Dez 2013 hastuINTERESSE Nr. 51 0

Halle, je t’aime

Wie es zwei französischen Studentinnen in Halle geht und was sie von Stadt, Hallensern und Uni denken

Foto: Alida Sauer

Die zwei Französinnen Adèle und Delphine studieren im fünften Semester Interkulturelle Europa- und Amerikastudien/Langues étrangères appliquées (IKEAS/LEA). Dieser binationale Studiengang verbindet die MLU mit der Université Paris X La Défense in Nanterre (Paris). Und so ist es Teil des Studienprogramms, dass die Franzosen für die letzten beiden Semester des Bachelors nach Halle kommen und die deutschen Studenten das dritte und vierte Semester in Paris verbringen.

Halle entschleunigt

Auf die Frage, ob sich die beiden schon in Halle eingewöhnt haben, folgt heftiges Kopfnicken und ein »Ja, logisch«. Delphine ist sehr von der Stadt begeistert und meint, dass sie gleich von Anfang an ein echtes »Zuhausegefühl« verspürt hat. Die Größe dieser doch so kleinen Stadt gibt ihr dieses Gefühl. Bei Adèle dagegen brauchte es ein Weilchen länger, bis sie sich ein richtiges Bild von Halle machen konnte. »Zunächst war ich geschockt«, sagt sie. »Als ich im Frühjahr dieses Jahres mit dem Zug in Halle ankam, um mir einige WG-Zimmer anzuschauen, war ich schon am Bahnhof von Halle geschockt. Keine Menschen, nirgends. Auch auf dem Weg über die Leipziger Straße fragte ich mich, wo die ganzen Leute seien.« Vom Pariser Nordbahnhof und generell von der Metropole in eine viel kleinere Saalemetropole zu kommen – da merkt man ganz klar einen krassen Unterschied: man fühlt sich entschleunigt. Aber Adèle erholte sich sehr schnell von ihrem anfänglichen Schock und lernte die Stadt schnell lieben. »Jedes Mal, wenn ich rausgehe – egal wohin – treffe ich ein bekanntes Gesicht. Und auch die Leute in der Stadt sind nett.«

Apropos Leute, wie habt ihr die Hallenser anfangs kennengelernt? Bei dieser Frage muss Adèle gleich grinsen: »Auf einer Party hat mich ein Typ angesprochen. Ich habe kein einziges Wort verstanden, weil er so sächselte. Also tat ich so, als würde ich ihn verstehen und nickte einfach … sonst komme ich gut mit dem Dialekt hier klar.« Delphine dagegen ist nicht zuerst der eventuelle Sprachunterschied aufgefallen: »Also irgendwie haben hier sehr viele Leute mehrfarbiges Haar – das habe ich so noch nie zuvor gesehen.«

Ein weiterer Pluspunkt, den die Mädchen erwähnen, sind die stets kurzen Wege in und durch die Stadt. »Von Institut zu Institut laufe ich immer. Und auch wenn ich feiern gehe, laufe ich die Strecke und muss nicht wie in Paris ständig ewig lange RER (ähnlich wie die deutsche S-Bahn) fahren«, sagt Delphine. Nachdem also die Stadt und ihre Bewohner beschnuppert wurden, widmen wir uns nun dem Unialltag …

Keinen Plan an der Uni

In Frankreich ist es üblich, dass die Studenten ihren fertigen Stundenplan vorgelegt bekommen und ihn sich nicht selber zusammenbasteln müssen. Folglich war dies hier in Halle eine neue Erfahrung für die beiden, sich mit Stud.IP und dem Löwenportal auseinanderzusetzen. Doch auch diese Hürde war kein Problem. »Man hat sich seinen Plan schon zusammengestellt, es gab immer Leute, die einem geholfen haben«, meint Adèle, »und cool ist auch, dass wir hier viel weniger Wochenstunden haben als in Nanterre. Dort hatten wir die letzten Semester fast immer eine 30-Stunden-Woche. Und so kann ich hier zwischen den Vorlesungen auch mal kurz nach Hause.«

