Jun 2013 hastuPAUSE Nr. 48 0

Mutige Frauen in Afghanistan

Unter diesem Motto präsentierte Ute Wagner-Oswald am 7. Mai anhand von Dokumentarfilmen die Lage in Afghanistan.

Filmaufnahmen bei einem dörflichen Frauenkomitee in der Provinz Mazar-i-Sharif

Filmaufnahmen bei einem dörflichen Frauenkomitee in der Provinz Mazar-i-Sharif.
Foto: Ute Wagner-Oswald

Von dem ersten Kurzfilm war das Publikum erschüttert. In der Stadt Bamyan existieren schon sehr lange keine Bäume mehr. Brot ist wichtiger denn je geworden. Viele Flüchtlinge kehren nun nach vier Jahren in ihre Heimat zurück. Doch in Bamyan steht eine Familie vor den Trümmern ihres Hauses. Sie haben keine Existenzgrundlage mehr. Sie mieten sich eine Höhle im Sandstein. Was viel Getuschel im Publikum erregte: »Wieso sollen sie für eine Höhle, wo nichts drin ist, auch noch Miete zahlen?« Doch lange kann die Familie dort nicht leben, die Miete wurde zu teuer. Das wichtigste Transportmittel, der Esel, den sie sich geleistet haben, hält den Winter nicht mehr durch. Für Kohle haben sie auch kein Geld zur Verfügung. Wäsche waschen und Geschirr spülen alle Familien im Fluss, zu dem ein kilometerlanger Fußmarsch zu bewältigen ist. Während dieser Kulisse im Kurzfilm freut sich der Vater dennoch: »Wir sind trotzdem froh, im eigenen Land zu sein.« Diese Probleme teilen sie mit vielen anderen Familien, die wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Aber es kommt noch schlimmer: Sie haben verlernt, in diesen Verhältnissen zu überleben.

Die Friedensfachkraft des Deutschen Entwicklungsdienst Ute Wagner-Oswald arbeitete von 2006 bis 2008 als Lehrkraft im staatlichen Fernsehen in Kabul. Dort brachte sie den Afghanen und Afghaninnen ihr Handwerk des Dokumentarfilmens bei. Während dieser Zeit drehten ihre Studenten Dokumentar- und Kurzfilme über mutige Frauen in Afghanistan, Drogen oder die ortsansässigen Friedensfachkräfte.

Die Veranstalter an diesem Abend waren der Friedenskreis Halle e.V und die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt. Förderer waren die Stiftung Nord-Süd-Brücken sowie das Frauenzentrum Weiberwirtschaft. In mehreren Filmen wurde dem Publikum die Situation auf dem Land und in der Stadt sowie das Frauenministerium erläutert.

Stolz berichtet Wagner-Oswald vom Projekt »Hühnerhaltung«. Problematisch ist, dass die europäischen Hühner, welche dort angesiedelt werden, alle eine Augenkrankheit haben. Morgens, mittags, abends erhalten die Hühner Augentropfen. Während die Frau sich um das Geflügel kümmert, verkauft der Mann die Hühnereier und gibt der Frau 50 Prozent vom Gehalt ab. Doch die Frauen etablieren sich immer mehr, denn sie verkaufen selber ihre Hühnereier und behalten das Geld für sich. Zusätzlich fertigen sie Strickereien, Armbänder und Ohrringe an, um sie weiterzuverkaufen. Wenn sie auf den Markt gehen, tragen sie einen Ganzkörperschleier und einen Ausgehschal oben drüber. Die Kinder der Frauen sind ihr Antrieb. Sie wissen, dass sie nichts besitzen. Deswegen sparen sie das Geld für ihre Kinder an, damit sie zur Schule gehen können.

Während der Dreharbeiten fiel der Friedensfachkraft auf, dass es im Jahr 2006 nur einen Fernsehsender gab. Ein halbes Jahr später konnten schon sechs weitere Fernsehsender übertragen werden. Internet gab es erst ab Sommer 2006, zwei Stunden am Tag, sogar im Dorf. Heutzutage gibt es 30 private Fernsehstationen in Kabul und viele Radiosender. Aber 50 Prozent der Frauen und Männer können immer noch nicht lesen und schreiben.

Alleine essen gehen

Der zweite Kurzfilm handelte von der Stadt Herat. Dort entstand die Initiative, dass Frauen alleine essen gehen dürfen. In der Öffentlichkeit war es verpönt zu essen und verboten, ohne Begleitung in Restaurants zu gehen. Wenn es sich eine Studentin doch traute, setzte sie sich auf eine Bank im Park und versuchte das Essen hinter dem Schleier in den Mund zu bekommen, ohne Haut zu zeigen. Doch die meisten hungerten, bis sie wieder zuhause waren. Auch wenn die Städterinnen nur ein Kopftuch und Schultertuch hatten, erschwerte es das Essen sehr. Restaurants für Frauen mussten her. Sieben Stück sind dank der finnischen Botschaft entstanden. Im Restaurant arbeiten nur Frauen, mit gutem Gehalt. Sie können somit ihre Kinder zur Schule schicken. Der Besuch und der Erhalt der Bildung ist kostenlos, aber die Schulbücher und Schreibutensilien müssen finanziert werden. Der Ehemann einer Köchin ist froh über ihre Arbeit, denn er ist arbeitslos, und sie begegnet keinen anderen Männern, denn diesen ist der Zutritt verboten. Viele Frauen nutzen die Restaurants, auch wenn sie vorher dagegen waren. Mittlerweile existieren in allen großen Städten Frauenrestaurants.

