Dez 2013 hastuPAUSE 0

Krisenfest?!

Ein Buch versucht sich an einer Erklärung der Finanzkrise

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Krisenfest sein. Was bedeutet das, und wer ist das schon? Banken, Wirtschaft und Experten waren es in den vergangenen Jahren jedenfalls selten. Aber was ist mit der Bevölkerung? Stellt man sich selbst die Frage: »Bin ich krisenfest?« und denkt dabei weniger an den eigenen Kontostand, sondern eher daran, ob man selbst das eigentlich noch nachvollziehen kann: nachvollziehen, was da gerade zwischen Milliardenhilfen hier und Zahlungsausfällen dort passiert – oder gar warum –, die Antwort wird allzu oft nein heißen. Selbst politisch und gesellschaftlich interessierte Menschen müssen einräumen, zwischen den widersprüchlichen Berichten von Medien und den Wirtschaftsweisen den Überblick verloren zu haben, was richtig oder falsch ist.

John Lanchester, der Autor von »Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt«, findet das bedenklich. Denn wie soll ein System, das durch solcherart Unkenntnis der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen ist und sich dadurch verselbstständigt hat, gezähmt werden? Er möchte beim Verstehen helfen. Genau dies ist nötig, das zeigt Lanchester zu Anfang dieses Sachbuchs eindrücklich an wenigen Zahlen. So auch, wenn er mit dem Leser ein bekanntes Abschätzspiel spielt, in dem es darum geht, wie lange es dauert, bis eine Million oder aber eine Milliarde Sekunden vergehen. Hier sei verraten: Eine Million Sekunden dauern 12 Tage, eine Milliarde aber schon 32 Jahre. Klar, dass hier statt Sekunden auch Euro stehen könnte. Lanchester will erklären: Wie kam es dazu, was sind Ursachen der Krise, und warum wissen wir so wenig darüber? Der etwas sperrige deutsche Titel macht bereits deutlich: Hier formuliert jemand eine Frage und verspricht zugleich Aufklärung. Eine ganz einfache Lösung kann es nicht geben, doch grundsätzliche Fragen. Warum schuldet jeder jedem etwas? Was sind überhaupt Schulden? Sind diese gut oder schlecht? Wo liegen die Unterschiede zwischen Staatsschulden und Privatschulden? So zu formulieren hilft schon bei dem Verständnis. Allein die Erkenntnis, dass Schulden für den Staat eine andere Bedeutung haben als für den Bürger, ist bereits der erste Schritt, um Nachrichten besser einordnen zu können.

Der Autor

John Lanchester ist Brite. Das allein ist nicht unwichtig zu wissen, ist doch die britische Sichtweise auf Finanzkrise und vor allem den Euro und das europäische Festland immer eine etwas andere. Hier und da merkt man dann auch bei der Lektüre, dass Lanchester die Währungsunion mit gemischten Gefühlen betrachtet. 1962 in Hamburg geboren und dann in Hongkong aufgewachsen, teilweise wohnhaft in London, kennt Lanchester relevante Finanzzentren gut. Er arbeitete als Journalist, wurde – mehrfach ausgezeichneter – Schriftsteller und erzielte 2012 mit dem Roman »Das Kapital« seinen Durchbruch in Deutschland. »Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt« erschien in Großbritannien wie auch in Deutschland dann 2013.

Von Immobilien- zur Eurokrise

Im Werk versucht der Autor dann, die Finanzkrise von vorne aufzurollen. Er beginnt mit groben Zusammenhängen, weist etwa daraufhin, dass der Besitz der reichsten 0,1 % der Amerikaner sich von 1980 bis 2007 um 700 % gemehrt hat, oder erklärt Unterschiede zwischen Privat- und Staatsschulden. Mit diesem Rüstzeug begeht Lanchester mit dem Leser dann eine Reise zu den Anfängen mit der Immobilienkrise in den USA und deren Fortsetzung in Finanz-, Wirtschafts-, Staats- und Eurokrise. Dabei blickt man naturgemäß häufig in die USA und nach Großbritannien, doch auch Euroraum und zentrale Staaten wie Griechenland oder Island werden betrachtet.

Unfassbar, dass es so weit gekommen ist

Stilistisch ist Lanchester bemüht, sich nicht in Zahlen zu verlieren, hat aber dennoch keine Scheu vor ihnen. Dieser Spagat funktioniert zum Glück auch. So ist das Buch keine Abrechnung mit dem Kapitalismus als solchem. Das würde bei dem Lebensweg des Autors auch erstaunen. Der Stil bleibt stets sachlich und verschweigt dennoch nicht die vorhandene Perversion und Entfesselung des Finanzsektors. Die Art, wie Banken mittlerweile ihre Geschäfte machen, wird benannt und fassungslos kritisiert. Immer wieder steht der Tenor im Raum: Unfassbar, dass es so weit gekommen ist, wir müssen da schleunigst eingreifen. Die aufgestellten Thesen dabei sind stets nachvollziehbar und mit persönlichen Berichten, Zahlen oder Äußerungen aus dem Finanzsektor belegt.

Um das Buch nicht zur trockenen Lektüre zu machen, verschiebt Lanchester immer wieder den geographischen Schwerpunkt und streut kleine Unglaublichkeiten ein. So führt er zum Beispiel auf, warum der Deutschen Bank aus Frankfurt/Main doch tatsächlich weite Teile einer amerikanischen Großstadt gehören. Trotzdem sind 280 Seiten über dieses Thema zwar noch relativ knapp gehalten, bleiben aber 280 Seiten. Ein Buch zum Verschlingen ist dieses Werk kaum, und auch nicht alles interessiert jeden Leser gleichermaßen in allen Facetten. Doch hat man nie die Befürchtung, es nicht auszulesen, die Einteilung in Kapitel ermöglicht immer wieder Pausen für lockere Lektüre.

Verstehen, um zu ändern

Und eines gelingt dem Buch dann auch perfekt: Die Einsicht zu vermitteln, dass wir, die Bürger, uns bemühen müssen, Zusammenhänge zu verstehen. So tritt aktuell in den Medien häufig die Meinung hervor, Deutschland wirtschafte zu gut und exportiere so viel, dass es seinen Partnern in der EU damit schade. Diese Probleme, die Europäische Zentralbank und der Euro haben, sieht Lanchester bereits voraus und erklärt, warum spanische und deutsche Zinsinteressen mitunter kollidieren.

Verständnis solcher Nachrichten ist wichtig. Nur wenn wir verstehen, werden wir als Bürger die Kontrolle über den Finanzsektor zurückerlangen und Politiker zwingen können, auch so zu entscheiden. Gelingt uns das nicht, fahren wir bald wieder vor die Wand, und bereits eingeleitete Entwicklungen setzen sich fort. Nicht nur indirekt hängt mit der Entkopplung der Finanzmärkte zusammen, dass die Vermögensschere sich vergrößert. Wer das vermeiden will und verstehen möchte, sollte John Lanchesters Buch lesen. Relevant ist das Problem jedenfalls vom BWLer über Informatiker bis zum Romanisten für alle, denn es geht um die Welt, in der die Studierenden von heute entscheiden, was passiert.

  • John Lanchester: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt. Stuttgart: Klett-Cotta 2013, 302 Seiten, 19,95 €
  • (Schaut lieber bei den guten Geistern des Buchhändlers um die Ecke vorbei, statt Euch auf seelenlosen Seiten von Amazon oder halbtoten Auslagen Thalias zu verlieren.)

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 14.12. 2013 | Bearbeitet: 17.03. 2014 18:05