Was den Unterricht an sich anbelangt, gibt es auch Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland. In Frankreich ist Frontalunterricht üblich, das heißt, der Dozent steht vorne und hält seine Vorlesung (im wahrsten Sinne des Wortes), und die Studenten schreiben jedes einzelne Wort mit. Das Gesagte des Dozenten steht dabei im Vordergrund, erklärt Delphine: »Bei uns werden eigentlich nie Fragen gestellt in der Vorlesung. Und Diskussionen gibt’s auch nicht. Wir schauen zu, dass wir alles mitschreiben, was der Prof sagt.« Überrascht waren sie dann schon, wie viel hier an der deutschen Uni diskutiert oder auch gefragt wird. »Das wäre bei uns fast undenkbar«, meint Delphine, »ich finde auch nicht, dass die Franzosen schüchtern sind oder so, aber es gehört sich nicht; man fragt einfach nicht.«

Ein richtiges Stück Fleisch

Illustration: Han Le

Wie ist der Alltag sonst so hier in Halle für die beiden? Gibt es Wünsche oder Ängste?

Sie sagen, dass viele Leute begeistert sind und sogar ihre Französischkenntnisse auspacken, wenn sie die beiden Französisch sprechen hören. »Die Menschen sprechen uns einfach an und lächeln dabei. Sie meinen: ›Oh wie toll, aus Paris …‹« Und außerdem seien die Hallenser sehr freundlich, obwohl sie sehr verschlossen aussehen. Wenn man sie von sich aus anspricht, dann reden sie auch, stellte Delphine fest.

Auf die Frage, was ihnen denn hier in Deutschland fehle, kam die unerwartete Antwort: »So ein richtiges Stück Fleisch.« Die Mädchen sehnen sich nach einem schön gebratenen steak haché (Hacksteak) mit frites oder einem entrecôte (Rinderrippensteak) – französische Küche lässt sich eben nicht so leicht ersetzen. Wer weiß, vielleicht gibt es in der Tulpe ja bald mal die französische Woche …

Aber sonst sind sich beide Mädchen ziemlich einig: Halle ist eine tolle Stadt, hier stimmt einfach alles. Einmal richtig eingelebt will man hier auch gar nicht mehr weg. Sie meinen: »Viele Leute reden schlecht über Halle, dabei waren sie noch nie hier und konnten sich kein Bild von der Stadt machen. Wir finden es hier echt genial.« Sie können es sich sogar gut vorstellen, ihren Master später in der Saalemetropole zu machen. Na dann: bienvenue à Halle!

Interkulturelle Europa- und Amerikastudien / Langues étrangères appliquées (IKEAS-LEA)

  • Binationaler Studiengang, doppelter Abschluss
    (man erhält am Ende den deutschen Bachelor und die französische licence)
  • Der Studiengang besteht aus dem Hauptfach Frankreichstudien, einem gewählten Kombinationsfach und aus Jura im Nebenfach.
    Hauptfach: Frankreichstudien
    Kombinationsfach: Lateinamerikastudien, Angloamerikanische Studien, Russlandstudien oder Deutschlandstudien
    Nebenfach: Jura (60 LP)
  • Von der deutsch-französischen Hochschule (DFH) anerkannt und gefördert
  • Studienaufbau:
    1. und 2. Semester an der MLU
    3. und 4. Semester an der Université Paris Ouest Nanterre La Défense (französische und deutsche Studierende gemeinsam)
    Achtwöchiges Praktikum in Frankreich oder im französischsprachigen Ausland
    5. und 6. Semester an der MLU (französische und deutsche Studierende gemeinsam; das Praktikum der Franzosen schließt sich daran an)
  • Zugang: zulassungsfrei mit Eignungsprüfung
  • Für weitere Infos: http://www.studienangebot.uni-halle.de (IKEAS-LEA)

Über Alida Sauer

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Erstellt: 08.12. 2013 | Bearbeitet: 07.12. 2013 22:37