Jun 2013 hastuPAUSE Nr. 48 0

Ein Kulturbiotop setzt Blüten an

Das Kulturprodukt Halle geht 2013 in die zweite Runde.

Foto: Martin Wohlgefahrt

Foto: Martin Wohlgefahrt

Freitag, 3. Mai: Eröffnungsrunde

»Wie viel Kunst verträgt eine Stadt?«
»Wie viel Kunst braucht eine Stadt?«
»Halle – Transitort und Heimat für Kreative?«
Diese und ähnliche Fragen liegen auf den Tischen des MoritzKunstCafés ausgebreitet. Sie warten darauf, angesehen, diskutiert und beantwortet zu werden.

Was sich hier wie eine Konferenz liest, ist der Eröffnungsabend zum zweiten Kulturprodukt Halle, einem multilokalen Event der Extraklasse. Ein Maiwochenende lang standen die Werkstätten von Kunstschaffenden und Handwerkern im Stadtgebiet offen und konnten von neugierigen Passanten besichtigt werden. Dies dient nicht nur der Präsentation ihrer Arbeit, sondern soll auch die Künstler und die Stadt miteinander vernetzen, Einblicke verschaffen und Denkbarrieren abbauen. Herauskommen soll eine Art Messe des lebendigen Kulturbiotops Halle.

Dieses Jahr schaffte es das Team um die Initiatoren Andreas Theile und Florian Mücke nicht nur, um die 100 Gestalter und Kunstschaffende in das Projekt einzuspannen, sondern auch ein Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen. Beteiligt daran waren die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt sowie die Studierendenräte der MLU und der Burg Giebichenstein. So konnten an den drei Abenden nicht nur im La Bim Kurzfilme des Monstronale-Festivals bestaunt werden, auch die Theater Apron und Mandroschke luden zu Vorstellungen ein. Und wer sich nach Party sehnte, konnte sich im Anker-Club oder im Hühnermanhattan einen netten Tagesausklang gestalten.

Noch steht aber erst die hochoffizielle Einleitung an. Zunächst hatte das Iniatorenteam über eine Podiumsdiskussion nachgedacht, wie die Sprecher Stephan Hagedorn und Rita Lass zugeben. Doch dann kam der übliche Ablauf eines solchen ins Gedächtnis: Einige wenige Experten, ein bisschen Halbwissen und am Ende kein Ergebnis. Stattdessen griff man also auf ein Konzept namens »World Café« zurück: Gäste setzen sich an einen bestimmten Tisch, diskutieren die ausgelegte Frage, übertragen ihre Argumente in Bild- oder Textform auf das Transparent und wechseln beim Klang einer Glocke den Tisch, um ihr gesammeltes Wissen bei der nächsten der sich überschneidenden Fragen einzubringen. Ein wenig hat es ja vom Speed Dating, nur die angespannte Stimmung fällt weg.

An den Tischen wird denn auch ziemlich offen diskutiert, ungezügelt zwar, aber prägnant. Die Antwort auf die Masterfrage »Wie viel Kunst verträgt /braucht eine Stadt?« ist relativ klar: So viel wie möglich. Genauer bringt es ein älterer Herr auf den Punkt: »So viel, wie nötig ist, um ihre Identität zu wahren.« Doch da tun sich weitere Fragen auf: Wie viele Künstler können überhaupt auf dem Kunstmarkt überleben? Einnahmen von maximal 7000 € pro Jahr scheinen die Regel zu sein. Ein Mann berichtet, dass in der Großstadt Hamburg um 1990 gerade einmal drei Prozent von ihrer Kunst leben konnten. Wie mag es da erst in heutigen Zeiten aussehen, noch dazu in einer kleineren Stadt wie Halle? Doch das bezieht sich schon allein auf die Maler und Bildhauer – wie steht es mit den regulären Kunsthandwerkern? Und sind große Städte wie Berlin und Hamburg wirklich das Paradebeispiel für eine funktionierende Kunstszene?

Fragen über Fragen, doch es finden sich auch einige Antworten. Übereinstimmend sagen viele, dass es der meisten Kunst einfach an medialer Aufmerksamkeit fehlt, gerade auch in Halle: Die Kulturseite der MZ sei zu klein gehalten und auf drei verschiedene Städte ausgelegt, weshalb die Auswahl bereits einer einzigen Stadt recht sporadisch ausfalle. Fehle die öffentliche Wahrnehmung, müssten die Künstler auf staatliche Finanzierung ausweichen, die wiederum knapp bemessen ist. Tatsächlich fällt auch an diesem Abend auf, dass neben der hastuzeit nur ein Redakteur des Frizz-Magazins sowie das projektinterne Presseteam anwesend ist – größere Medien wird man vergebens suchen. Auf diese Weise werden wohl viele Künstler Geheimtipps unter Enthusiasten bleiben, die sich eine jeweilige Werkstatt per Zufallsprinzip aussuchen mussten, denn auch die projektinterne Werbung kann nur eine Handvoll der Kunstschaffenden abdecken.

Darum ist auch auf die Frage »Ist die Kunst in Halle in Bewegung?« eine recht drastische Zeichnung entstanden: Ein Stein mit Füßen, dessen Beine in der Luft strampeln.

