Apr 2013 hastuINTERESSE Nr. 47 0

„Ich war da noch nie!»

»… und ich weiß auch gar nicht, wie ich dorthin komme.« Ein Kennenlernen des Weinbergcampus

Dekorative Geologie am Von-Seckendorff-Platz

Dekorative Geologie am Von-Seckendorff-Platz. Foto: Konrad Dieterich

Wer an der MLU Kontraste sucht und sich einmal den Luxus gönnt, ein wenig in Stereotypen zu verfallen, könnte auf den Weinberg-Campus stoßen. Beziehungsweise auf den Weinberg und den Zentralcampus in der Innenstadt.

Auf einer der letzten Redaktionssitzungen fiel der in den Überschriften zitierte Satz. Grund genug, einmal zu fragen: Was ist da oben eigentlich? Wie sieht es dort aus? Und: Bekommen die Studenten wirklich so wenig voneinander mit?

Dass sich diese Fragen stellen, ist eigentlich erstaunlich. Schließlich kann man dort neben den zu vermutenden Fakultäten der Physiker, Biologen und Mathematiker noch vieles andere finden. Es gibt über den Weinberg weit mehr zu erfahren, als dass er Haltestelle auf dem Weg zum Uni-Kraftraum oder noch weiter ab liegenden Psychologiebereich ist.

So sind neben einer ganzen Menge weiterer Fakultäten, wie etwa der Pharmazie, Geologie oder Geographie, auch das Uni-Klinikum, der Unikindergarten, diverse Sporthallen und mehrere unabhängige Forschungsinstitute mit klingenden Namen wie Leibniz, Max Planck oder Fraunhofer Teil des Weinbergcampus. Studenten profitieren davon, wenn sie zum Beispiel ihre Abschlussarbeit dort schreiben.

Auf dem Weg aus dem Stadtzentrum zum Weinberg trifft man noch vor der Peißnitz auf den Botanischen Garten, der von den Biologen vom Weinberg betrieben wird. MLU-Studenten haben hier kostenlos Zutritt, und warum nicht hier im Reich der Botanik die Erkundung starten? Wenn es nicht gleich ganz so viel Natur(wissenschaft) sein muss, so soll es nicht die schlechteste Idee, mögliche Date-Spaziergänge im Frühjahr hierher zu verlegen. Ruhige und einsame Bänke sollten sich finden lassen.

Der Botanische Garten bietet lauschige Plätzchen.

Der Botanische Garten bietet lauschige Plätzchen. Foto: Christian Schoen

Ist man dann am Weinberg angekommen, stellt man fest: Der Campus dort hat durchaus seine Highlights. Wohl an wenigen Stellen sind die Hörsäle so neu wie am Von-Seckendorff-Platz, die Bibliothek dort hat viel Raum und auch immer einen freien Platz – auch zu den Prüfungszeiten. Bibliotheken, die nur Platz für eine Studienrichtung haben, kennt man hier nicht. Gestärkt aus einer der zwei Mensen – ohne langes Anstehen – bietet sich ein Besuch des Geologischen Gartens an: ein Werk der oben erwähnten Geologischen Fakultät, von der man mitunter in der Stadt noch nicht allzu viel gehört hat. Kunstvoll zusammengestellt laden die tonnenschweren Exponate des Gartens zum Ausruhen wie auch zum Lernen ein.

Doch wie sieht es nun mit den Studenten selber aus? Gibt es ein Unifeeling, oder beobachtet man sich dann doch auf Distanz? Motto: »Die da drüben, wir hier in der Stadt« beziehungsweise andersherum »wir hier draußen, die da drinnen«?

Möglich ist ein getrenntes Leben schon: Am Weinberg gibt es alles, was der Student unmittelbar braucht: Uni, Wohnheime mit über 500 Zimmern, Supermarkt, Peißnitz und eine schöne, ruhige Bibo. Sind die Naturwissenschaftler also vielleicht am Ende etwas abgekapselt auch zufrieden? Nach dem Motto: Sollen die ruhig ihre Probleme mit Bibliotheksplätzen und vollen Hörsälen haben. Geht der Biologe feiern, dann in den Bauernclub oder einmal im Jahr in den Turm zur NaWi-Party. Doch halt, spätestens hier ist man im unzutreffenden Stereotyp gelandet.

