Jul 2013 hastuUNI 1

»Genug für alle – für immer«

Ein ehrgeiziges Modell gepaart mit hohem Engagement – Zu Besuch bei der ASQ Nachhaltigkeit

Foto: Klemens Ilse

Foto: Klemens Ilse

Niko Paech nennt sich selbst VWL-BWL-Hybrid. Sein Thema ist die Postwachstumsökonomie. Wie können wir unser Leben organisieren im Hinblick auf endliche Ressourcen, im Hinblick auf die Begrenztheit unseres Planeten? Darüber möchte er in einem Workshop zusammen mit den etwa 25 Studierenden diskutieren, die an diesem Samstagmorgen ins Melanchthonianum gekommen sind.

Bei der Vorstellungsrunde wird deutlich: Hier sind alle Fachrichtungen von Lehramt über Psychologie und Biologie bis zum Management natürlicher Ressourcen vertreten. Das Thema polarisiert – und es betrifft jeden Einzelnen. Paech redet fasziniert, gestenreich, rhetorisch stark und ist sehr gut informiert. Er weiß, wovon er spricht, er ist Professor an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, die Postwachstumsökonomie ist sein Forschungsfeld. Am Tag zuvor hat er im Rahmen der ASQ Nachhaltigkeit einen öffentlichen Vortrag gehalten. Nun geht es um die Vertiefung des Themas. »Wie sieht unsere Wirtschaft 2050 aus?« – Darum soll es gehen, darüber ist zu diskutieren.

Gleich zu Beginn stellt er die Frage: »Wann finden Menschen Nachhaltigkeit gut?« und stellt die These auf: »Wir dürfen nicht nur wollen und wissen – wir müssen Nachhaltigkeit auch üben.« Es folgt ein Input, und schnell wird klar: Sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen geht weitaus tiefer, als man sich das vorstellen mag. Möchte man »grünes Wachstum«, das heißt, durch technische Neuerungen und Entwicklungen das Wachstum erhalten und dadurch beispielsweise den CO₂-Ausstoß senken, oder gehört man auf die Seite der Wachstumskritiker? Permanentes Wachstum kann nicht durchgehalten werden, es findet keine »ökologische Entschärfung« statt.

Reparieren und Rebuilding

Paech gehört zur zweiten Fraktion. Sich vom Wachstum zu befreien sei eine gute Option. Er hat ein eigenes Denkmodell dazu entwickelt: Der Mensch soll sich nicht allein der hohen beruflichen Spezialisierung anschließen, neben dem Beruf sind weitere Fähigkeiten wichtig. So etwa seinen Laptop in Repair-Cafés zu reparieren (und keinen neuen kaufen zu müssen) oder seine eigenen Nahrungsmittel anzupflanzen. Der hochspezialisierte Mensch ist gefährdet, ist krisenanfällig. