Jul 2013 hastuINTERESSE Nr. 49 0

Hinter den Kulissen der israelischen Streitkräfte

Mit einem kräftigen Schlag auf meine Brust nach dem Anlegen der olivgrünen, aber viel zu großen Uniform und den Worten einer Soldatin »you are in army now« begann mein dreiwöchiger Freiwilligendienst bei der israelischen Armee.

Foto: Stefan Raguse

Der Nahe Osten ist eine geographische Bezeichnung, die heute im Allgemeinen für arabische Staaten Vorderasiens und Israel benutzt wird, wo es oft zu Ausschreitungen, Gewalttaten und Kriegen kommt. Seit Anfang 2011 tobt ein schrecklicher Bürgerkrieg zwischen Rebellen und dem Assad-Regime in Syrien mit mehr als 93 000 Todesopfern. Dieser Krieg scheint auf die Nachbarländer überzuschwappen, denn die Hisbollah aus dem Libanon, aber auch Russland und der Iran unterstützen das Assad-Regime. Auf dem Golan zur Grenze Israels zog Österreich seine UN-Soldaten aufgrund der zunehmenden Gefährdung des Bürgerkrieges ab.

Zwischen diesen Fronten steht Israel mit seiner Armee der IDF (Israel Defense Force), die auch schon aktiv in den Bürgerkrieg in Syrien eingriff. Ihr Auftrag, so beschreibt sie sich, ist es, »die Existenz, die territoriale Integrität und die Souveränität des Staates Israel zu verteidigen, die Bewohner Israels zu beschützen und alle Formen des Terrorismus zu bekämpfen, die das alltägliche Leben bedrohen.« Die IDF wurde kurz nach der Staatsgründung Israels am 31. Mai 1948 gegründet und zog sofort in den Unabhängigkeitskrieg von 1948 bis 1949 gegen Jordanien, Ägypten, Syrien und Libanon ein.

Doch was heißt es, einer Armee in einem Land zu dienen, wo es fast täglich zu gewalttätigen Übergriffen an den Landesgrenzen kommt? In Israel werden die jüdischen Staatsbürger nach Beendigung ihrer Schulzeit von der IDF eingezogen, sowohl Männer als auch Frauen. Männer müssen einen knapp dreijährigen, Frauen einen zweijährigen Dienst ableisten, und auch orthodoxe Juden müssen seit einiger Zeit einen Armeedienst leisten, was zu heftigen Debatten führt, da sie den Staat Israel in dieser Form nicht anerkennen. Den arabischen Israelis, den Beduinen oder Drusen zum Beispiel, ist es freigestellt, ob sie sich mustern lassen oder eventuell an einem Zivildienst teilnehmen.

Das unbewaffnete Freiwilligenprogramm, an dem der Autor teilnahm, heißt Sar-El, und jeder ab 17 Jahren kann, egal ob männlich oder weiblich, Jude oder Nichtjude, für mindestens drei Wochen, maximal drei Monate dabeisein. Jährlich nehmen an diesem Programm knapp 5000 Menschen aus aller Welt teil. Den unbezahlten Hilfedienst leistet man im Sanitätswesen, Logistik, Materialverwaltung, Verpflegung und Instandsetzung. Das Freiwilligenprogramm wurde 1982 geboren zur Zeit des ersten Libanon-Krieges, als sich spontan ca. 650 amerikanische Freiwillige meldeten, um den Personalengpass auf den Militärbasen zu beheben. Zusätzlich werden während des Programms kostenlose Ausflüge in Museen und Städten Israels angeboten. Auch ist die Möglichkeit gegeben, an einem Hebräisch-Einsteigersprachkurs teilzunehmen.

Jedes Freiwilligenprogramm startet in Israels Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv, wo sich die bunt gemischte Freiwilligengruppe von knapp 40 Frauen und Männern fast jedes Alters und fast aller Kontinente zusammenfindet. Mit einem Bus ging es dann auf eine Basis ganz in der Nähe von Tel Aviv. Es war eine reine Medikamentenbasis, und so war die Arbeit für die drei Wochen geklärt: Medikamente aller Art mussten neu sortiert, aussortiert, verpackt und zum Abtransport bereit gestellt werden. Für die Freiwilligen standen die ganze Zeit zwei richtige Soldatinnen (Madregot) zur Verfügung, die sich in den ganzen drei Wochen um die Anliegen der Freiwilligen gekümmert haben.

Direkt am ersten Abend, nach der Ankunft bekamen die Freiwilligen eine Uniform, die aber keinem so richtig passte, was für große Lacher innerhalb der Freiwilligengruppe sorgte. Außerdem bekam jeder Teilnehmer eine eigene Pritsche und einen eigenen Spind. Im Anschluss erklärten die Madregot den Tagesablauf.

Jeder Tag begann mit dem Frühstück, das täglich frisch von einem Catering-Service gebracht wurde, in der Kantine der Basis um 7.15 Uhr. Bevor die Arbeit auf der Basis um 8.15 Uhr losging, musste man noch zusammen mit den richtigen Soldaten der Basis zum Fahnenappell. Nach dem Mittagessen und einer Mittagspause ging es zurück zur Arbeit. Abends nach dem Abendbrot fand ein Seminar statt.
Die Arbeit an sich war wie erwartet sehr stumpf und einfach, doch die Stimmung unter den Freiwilligen war meist sehr aufgeheitert. Außerdem lernte man die anderen Freiwilligen kennen und erfuhr, warum sich Menschen aus aller Welt für so ein Programm interessieren. So nahm Naomi, eine junge Frau aus Japan »aus Dank an Israel teil«, da ihr nach einem Erdbeben in Japan von einem israelischen Rettungsteam geholfen wurde.

