Okt 2013 hastuUNI Nr. 50 0

Ich bin die Erste

Unterstützung für studierende »Arbeiterkinder«

Foto: Maria Reinicke

Foto: Maria Reinicke

Seit kurzem gibt es auch in Halle eine lokale Gruppe der bundesweiten Initiative ArbeiterKind.de. Wir haben Julia Schaarschmidt, Koordinatorin der hallischen Gruppe, zu ihren Zielen und der aktuellen Situation befragt.

Was ist ArbeiterKind.de eigentlich?
ArbeiterKind.de ist eine gemeinnützige Initiative, die zum einen Schülerinnen und Schüler aus Familien, in denen noch niemand oder kaum jemand studiert hat, zum Studium ermutigt. Zum anderen unterstützt sie diese dann als Studierende vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss

Wo liegen die Probleme der Arbeiterkinder?
Bei der Frage, ob man studiert, ist es sehr oft die hohe finanzielle Belastung, die Abiturienten, deren Eltern nicht studiert haben, von einem Studium abhält. Hinzu kommt womöglich die Angst, ein Studium nicht zu schaffen. Zusätzlich wird im Elternhaus zum Beispiel auch eher für eine Ausbildung als für ein Studium geworben, so dass es an einer entsprechenden Ermutigung für ein Studium fehlt. Die meisten stehen schlicht vor der Frage, ob sich ein Studium überhaupt lohnt. Ebenso fehlt der Erfahrungsschatz der Eltern aus dem eigenen Studium – insbesondere in Hinblick auf die Studienplanung, mögliche Auslandsaufenthalte, den Umgang mit Prüfungen, und nicht zuletzt auch: Wie organisiere ich mir die notwendigen Praktika?

Worin bestehen denn eure Hilfestellungen? Sind diese finanzieller Art oder eher beratend, helfend?
Wie bereits gesagt ist unsere Hilfe rein ideell, das heißt. wir stehen gerne beratend zur Seite, wenn sich verschiedene Probleme auf dem Weg zum oder mit dem Studium ergeben. Schüler, deren Eltern nicht studiert haben, sind sich teilweise sehr unsicher, ob sie studieren sollten, bzw. sind die Eltern auch dagegen. Deshalb gehen wir auch in die Schulen, um dort Vorbehalte und Ängste gegenüber dem Studium zu beseitigen und die vielen Möglichkeiten aufzuzeigen. Wir ermutigen zum Studium und stehen bei dem Weg zum Studium und Fragen über das Studienfach, den Studienort oder Fragen zur Immatrikulation zur Seite. Außerdem helfen wir natürlich auch während des Studiums. Die Probleme, die sich im Studium ergeben können sehr unterschiedlich sein: Sei es die Studienfinanzierung über BAföG oder Stipendien, die Studienorganisation mit der Erstellung von Stundenplänen und dem Umgang mit Lernstress, sowie praktische Dinge wie das Verfassen von Hausarbeiten. Wir erleben aber auch sehr oft, dass viele diese Fragen gut alleine lösen können und es vielmehr an einer emotionalen Unterstützung fehlt. Deshalb bietet ArbeiterKind die Möglichkeit, dass man sozusagen seine eigene Mentorin oder seinen eigenen Mentor bekommt. Gerade in der individuellen Betreuung kann dann der Rücken gestärkt werden, aber auch bei schwierigen Entscheidungen geholfen werden, so dass Arbeiterkinder insgesamt eine Begleitung durch das Studium bekommen, wie sie sonst in der Regel nur Akademikerkindern zukommt.

Warum ist so etwas wie die Arbeiterkind-Initiative nötig?
Grundsätzlich kann man sagen, dass sich in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kind studieren wird, am Bildungsstand der Eltern ablesen lässt. Laut der aktuellen Sozialstudie des Deutschen Studentenwerks nehmen von 100 Akademikerkindern 71 ein Hochschulstudium auf. Dagegen studieren von 100 Kindern nicht-akademischer Herkunft lediglich 24, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erreichen. ArbeiterKind.de möchte an diesen Zahlen etwas ändern und etwas von der Hilfe bieten, die sonst Akademikereltern ihren Kindern bieten.

Siehst du persönlich Probleme mit dem Begriff »Arbeiterkind«? Ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder, auf den das zutrifft, den Begriff gerne hört.
Ich sehe durchaus, dass mit dem Begriff »Arbeiterkind« auch negative Assoziationen oder Gefühle einhergehen können. Als die Initiative gegründet wurde ging es meines Erachtens einfach nur darum einen kurzen prägnanten Namen zu finden, der schnell erklärt, worum es geht. Deshalb sollte man in den Namen auf keinen Fall irgendeine Wertung hineinlesen. An dieser Stelle ist es mir persönlich auch wichtig zu betonen, dass jeder, der aus welchen Gründen auch immer keine Unterstützung durch die Eltern bekommen kann – zum Beispiel weil sie ein ganz anderes Fach studiert haben oder schlicht nicht da sind – gerne zu uns kommen kann. Wir kontrollieren ganz bestimmt nicht, ob die Eltern auch ja nicht studiert haben. Das würde die grundlegende Idee, denen Hilfe anzubieten, die sie brauchen, geradezu verraten.

Wer steckt hinter ArbeiterKind in Halle? Seid ihr selbst »Arbeiterkinder«?
In Halle gibt es bereits seit 2008/2009 vereinzelte Mentoren. Seit über einem Jahr treffen wir uns zu regelmäßigen Stammtischen, zu denen hauptsächlich Studierende kommen, sowie einige, die bereits im Berufsleben stehen. Die meisten von uns sind selber »Arbeiterkinder«, es engagieren sich aber auch »Akademikerkinder« bei uns.

Gibt es schon Resonanz?
Das Bedürfnis ist auf jeden Fall da – nur sind wir leider in Halle momentan noch sehr unbekannt, was jetzt mit dem Interview in der hastuzeit ja hoffentlich nicht mehr so ist .

Wo lernt man euch kennen?
Kommt zu unserem Stammtisch: immer am ersten Montag im Monat, also bald am 7. Oktober und am 4. November 2013. Wir treffen uns um 20.00 Uhr in entspannter Runde im nt-Café, Große Ulrichstraße. Ihr erkennt uns an unserer roten Stammtischfahne. Ihr könnt uns aber auch bei Facebook unter ArbeiterKind.de Halle finden oder unter halle@arbeiterkind.de erreichen. Die bundesweite Plattform ist www.arbeiterkind.de.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 06.10. 2013 | Bearbeitet: 06.10. 2013 00:17