Im dritten Film wurde die Arbeit einer jungen Anwältin im Frauenministerium vorgestellt. Sie nimmt die Position einer Beraterin ein und bildet Informationsgruppen, um die Aufklärung über die Rechte der Frauen voranzutreiben. Sie hat für jede Frau ein offenes Ohr. Eine Provinzabteilung des Frauenministeriums sitzt in Mazar-i-Sharif. In der Abteilung Recht erhalten die Frauen eine kostenlose Rechtsberatung. Die Anwältinnen wissen genau über Rechte und Frauenrechte bescheid, doch die meisten Frauen wissen nichts von ihren Rechten, einige wissen nicht einmal von der Existenz dieses Ministeriums.

Eine Klientin wurde von ihrem Sohn und der Mutter aus dem Haus geworfen, ohne ihr Erbe zu erhalten. Als sie sich an einen Richter wandte, schlug er sie auf den Kopf und musste ins Hospital eingeliefert werden. Vermummt und verzweifelt erzählt sie die Geschichte der Anwältin. Diese kann nicht fassen, dass der Richter sie so behandelt hat. Sie reicht den Fall weiter zum Obergerichtshof. Die meisten Probleme versuchen die Anwältinnen jedoch in der Familie zu lösen. In einem anderen Fall hat ein Mann seine Frau ermordet, weil sie arbeiten gehen wollte. Er hat durch die Anwältin im nachhinein verstanden, dass Frauen keine Todsünde begehen, wenn sie arbeiten, muss aber keine Konsequenzen tragen. Dem Publikum verschlägt es die Sprache, nur ein leises Gemurmel wird laut: »Wie kann er denn seine eigene Frau umbringen und dann nicht bestraft werden?«

Auf dem Land sieht die Gesetzgebung anders aus. Ein Mann hat seine Frau mit einem Messer verletzt. Die Dorfältesten entscheiden, dass sie zu ihrem Mann zurückkehren muss, und lassen weder das Kamerateam noch die zwei Anwältinnen zu ihr. Die Frau willigt ein, da sie um das Leben ihrer Familie fürchtet. »Da endet die Rechtsprechung, da hat der Staat nichts zu sagen.« Die Anwältin berichtet weiter, dass die Gesetzgebung auf dem Dorf von Waffen und Geld bestimmt wird.

Doch der Kurzfilm erzählt auch, wie die Zeit vor 2006 war, als die Taliban noch versteckt in Afghanistan agierten. In Mazar gab es pro Nacht viele Hausdurchsuchungen, immer auf der Suche nach den Taliban. Meistens jedoch war in den Familien kein Taliban zu finden. Zivilorganisationen wurden abgezogen, Projekte wurden fallengelassen, und die Kriegshandlungen breiteten sich immer mehr aus. Die ausländischen Firmen betrieben Raubbau an Gas, Uran, Gold und Kupfer: Die Mehrheit ging an China, und die USA erhielt das ganze Uran. Unter den pakistanischen Geheimdienstlern waren 60 Prozent Taliban. Diese besuchten die Familien regelmäßig, um an Informationen heranzukommen und ihre Angewohnheiten zu lernen, für den perfekten Anschlag. Ein weiteres Problem war, dass die meisten Afghanen von den Hilforganisationen mehr Geld erhielten als für ihre angelernte Arbeit. So kam es vor, dass ein Arzt lieber Bäume beschnitt und pflegte.

Nach diesem Film machte eine Afghanin im Publikum ihrem Ärger Luft. »Die Ausländer haben Raubbau betrieben. Meinen Bruder haben diese Talibangeheimdienste regelmäßig heimgesucht. Selbst die Hilforganisationen waren teilweise mit Taliban besetzt.« Die angepriesenen Hilfestellungen der Organisationen zweifelte sie stark an. Zuletzt meinte sie, dass die Mächtigen den Afghanen Waffen zur Selbstverteidigung übergaben und sie nachts heimsuchten, falls sie doch gemeingefährliche Terroristen sind.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Trotzdem ist sie irgendwie Chefin der "hastuzeit" geworden. Aber viel wichtiger ist, das, wenn sie Artikel schreibt, schwillt ihr Herz zu einer großen Blase voller Freude an, fast genauso groß, wenn sie Snowboard fährt.

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Erstellt: 20.06. 2013 | Bearbeitet: 16.06. 2013 22:11