Foto: Stefan Raguse

Die echten Soldaten der Basis hingegen machten einen eher unmotivierten Eindruck. Keiner wusste so richtig, was zu tun war, aber alle konnten einem den Weg zum nächsten Kaffeeautomaten oder Kiosk erklären. So dauerte es auch morgens beim Fahnenappell etwas länger, bis die richtigen Soldaten ihre Steh- und Haltungsposition eingenommen hatten. Ohne Uniform hätte es nach Arbeit in einem Warenlager ausgesehen. Beim Arbeiten konnte man leicht Kontakte zu den Soldaten der Basis knüpfen, mit ihnen reden und diskutieren, wobei es höchst interessant war, Denkweisen verschiedener Soldaten über die Armee zu erfahren. Das Interesse der Soldaten an den Freiwilligen, die von außerhalb Israels kamen, war durchaus groß, so dass sich die eine oder andere Freundschaft bildete. So kam es dazu, dass Shuki, ein streng religiöser Jude, der beim Sortieren der Medikamente mithalf, einige Freiwillige zu sich nach Hause zum Shabbatessen einlud. Und auch Galia, die schon fast mit ihrem Armeedienst fertig war, zeigte großes Interesse an deutschen Freiwilligen, da ihre Großeltern aus Deutschland kamen und sie sich nach Beendigung ihres Armeedienstes auf deren Spuren in Deutschland begeben wollte.

Da es sich um eine Medikamentenbasis handelte, befanden sich in der Basis keine Kampfsoldaten. Man traf eher auf Soldaten aus sozial schwächerem Umfeld, aber auch einige Soldaten mit Einschränkungen wie Down-Syndrom arbeiteten auf der Basis. Gilad war einer von ihnen, der fast alle Namen der Freiwilligen auswendig konnte, sie aus großer Entfernung erkannte und auf Hebräisch grüßte.

Abends in den Seminaren lernten die Freiwilligen spielerisch die Geschichte Israels, der IDF und andere Themen in Bezug auf Israel kennen. Es gab Quizzes und Activity-ähnliche Spiele über Israels Landeskunde, israelische Erfindungen und kulinarische Kostbarkeiten sowie wichtige jüdische Persönlichkeiten. Zugegeben, wenn auch nicht überraschend, etwas einseitig, aber dennoch sehr interessant zu erfahren, inwieweit die IDF Einfluss auf die israelische Gesellschaft und Gesellschaftsschichten hat. Ob im Guten oder Schlechten, sei einmal dahingestellt. So gibt es verschiedene Programme der IDF, wo israelische Soldaten die neuen jüdischen Einwanderer in israelischer Landeskunde und Hebräisch unterrichten, damit ihnen die Eingliederung in die israelische Gesellschaft besser gelingt.

Auch sind Israelis aus ländlichen, sich noch entwickelnden Gebieten Israels eine weitere Zielgruppe der IDF. Ihnen soll durch ein Programm der IDF der Zugang zur akademischen Bildung erleichtert werden.

Einige Soldaten der Basis, wie Gilad, sind über das MAKAM-Programm zur IDF gekommen. Zu dieser Zielgruppe der IDF gehören junge Israelis mit Lernschwierigkeiten, einem schlechten sozio-ökonomischen Hintergrund, mit Verhaltens­auffälligkeiten oder gar krimineller Vergangenheit. Das Programm ist ein strukturiertes Bildungsangebot, wo die Teilnehmer auf Spezialtraining, Berufsausbildung und das Abitur vorbereitet werden.

Auf einem Seminarabend gab es eine Buchvorstellung von einer bekannten israelischen Autorin (Zippora Porath), einen anderen Abend hieß es »Let’s dance«, und einige Freiwillige stellten eine eigene Präsentation über typisch israelische Musik mit Tanz und Musik vor. So tanzten die fast schon familiär gewordenen Freiwilligen »Hora« zusammen, einen typischen israelischen Tanz.

An den Wochenenden konnte jeder Freiwillige für sich selbst entscheiden, wie er sie verbringen wollte. So konnten die Teilnehmer das Angebot des Freiwilligenprogramms nutzen, die Wochenenden kostenlos in Hostels für Soldaten zu verbringen. Hier traf man auf weitere Freiwillige, die auf anderen Basen der IDF arbeiteten. So konnte man sich über die verschiedenen Arbeiten auf den Basen austauschen.

Das israelische Militär ist sehr tief in nahezu allen Gesellschaftsschichten und Bevölkerungsgruppen verwurzelt. Deshalb ermöglichen es die vielen verschiedenen Eindrücke und Informationen, die man durch das Programm erhält, eine weitere wichtige Facette der Komplexität des Nahostkonflikts besser zu verstehen.

Über Stefan Raguse

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Erstellt: 21.07. 2013 | Bearbeitet: 20.09. 2013 23:09