Feb 2013 hastuPAUSE Nr. 46 0

Globales Engagement:
Ein Praktikum in Benin

Berlin? Von wegen. Laura ging für 13 Wochen in ein westafrikanisches Land. Für die hastuzeit berichtet die Geographiestudentin vom ASA-Programm und ihren Erlebnissen in Benin.

Kinder beim Wasserholen. Jeder Liter, der gebraucht wird, muss erst einmal getragen werden.

Einige haben vielleicht die Karten gesehen, die neulich an entsprechenden Ecken auslagen: »Fair-ändere!«, »Ver(sch)wende Deine Jugend!«. Dahinter steckt ASA. Der »Arbeits- und Studien­austausch« ist in den 1960er Jahren von Studie­renden aus wachsendem Interesse an Themen der »Dritten Welt« und Kritik an neokolonialistischen Tendenzen gegründet worden. Seither gab es neben den vielen abenteuerlustigen Teilnehmern zahlreiche strukturelle Reformen. Heute gehört ASA zu der Initiative »Engagement global«, wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert und bietet Projekte auf fast allen Erdteilen an.

Bewerben kann man sich einmal pro Jahr für verschiedene Programme, in der Regel für dreimonatige Praktika. Begeistert haben mich das fast alle Kosten deckende Stipendium, die Möglichkeit, mein Französisch zu polieren, die gute Vor- und Nachbereitung, das Netzwerk an Freiwilligen und die Herangehensweise: ASA ist kein Entwicklungsdienst! Globales Engagement wird hier auf einen konkreten Nenner heruntergebrochen und somit erfahrbar. Die soziopolitischen Konstrukte »Schwarz« und »Weiß« werden kritisch unter die Lupe genommen, und es wird diskutiert, ob nicht Europa eher Afrika zur Entwicklung bzw. Wohlstandssicherung braucht.

Vor der Abreise hatte ich einen nur spärlichen Kontakt zu meiner Partnerorganisation. Ich informierte mich selbst eifrig: Benin ist auf HDI-Rang 167 von 187, und es gibt nur vier Ärzte auf 100 000 Einwohner. Die meisten Beniner leben von Subsistenzwirtschaft. Eine Frau bekommt im Durchschnitt fünf bis sechs Kinder. Die Polygamie existiert noch. Die Analphabeten- und Säuglingssterblichkeitsrate sind auf traurig hohem Niveau. Das monatliche Durchschnittseinkommen ist umgerechnet 48 Euro. Das westafrikanische Land, bis 1990 marxistisch-leninistisch orientiert, ist heute für seine politische Stabilität bekannt. Zahlen und Fakten vermitteln zwar ein einseitiges Bild, dennoch konnte ich einige Statistiken »erfahren«.

Afrikanisch-europäische Dichotomien sind so eintönig wie falsch, dennoch wird Afrika oft wie folgt kontrastiert:
Schwarz – weiß
Unterentwickelt/primitiv – modern
Traditionell – fortschrittlich
Dies kann der sozialen Realität vor Ort niemals gerecht werden.

Wasser schleppen, Cola trinken

Mir war klar, dass meine 13 Wochen mit gewissen Entbehrungen einhergehen würden. Vor Ort erschien es mir manchmal paradox, was es gab und was nicht: Benin ist das erste Land, in dem ich keinen McDonald’s sah, dafür gibt es ein solides Cola-Netz. Der Zugang zu Internet gestaltet sich einfacher als der zu Trinkwasser. Die hygienischen Verhältnisse lassen sehr zu wünschen übrig. Eine Rolle Klopapier kostet so viel wie drei Abendessen aus Reis und Bohnen. Westliche Großstädte könnten vor Neid auf das Apothekennetz in Benins größeren Städten erblassen. Die Apothekendichte ist genauso groß wie in Halle, nur haben diese sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet.

