Jul 2013 hastuUNI Nr. 49 0

Hoffnung in Sicht

Tausende Studenten haben sich per Facebook organisiert und beim Hochwasser mit angepackt.

5. Juni 2013, Design-Campus der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle am Neuwerk Foto: Studierendenrat der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

5. Juni 2013, Design-Campus der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle am Neuwerk
Foto: Studierendenrat der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle


Karl Russel, Burgstudent, hat die Flut am Neuwerk 7 miterlebt: »Am Montagmorgen (3. Juni, Anm. d. Red.) war ich schon um halb zehn an der Tonwerkstatt, um dort an einem Kurs teilzunehmen. Diese Werkstatt liegt direkt am Mühlgraben. Zu dieser Zeit war das Wasser schon fast über das Ufer getreten, und es wurden ein paar Sandsäcke hingelegt – immer zwei übereinander. Im Nachhinein frage ich mich, warum nicht schon früher etwas passiert ist.«

Dieses Jahr beschloss das Rektorat der MLU, wegen der zweihundertjährigen Flut die Lehre vom 4. bis 7. Juni auszusetzen. Koordiniert wurden die Studenten durch Facebookseiten vom Stura, MLU-Hochschulbündnis, Hochwasser Sachsen-Anhalt, Halle-Spektrum usw., aber auch durch die Helferhotlines von der Freiwilligen-Agentur und Radio Sputnik.

In dieser Zeit schufteten Studenten unter anderem am Neuwerk für den Campus Design und am Herbarium. 45 Helfer schafften es in einer Nacht am 5. Juli, eine halbe Million Herbarbögen vor dem Wasser zu schützen. 450 Meter weiter wurde versucht, die teure Technik der Künstler zu retten. Am Montag fingen die Helfer mit Holzbarrikaden an. Einige Elektronik wurde aus dem Fundus geräumt. »Auf eine bestimmte Art hat das alles Spaß gemacht. Es war so eine surreale Situation: warmes Wetter, Musik wurde organisiert, es gab Essen und Trinken für die Helfer. Das Ganze hatte Volksfest-Atmosphäre.« Der Spaß war für Karl schnell vorbei, als die Sandsäcke ausgingen. Die Burgstudenten hatten sich selber welche genäht und jeden verfügbaren Stoff verwendet. Aber letztendlich mussten die fleißigen Helfer die Druckwerkstatt aufgeben.

Textildesign-Studierende sorgten für Nachschub.  Foto: Studierendenrat der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Textildesign-Studierende sorgten für Nachschub.
Foto: Studierendenrat der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle


Weitere Schäden trugen das Design­haus, die Projekträume im Keller des Goldbaus sowie der Saalewürfel mit dem Fundus davon. Auch die Unisportanlage an der Ziegelwiese wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. In den Umkleiden stand das Wasser bis an die Decken, und die Park-, Tennis- und Rasenplätze sind von einer Schlammschicht überzogen. Seit dem 24. Juni helfen Studierende, diese abzutragen. Pro Tag wird ungefähr ein Container gefüllt. Trotz der engagierten Aufräumarbeiten konnte das Sportfest nicht auf der Ziegelwiese stattfinden: Die Wettkämpfe in den Sportarten, in denen dies möglich ist, wurden in die Unihalle verlegt. Die begehrten Sportfest-T-Shirts werden nun auch an die Helfer verteilt.

Studenten versuchten sich mit einfachsten Mitteln zu helfen. Strom holten sie sich aus einer Autobatterie, jemand stellte sein Boot zur Verfügung. Jim Suricate Bukowski hat mit seiner 1-Euro-Hut-Spendenaktion 2414,49 Euro für die Opfer gesammelt. Neben Cafés verteilte auch die Facebookgruppe Foodsharing ihr Essen. Nicht zu vergessen sind DLRG, THW und DRK. Studenten haben bei Evakuierungen geholfen, und das rund um die Uhr. Es war kein Thema, ebenfalls Sandsäcke zu den Dämmen zu tragen. Medizinische Versorgung war in einigen Fällen nötig, denn wenn ein Altersheim evakuiert wird, kann das auch den Herzschlag beschleunigen. In den Notunterkünften haben neben dem Pflegepersonal Studenten versucht, die Opfer zu trösten oder zu beruhigen. Dennoch gab es Frustration durch die Paparazzi, Hochwassertouristen oder sinnlose Interviewfragen. Einer hatte seinen Bratwurststand neben das MMZ gestellt, damit die Helfer Würstchen kaufen.

Positiv anzumerken ist, dass jeder Helfer, der einen Schaden erlitten hat, dessen Fahrrad beispielsweise geklaut wurde, von der Stadt entschädigt wird. »Jeder Helfer steht unter dem Schutz der Stadt«, wie OB Bernd Wiegand auf dem Bürgerforum am 14. Juni mitteilte.

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Trotzdem ist sie irgendwie Chefin der "hastuzeit" geworden. Aber viel wichtiger ist, das, wenn sie Artikel schreibt, schwillt ihr Herz zu einer großen Blase voller Freude an, fast genauso groß, wenn sie Snowboard fährt.

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Erstellt: 13.07. 2013 | Bearbeitet: 12.07. 2013 14:41