keine Industrie«.

Trotz alledem streicht das Land 12 Prozent seiner jährlichen Zuwendungen an die Martin-Luther-Universität, 14,7 Millionen Euro, mehr als an jeder anderen Hochschule des Landes. Die Uni reagiert mit einer Neustrukturierung der Fakultäten und wickelt unter anderem die Ingenieurwissenschaften ab. An den Folgen der Umstrukturierung laboriert die MLU noch heute.

12. Dezember im Audimax: Rektor Udo Sträter im Gespräch mit dem studentischen Senator Sebastian Lüdecke. Foto: Clemens Wagner


Die Zeiten haben sich geändert. Als das Aktionsbündnis anno 2012 erwog, auf dem Uniplatz ein Protestzelt aufzustellen (wir erinnern uns: es war mild im Dezember), da suchte Daniel beim Rektor lieber um Erlaubnis nach. Man möchte ja Dialogbereitschaft zeigen und die Leitung der Universität nicht vor den Kopf stoßen. Der Rektor fand die Idee nicht so gut, also blieben die Zelte eingepackt. Nach der Weihnachtspause blieben auch die Transparente eingemottet, das »Aktionsbündnis MLU« hat momentan nichts weiter in Planung. »Warum auch«, meint Clemens, »wir haben doch eigentlich erreicht, was wir wollten.«

Haben sie das? Einer Forderung hat das Rektorat tatsächlich entsprochen: der Senat hat im Dezember keine konkreten Vorschläge zur Streichung von Professuren vorgelegt bekommen und konnte damit auch nicht, wie von Studierenden und Uni-Angestellten im Aktions­bündnis befürchtet, vollendete Tatsachen schaffen. Der Auftrag des Senats sei nicht erfüllbar gewesen, ohne dass die Streichungen die Struktur der Universität beschädigt hätten, erklärte der Rektor dazu. In diesem Punkt wenigstens scheinen Rektorat und Aktionsbündnis nicht weit auseinanderzuliegen. Einzelne Professuren zu benennen, solange sich die Universität noch nicht einmal auf ihr künftiges Profil verständigt hat, versetzt die betroffenen Fächer möglicherweise unnötig in Panik. Über solche ungelegten Eier will Rektor Sträter ungern reden, in seinen Worten: »Wir wollen nicht vorzeitig irgendwelche Pferde scheu machen.«

Undurchsichtig, aber effizient

Dabei sollen die Gespräche mit den Dekanen bereits weit fortgeschritten sein. Und darüber, also den Stand der Diskussion, wären die Studierenden und Mitarbeiter im Senat, wären Studierendenrat und Personalrat, wären Hochschulgruppen und Gewerkschaften durchaus gerne auf dem Laufenden. Doch auch hier möchte der Rektor keine Rösser verschrecken, für ihn ist das eine Entscheidung zwischen »Transparenz und Effizienz«. Letzterer gibt er den Vorzug.

Zur Senatssitzung am 12. Dezember schenkte der Studierendenrat Glühwein und heißen Früchtetee aus. Foto: Clemens Wagner

Auf einer allgemeineren Ebene aber kam das Rektorat am 12. Dezember mit den etwa 300 Studierenden und Angestellten, die sich im Audimax drängten, bereitwillig ins Gespräch. Die angesetzte Tagesordnung der Senatssitzung musste warten. Viele Studierende bemängelten die personelle Ausstattung ihrer Studienfächer, wozu der Rektor wenig Konkretes sagen konnte: die einzelnen Entscheidungen fallen nicht zentral, sondern in den Fakultäten, deren enges Budget ihnen freilich wenig Spielraum lässt. Einige Studenten forderten, der Rektor müsse die Interessen der Uni gegenüber dem Land vehementer vertreten. Sträter verwies auf seine langjährigen Erfahrungen mit der Landespolitik: »Sie können ja gerne mal mitkommen, wenn ich mit der Wissenschaftsministerin oder dem Finanzminister spreche.« Fordernd aufzutreten sei bisher keine erfolgreiche Strategie gewesen, »nun muss man sich etwas anderes überlegen.« Viele Landtagsabgeordnete könnten die Klagen aus Halle schon nicht mehr hören. Nach der Vorstellung des Rektors soll die Strukturdebatte ihnen zeigen: »Mit dem Budget können wir folgendes machen und folgendes nicht mehr machen.«

Wenn man nicht mehr weiterweiß …

Eine Woche später, als sich der Senat am 19. Dezember zu einer Sondersitzung traf, waren die Zuschauerreihen deutlich gelichtet. Einmal mehr diskutierte der Senat darüber, wie man mit all dem umgehen solle: Strukturdebatte und Profildiskussion, die zu erwartenden Ergebnisse aus der Begutachtung des Wissenschaftsrats und die Verhandlungen über die nächsten Zielvereinbarungen mit dem Land. Einzelne Senatoren hatten keinen guten Eindruck von der Arbeitsweise des Wissenschaftsrats gewonnen. Zudem ist nach mehreren Verschiebungen nicht genau absehbar, wann seine Empfehlungen veröffentlicht werden. So waren sich große Teile des Senats und das Rektorat darüber einig, ihrerseits Daten, Fakten und Einschätzungen aus den Fakultäten zu sammeln, nicht als »Konkurrenz« zur Arbeit des Wissenschaftsrats, sondern um fundiert über das zukünftige Profil der Universität diskutieren zu können.

Auf Wunsch des Rektors soll der Senat dafür eine sechsköpfige »Koordinierungs­kommission« einrichten, die den weiteren Fortgang in den kommenden Monaten organisieren soll. Zwar wäre für diese Aufgabe auch die bereits vorhandene Senats­kommission für Struktur und Haushalt geeignet, doch 17 Mitglieder sind dem Rektor zuviel, auch hofft er, dass in der neuen kleinen Kommission die Vertraulichkeit besser gewahrt bleibt. Den Vorwurf der Intransparenz will Sträter aber nicht gelten lassen: Eigentlich könnte das Rektorat auch selbst diese Aufgabe übernehmen, er fände es aber besser, wenn alle Statusgruppen, also auch Studierende und Mitarbeiter, wenigstens mit einer Person vertreten sind.

Doch wo hört die Koordination auf und fängt die inhaltliche Arbeit an? Von Seiten der Gewerkschaften wird bereits der Verdacht geäußert, dass die Koordinierungskommission, legitimiert durch die Mitarbeit aller Statusgruppen der Uni, aber dennoch nichtöffentlich, auch die Abbauvorschläge erarbeiten soll. Beim Studierendenrat sorgt diese Mischung aus Teilhabe und Intransparenz ebenfalls für Misstrauen. Pferde scheuen eben auch vor unbekanntem Terrain zurück.

19. Dezember: Sondersenatssitzung im Hallischen Saal. Foto: Christian Schoen

Über Konrad Dieterich

Redakteur.