Der ganz normale Alltag ist schon eine Aufgabe und Herausforderung für sich. Jeden Morgen erst Wasser pumpen und schleppen für die Dusche. Das elegante Auf-dem-Kopf-Tragen fiel mir irgendwann auch immer leichter. Dann irgendwo auf der Straße bei den »bonnes femmes« etwas zu essen kaufen. Auf den alle fünf Tage stattfindenden Märkten wird viel getauscht. Noch nie zuvor habe ich in einer Stadt ohne Bankautomaten gelebt. Auf keinen Fall vergessen darf man außerdem, immer freundlich zu grüßen und nach dem Wohlergehen aller Familienmitglieder zu fragen.

Die Eindrücke sind sehr intensiv: Überall springen Kinder herum, Musik dröhnt aus vielen Ecken, die Luft ist nicht nur aufgrund der Luftfeuchtigkeit von fast 90 Prozent so anders, sondern auch aufgrund der unbekannten Gerüche. Schnell wird man zum Mittelpunkt des Geschehens anderer, auch wenn man den Faktor Hautfarbe für sich immer weniger wahrnimmt.

Inhaltlich beschäftigte ich mich mit dem Thema Saatgut. Schnell war festzustellen, dass die Ernährung sehr einseitig ist trotz eines großen Potenzials an lokalen Nutzpflanzen. Wir konnten ein Pflanzeninventar von über 200 Nutzpflanzen erstellen. Wie verhält man sich nun, wenn man als Fremde zu wissen meint, wie Landwirtschaft und Ernährung diversifiziert werden könnte und aufgrund von Mangelernährung sollte? Auch Benin muss als Absatzmarkt französischer Saatgutunternehmen für Hybridpflanzen herhalten.

Im Arbeits- und normalen Alltag kam nie Routine auf. Die Zusammenarbeit erforderte viel Geduld, was lachend damit begründet wurde, dass Europäer zwar Uhren haben, Afrikaner aber die Zeit. Einige Tage dienen der Ruhe oder dem Zelebrieren von Voodoo-Gottheiten. Es kam vor, dass der eigene Körper plötzlich streikt oder die Mücken einen nicht in Ruhe ließen und der Malaria-Test positiv ausfiel.

Käse und Waschmaschinen

Ich konnte noch so einiges mehr lernen, über mich und das Land, könnte noch so viel berichten, über Kulinarisches, Hexerei, Stadt-Land-Disparitäten, Tradition und Moderne, Reiseerlebnisse und europäische Verantwortung, aber das würde den Rahmen sprengen.

Der Kulturschock traf erst recht ein, als ich wieder zurück war. Wie selbstverständlich es hier ist, fließend Wasser zur täglichen Hygiene und zum Trinken zu haben, Essen im Überfluss in den Supermärkten zu finden. Wie banal unsere Luxusprobleme erscheinen, wie wenig wir uns einander im Alltag wahrnehmen. Aber ich gestehe: Käse und Waschmaschinen möchte ich nicht missen. Immer noch bekomme ich kurze Anrufe, für die meine Beniner Freunde und Bekannten einiges ausgeben müssen. Auf die Kaufkraft umgerechnet ist es so, als ob wir für 10 Euro miteinander telefonierten. Dann erscheint es mir manchmal so, als ob ich mich plötzlich vor mir rechtfertigen müsste, zum Beispiel für den Kauf eines Pullovers für »nur« 15 Euro. Umgerechnet wären dies so viele Malaria-Mittel, die Kinderleben retten könnten. Gleichzeitig werden mir – trotz meines Status als BAföG-beziehende Studentin – meine Privilegien bewusst. Denn wenn ich von meinem Alltag berichte, ist dies für die meisten Menschen im Benin unvorstellbar und eine Realität, die sie wohl nie erfahren werden. Sie können ja nicht einfach 13 Wochen nach Deutschland kommen.

Nun wünsche ich allen, die sich für den ASA-Lernzyklus 2013 beworben haben, viel Erfolg. Und andere möchte ich hiermit ermutigen, sich für das Programm zu bewerben – es lohnt sich sehr und muss ja nicht gleich Afrika sein.

Fotos: Laura Günther

Ein Voodoo-Festival. Die strohbedeckten, maskierten Tanzenden stellen Geister dar.

Über Laura Günther

, , , , , ,

Erstellt: 13.02. 2013 | Bearbeitet: 07.05. 2013 15:15