Okt 2013 hastuPAUSE Nr. 50 0

MediA=H

Was weiß man heute über Russland? Was möchte man wissen?

Besuch einer deutsch-russischen Fotoausstellung in Archangelsk

Besuch einer deutsch-russischen Fotoausstellung in Archangelsk

Foto: MediA=H

Marie und Leonore saßen im Jahr 2010 in einem Russischkurs. Eine Studentin bat um Aufmerksamkeit und erzählte von einem neuen Austauschprojekt nach Russland. So erschien Marie am Anfang des Jahres 2010 in der gleichen Woche noch im Projektbüro, wo gerade die Workshopvorbereitungen liefen. Sie wurde sofort miteingebunden und konnte im nächsten Jahr nach Archangelsk mitgefahren. Leonore kam ein Jahr später dazu. Und nun sind die beiden Studentinnen nicht nur Teilnehmerinnen, sondern auch die Mitorganisatorinnen der Gruppe MediA=H.

Geschichte des Projekts

Zuerst haben die Germanistik-Institute der Archangelsker und der hallischen Universitäten kooperiert. Es gab schon zu DDR-Zeiten einen akademischen Austausch. Einige Studenten sind bereits als Sprachassistenten mitgefahren. So haben diese sich zusammengesetzt, um ein Austauschprojekt für die Studenten zu schaffen, das sowohl für Kulturtransfer als auch für Spaß sorgt.

Das dadurch entstandene Medienprojekt Halle-Archangelsk (MediA=H) bezweckt einen interkulturellen Austausch, Völkerverständigung, Vertiefung von Sprachkenntnissen und dient sicherlich zum Abbau von Vorurteilen auf beiden Seiten. Dazu treffen sich jedes Jahr russische und deutsche Studenten, um einen Film nach dem Themenmotto des Jahres zu produzieren. Zum Beispiel fährt jedes zweite Jahr eine deutsche Gruppe nach Archangelsk, bzw. die russische Gruppe nach Deutschland, um dort in zehn bis vierzehn Tagen den Film zu drehen, Fotos zu machen, Blogartikel zu schreiben und vieles mehr. Oft entsteht auch ein Podcast. Dabei gibt es zuerst einen Workshop, dann aber auch Ausflüge, verschiedene Veranstaltungen und einiges mehr. Dazu gibt es natürlich neue interessante Bekanntschaften und das Staunen über die vielen Besonderheiten der anderen Kultur.

Achtung! Überraschungen angesagt!

So haben die Mädels von der russischen Gastfreundschaft viel gehört, und dieses bestätigte sich. Marie nennt diese Freundlichkeit: »richtig mit offenen Armen«. Jedoch hätte sie erwartet, dass es im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel in Läden, genauso ist, dass man freundlich begrüßt und verabschiedet wird. Dort war die Studentin ein wenig schockiert. Die Verkäufer blieben entweder neutral oder waren unfreundlich zu den Kunden.

Also, was man wissen muss: Wenn man sich nicht kennt oder nicht persönlich kennenlernen möchte, kann man in Russland in der Regel kein Lächeln von demjenigen erwarten. Man darf das aber nicht als Beleidigung auffassen, sondern muss einsehen, dass der Verkäufer niemandem ein Lachen vorspielen wird, wenn ihm eben gerade nicht danach ist. Natürlich ist dieses Phänomen sehr gewöhnungsbedürftig.

Marie und Leonore beteiligen sich an der Organisation

Marie und Leonore beteiligen sich an der Organisation

Foto: Valeria Sivtsova

Auch staunte Leonore über die Entfernungsvorstellungen: »In Russland gibt es eine total andere Empfindung von Distanz als in Deutschland, wir sind schon 24 Stunden Zug gefahren, es war für mich schon viel, aber für die russischen Menschen ist es gar nichts. Und dann hat ein Freund gesagt, seine Eltern wohnen in der Nähe. Da dachte ich mir: in der Nähe, das ist eine halbe Stunde oder so. Und dann meinte er: so sechs, sieben Autostunden, und da wurde es mir so bewusst. Ich dachte mir, wenn man aus Halle 24 Stunden Zug fährt, wo man dann ankommt … ja, auf jeden Fall nicht mehr in Deutschland.«

So erlebt man in Russland auch viel Lustiges. So erzählt Marie eine Geschichte vom russischen »Bisschen«:

»Im Jahr 2011, als ich das erste Mal in Archangelsk war, wurde uns gesagt: ›Wir würden abends ein bisschen Musik machen, und es gibt ein kleines Programm. Denkt euch doch ein paar Lieder aus, die ihr singen wollt und dann spielen wir ein bisschen was zusammen. Die russische Seite trägt dann auch etwas dazu bei.‹ Dann haben wir uns drei deutsche Lieder dazu überlegt: ›Kling klang‹, ›Westerland‹ und ›Eisgekühlter Bommerlunder‹. Wir hatten einen Gitarristen dabei, der sich darauf vorbereitet hatte, und dann haben wir eine Stunde, bevor dieser Abend beginnen sollte, unsere Lieder eingeübt und ein paar Sing­rollen verteilt. So haben wir uns gedacht, es ist kein großes Ding, und dann sind wir aber in so eine Aula geführt worden, und es gab ein riesiges Abendprogramm, ein Konzert, und wir wurden dazu angehalten auf die Bühne zu gehen und unsere drei Lieder zu singen, und das war eine totale Überforderung, damit haben wir aber gar nicht gerechnet. Die meisten von uns standen noch niemals auf einer Bühne, und genauso sah das auch aus, total verpeilt und zerstreut und irgendwie gar nicht so selbstbewusst. Dann standen wir da, haben unsere Lieder gesungen, die anderen Künstler waren aber super vorbereitet, waren souverän und gut. Vor allem der ›Eisgekühlte Bommerlunder‹, der als drittes Lied kam und überhaupt nicht passend war, hat aber trotzdem sehr viel Spaß gemacht im Endeffekt.«

So läuft der Austausch ab

Zunächst werden Fördergelder beantragt. Unter anderem der Studierendenrat der MLU hat Media=H immer wieder unterstützt. Normalerweise bleibt für die teilnehmenden Studenten nur ein bezahlbarer Eigenbeitrag zwischen 100 und 150 Euro.

Es werden Workshops organisiert, und man erwartet entweder die Archangelsker Studenten nach Halle, oder die deutsche Gruppe fliegt nach Archangelsk. Der Austausch findet jedes Jahr statt, so dass die Russlandreise im April stattfindet. Dabei lernt man die Kultur und den Alltag der anderen Seite kennen.

Weitere Informationen zu den nächsten Treffen und Kontakt via http://www.mediah.de

Über Valeria Sivtsova

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 18.10. 2013 | Bearbeitet: 18.10. 2013 11:13