Im Gegenteil begegnet man sich doch. Auf der letzten »Mein Prof ist ein DJ«-Nacht waren auf jeden Fall alle Fachrichtungen von nah und fern vertreten. Auch ein Professor Balbach, aktiv in der Proteinstrukturaufklärung, verstand es der Menge einzuheizen. Und auch tagsüber ist mit der interdisziplinären Vorlesungsreihe Bioethik der Biologen und Philosophen ein Anfang gemacht worden.

Befragt man aber Studenten, so kann man schon Unterschiede in der Wahrnehmung ausmachen. So ist von Besuchern der Weinbergmensa zu hören, dass hier zwar rein äußerlich ganz normale Studenten sitzen, aber die Stimmung sei nüchterner, gedrückter. Es gebe keine echten Gespräche. Tatsächlich gibt es in Naturwissenschaftlerrunden mitunter diese Momente, wo die Naturwissenschaft selbst das Thema ist, mit der Folge einer gewissen themenspezifischen Sachlichkeit. Hier steigt der Fachfremde schnell genervt aus. Motto: Mir ist egal, warum der Sonnenuntergang rötlich erscheint, ich find«s auch so schön. Bei den Geisteswissenschaftlern in der Stadt dagegen sei alles ein bisschen agiler, bunter und gemütlicher. Und das, obwohl die Weinbergmensa an sich lauschig und gemütlich wirke. Dazu wirken viele Gebäude des Weinbergs, verglichen mit den Baudenkmälern der Innenstadt, eher ein wenig abweisend und rein funktional. Vor allem die kasernenartige Bauweise des Von-Seckendorff-Platzes wird hier genannt. Es ergibt sich also eine Tendenz in Richtung »unnahbares Verhalten«, verstärkt durch die Architektur.

Andersherum fragen sich die Naturwissenschaftler, wenn man das Thema Unnahbarkeit anspricht, inwiefern eine gewisse Abgrenzung auch gewollt ist, wenn das Juridicum sogar nach der Hausarbeiten-Zeit zu Beginn des neuen Semesters tagsüber nur Juristen selbst einlässt. Und die eine oder andere nervtötende BWLer-Diskussion wurde wohl auch bereits erlebt. Oft hört man auch ein gewisses Unverständnis über die Art des geisteswissenschaftlichen Studiums heraus. An Orten, wo Hausarbeiten völlig unbekannt sind, klingt es nicht besonders anspruchsvoll, zwei Dutzend Seiten zu einer Thematik schreiben. Sicherlich dauere dies, aber ein bisschen Schreiben sei nun nicht die Spitze der Herausforderungen.
Wahrscheinlich sind es am Ende die verschiedenen Interpretationen des Studiums, die solche Eindrücke bewirken. Wer nachts um vier noch an der Hausarbeit sitzt, wird jene beneiden, die eine Klausur schreiben und danach das Modul abgeschlossen haben. Wer dagegen auch nach Stunden die physikalische Herleitung nicht nachvollziehen kann, würde die Formel wohl gerne einfach zitieren und mit Quellennachweis versehen und zum nächsten Thema übergehen.

Interessant ist am Ende, dass es in beiden Gruppen die Studenten zu geben scheint, die vermeintlich nur feiern und Bier trinken. Mal sind es eben die Biologen, mal die BWLer und Kulturwissenschaftler.

Und das Schönste: hat man sich dann erst einmal kennengelernt, passen die anfänglichen Klischees sowieso nicht mehr.

Wer aber nicht gerade auf die Juri-Bücher angewiesen ist, kann zur nächsten Prüfungsvorbereitung trotzdem einmal am Weinberg vorbeischauen und sich selbst ein Bild über diesen unbekannten Campus machen.

Die Distanz ist, wie gesagt, nicht groß. Wir kennen ja unser Halle.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

, , , , ,

Erstellt: 27.04. 2013 | Bearbeitet: 29.04. 2013 19:01