Okt 2013 hastuUNI Nr. 50 0

Gesichtsbücher, die ja doch niemand lesen will

Der bittersüße Geschmack des Facebook-Ausstiegs

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

An einem eisigen Januartag dieses Jahres schlenderte ich in Halle vor mich hin, und irgendetwas geschah. Etwas derart Belangloses, dass mein Hirn sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, es bis heute abzuspeichern. Jedenfalls formte sich in diesem Moment bereits eine Statusmeldung vor meinem geistigen Auge, mit der ich doch die Facebook-Welt entzücken und sicher auch ein paar »Likes« ernten könnte. Eine Millisekunde später jedoch ekelte mich dieser Gedanke an; mir wurde bewusst, wie sehr Facebook in mein Leben eingedrungen war. Also beschloss ich, recht bald den virtuellen Tod zu sterben.

Das größte soziale Netzwerk weltweit spaltet die Gemüter, trotzdem zählt es mehr als eine Milliarde Mitglieder, rund jeder siebte Erdenbürger also macht diesen – mit Verlaub – Wahnsinn mit. Auch ich habe exzessiv Nachrichten geschrieben, die Posts anderer studiert, so manches noch so dumme Foto und die eine oder andere Statusmeldung geliket und alle belächelt, die sich mal wieder ordentlich zum Obst gemacht haben, sei es durch peinliche »Party-Pics« oder zahllose dusselige Posts. Facebook bringt eben nicht gerade das Beste im Menschen hervor.

Mich beunruhigt, wie Facebook unser Miteinander verändert. Facebook gaukelt uns eine geordnete, übersichtliche kleine Welt vor: All unsere sozialen Kontakte jederzeit griffbereit mit allen Neuigkeiten, seien sie auch noch so banal, Hauptsache, wir werden von der bedrohlichen hochkomplexen Welt da draußen abgeschirmt, ohne jedoch dieses Gefühl zu haben. Bei Facebook sind wir jemand, unser ganzes Leben eingedampft in diesem Mikrokosmos bedeutungsloser Oberflächlichkeit. Gezeigt wird allerdings nur das Gute, Schöne und Angenehme. Ab und zu verirrt sich zwischen die aufmerksamkeitsheischenden und meist dumm-banalen Posts auch mal der eine oder andere pseudo-gesellschaftskritische, bevorzugt mit Bildern gefolterter Hundewelpen auf einer Baleareninsel oder dem Aufruf, sich doch bitte zur Verminderung der weltweiten Wasserknappheit zukünftig die Zähne unter der Dusche zu putzen.

Manchmal habe aber auch ich Zweifel. Vielleicht mache ich mir das Leben ja unnötig schwer, es könnte doch alles so einfach sein: Ein Klick, und ich wäre wieder mitten drin, mein Profil reaktiviert, und alles wieder wie noch vor zehn Monaten. Ich müsste keinen einzigen Geburtstag außer dem meiner Oma mehr memorieren, wäre immer auf dem neuesten Stand, wäre nicht gezwungen, mehr Impulse in der Kontaktaufrechterhaltung zu meinen Freunden zu geben, und könnte mich selbst wieder wunderbar profilieren.
Ich weiß, dass Facebook mich will. Facebook will jeden, der Werbung, natürlich unterbewusst, absorbiert wie ein Schwamm und so zum möglichen Kunden wird. Das Unternehmen Facebook weiß genau, welches Suchtpotential vom ihm ausgeht.

Ganz sterben lässt dich Facebook nach dem Abmelden jedenfalls nicht; zumindest nicht, wenn man wie ich nicht weiß, wie man sich wirklich abmeldet, mein Profil ist noch immer lediglich »deaktiviert«. Aber auch meine Daten bleiben irgendwo bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gespeichert, eine anonym-blaue geschlechtsspezifische Fratze mit deinem Namen darunter bleibt in den Freundschaftslisten deiner »Freunde« erhalten.

Facebook will dich halten, um jeden Preis. Mark Zuckerberg zeigt dir einen echtgoldberingten Stinkefinger, wenn du dich seinem Spinnennetz entwinden möchtest. Er versucht es selbst mit den Bildern ausgewählter Freunde und dem Spruch: »XY wird dich vermissen.« Wenn XY mich tatsächlich vermisst, kann XY mich auch gern persönlich ansprechen, mich anrufen, eine Mail ­schreiben, Brieftauben schicken oder – ganz verwegen – einfach mal an meine Tür klopfen. Das macht ja heutzutage niemand mehr.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 19.10. 2013 | Bearbeitet: 18.10. 2013 11:30