Jul 2013 hastuUNI Nr. 49 0

Keine Ahnung, was ich jetzt essen soll

In einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist Korruption noch immer weit verbreitet. So auch an ukrainischen Universitäten.

Einige Studenten aus der Ukraine berichten von ihren Erfahrungen mit Korruption und Willkür. Ihre Namen wurden im Folgenden geändert, so dass sie keine Nachteile von diesem Artikel davontragen.

(Anm.: Das Notensystem in der Ukraine ist dem deutschen entgegengesetzt. Somit ist 1 die schlechteste Zensur und 5 die beste.)

Veronika, 21: Ich bin die beste Studentin meiner Universität und bekomme ein speziell erhöhtes Stipendium. Ein Bild von mir hängt sogar an der Wand, wo die besten Mitarbeiter und Studenten hängen. Bezahlt habe ich noch nie für Noten. Jedoch jetzt, wo für den Masterstudiengang nur ein Drittel Plätze für uns angeboten wird und die Kinder reicher Leute da sowieso schon Vorrang vor den gut Lernenden haben, versucht man bei den Prüfungen die Fragen so zu stellen, dass, egal was man antwortet, die Note um ein bis zwei Punkte tiefer wird. Mir wurde sogar gar keine Frage gestellt, sondern: »Erzählen Sie, was Sie wissen.« Und dann hieß es: »Alles richtig, aber auf die Frage haben Sie nicht geantwortet.« In der Ukraine bekommt nur derjenige ein Stipendium, der gut im Lernen ist und mehr Fünfen als Vieren hat, bei einer Drei gibt es kein Stipendium. Da das Budget niedrig ist, versucht man künstlich die Zahl der Stipendiaten zu reduzieren und diejenigen, die ein erhöhtes Stipendium bekommen, auf ein durchschnittliches Level zu bringen.
Irina, 20: Wir hatten mal einen Professor. Er hat viele Bücher geschrieben, die aber keinen besonderen Erfolg hatten, zum Beispiel das Lehrbuch zu unserem Seminar. Ausleihen oder kopieren konnte man das auch, aber es war nutzlos. Unsere Gruppe hat jedoch die Bücher gekauft, so hat es uns der ältere Kurs empfohlen. In jedem Buch hat der Professor sein Autogramm hinterlassen, bei mir: »Für Irina vom Autor« und die Unterschrift. Zu der Prüfung wurde uns empfohlen, das Buch in die Tasche zu legen. Dann saß ich auch vor dem Professor in der Mündlichen, und das, was er gefragt hat, war: »Haben Sie damals mein Büchlein gekauft?« Ich: »Ja.« Er: »Zeigen Sie mal.« Nach der Überprüfung seines Autogramms im Buch meinte er: »Wären Sie mit einer Drei zufrieden?« Ich sagte: »Ja, das wäre ich!«. So wurde mir die Note eingetragen, ohne Fachfragen.
Vanja, 22: Meine letzten Prüfungen habe ich von meinem ganzen Stipendiengeld des Monats bezahlt. Keine Ahnung, was ich jetzt essen soll.
Oleg, 25: Während einer Prüfung hatte unser Professor wahrscheinlich keine Lust, die Arbeiten zu korrigieren. Daher rief er nach einer halben Stunde auf: »Wer mit einer Drei zufrieden ist, bitte nach vorne.« So 15 Prozent der im Saal sitzenden Studenten marschierten mit Blättern nach vorn, erhielten die aufgerufene Note und verließen den Raum. Sie wussten jedoch nicht, was danach kommt. Nach nochmals 15 Minuten rief der Professor wieder auf: »Wer mit einer Vier zufrieden wäre, bitte nach vorne! Aber wer eine Fünf möchte, muss für eine Fünf schreiben!«
Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Max, 26: Das, was ich mir erlaubt habe, kann man sich nur im letzten Semester erlauben. Bei uns zahlte man nicht mit Geld, sondern mit teurem Cognac, Kaffee aus Arabien oder anderen Delikatessen. Man brachte das in einer durchsichtigen Tüte zur Prüfung mit, antwortete auf die nach dem Wert des Einkaufs gestellten Fragen. Danach vergaß man die Tüte »aus Versehen« im Raum. So weit, so gut. Ich habe eine teure Flasche Brandy gekauft und sehr teure Markenzigarren. Die Fragen wurden kinderleicht, und ich habe mir in mein Notenbüchlein, wie es in der Ukraine üblich ist, die Note eintragen lassen. Beim Herausgehen habe ich meine Tüte wieder mitgenommen. Das war meine Abschlussprüfung, und diese haben wir dann mit Brandy und Zigarren gefeiert!

So ist es – das typische Leben ukrainischer Studenten. Man kann über die Geschichten lachen, ja. Aber sind sie denn nicht eigentlich sehr traurig? Die geringen Löhne und die daraus folgende Lebenseinstellung ziehen den Staat in die Rückständigkeit, und die Kenntnisse darüber machen es sogar den ehrlichen Hochschulabsolventen unmöglich, dass ihre Diplome in Europa ernstgenommen werden.

Über Valeria Sivtsova

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 16.07. 2013 | Bearbeitet: 16.07. 2013 21:03