Samstag, 4. Mai: Stadtrundgang durch das Kulturbiotop Halle vor 100 Jahren

Im Rahmenprogramm des Festivals sind auch verschiedene kunsthistorische Rundgänge vorgesehen. Dieser hier führt den Teilnehmer in die Verhältnisse der Kunstszene um 1913 ein, in den Streit zwischen dem eher traditionellen Naturalismus und dem progressiven Expressionismus, die sich beide auch in Halle mit jeweiligen Künstlervereinen etablierten. Die erste Station ist denn auch das Hauptquartier des Kunstvereins »Der Pflug«, der um 1905 im Goldenen Pflug am Alten Markt angesiedelt war. Besonderer Clou der Führung sind die aufgeführten »Zeitzeugen«, gespielt von Studentinnen der Sprechwissenschaft, die hautnah ihre Eindrücke aus jener Zeit wiedergeben. So schaltet sich am Alten Markt ein weibliches Mitglied des »Pflugs« ein, um von den großartigen Vereinsabenden und Ausflügen zu berichten, während an der nächsten Station, der ehemaligen Kunstgewerbeschule in der Gutjahrstraße, eine Dozentin von 1915 über den Werkstattunterricht des damaligen Direktors Paul Thiersch erzählt. Auch Max Sauerländer, der erste Direktor des Kunstmuseums in der Moritzburg, kommt zu Wort, um seine Auswahl von Emil Noldes modernem Kunstwerk »Das Abendmahl« zu verteidigen. Insgesamt kommen sieben Zeitzeugen an fünf Stationen zum Einsatz, um den geschichtlichen Daten eine persönliche Note einzuhauchen.

Zur gleichen Zeit ist aber auch an Hr. Fleischers Kiosk am Reileck eine Führung durch das moderne Kunstbiotop Halle möglich, die sich dem schwer greifbaren Gegenstand der »Produzentenräume« und der modernen Kunstszene annähert. Und von der Goldenen Rose aus kann man nach »Pflastern« und »Flicken« suchen, die sich im hallischen Stadtbild auftun. Und wer noch einen Klon aus seinem kollektiven Bewusstsein erübrigen kann, kann auch mit der Freiraumgalerie einen Rundgang durch das Gebiet um die Landsberger Straße machen.

Sonntag, 5. Mai: Hörspiel auf Verlangen

Wer Radio Corax kennt, dem wird vielleicht »Hörspiel auf Verlangen« nicht unbekannt sein: alle 28 Tage kann man sich sonntags von 19.00 bis 20.00 Uhr per Telefon oder Chat ein Hörspiel wünschen, das dann live improvisiert wird. Immer häufiger ist die sieben Kopf starke Gruppe auch auf Couch-Tournee und bespielt auf Wunsch kleine oder große Räume. So auch im Kulturprodukt, verwandelte sie doch im letzten Jahr Hr. Fleischers Kiosk am Reileck in eine große Jukebox, an der man sich Stücke zu bestimmten Themen wünschen konnte. Dieses Jahr bespielten die Improvisationskünstler den Alten Schlachthof und machten ihn für eineinhalb Stunden zur Bühne für die Putzkraft Susanne und den Zerleger Thomas und ihre zermürbende Arbeit im Schlachthausbetrieb. Stilecht wurden die Zuschauer mit Aufnahmen von quiekenden Schweinen und einem Schild »Folgen Sie dem Schweinepriester« durch die zerfallenen Räume gelotst. Dass das trotz aller Spontaneität mit einer Menge Vorarbeit verbunden ist, verrät Mitspieler Oli: »Den Schlachthof haben wir uns vorher angeschaut, um Gefahrenquellen und Orte für Spielanlässe zu entdecken. Für das Schlachthofprojekt haben wir für uns den Rahmen vorher festgelegt. Es war klar, dass es um einzelne Berufe in einem Schlachthof gehen wird und welche bestimmten Orte wir im Schlachthof nutzen. Sonst war alles offen.«

Die sich eröffnenden Möglichkeiten wurden gut genutzt. Der Zuschauer konnte sich die Berufe aussuchen und den Mitspielern dann in einem Wahlverfahren seine Favoriten mitteilen. Teilweise wurden die Zuschauer auch in das Geschehen mit einbezogen und wie eine Herde Schweine in die Pferche geleitet, wo der Zerleger Thomas ihnen gut zuredete: es ginge ja ganz schnell, die Kleinsten kämen auch zuerst dran. Heraus kam ein für Fleischesser wie Vegetarier bedrückendes Stück. Blitzschnell wechselten sich hoffnungsvoller Optimismus und schwermütige Melancholie ab. Nicht einmal ein kleines Kind, das mitten in der Vorführung auf die Darsteller zugeht, vermochte den Zauber zu brechen: Es wird zum verzweifelten Ziehkind des Zerlegers Thomas gemacht, das auch manchmal in der Fabrik schläft. Das Kind merkte nicht einmal, welch seltsame Rolle ihm da zugeschneidert wurde, sondern lief zu seinen Eltern zurück. Im Improvisationstheater gibt es nun einmal keine Einschränkungen. Im echten Leben jedoch schon, wie man im Stück sehen konnte: Putzfrau Susanne und Zerleger Thomas ziehen zusammen, werden arbeitslos und ziehen ein Kind groß, das sich zunehmend von seinen Eltern abkapselt. Susanne wird Floristin, Thomas Hausmeister im nunmehr verlassenen Schlachthof. Seinen Lebensabend verbringt er mit dem Bau eines Denkmals aus Schrott. Denn braucht Kunst einen Nutzen, um wertvoll zu sein?

Foto: Hörspiel auf Verlangen

Foto: Hörspiel auf Verlangen

Über Martin Wohlgefahrt

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Erstellt: 21.06. 2013 | Bearbeitet: 16.06. 2013 22:10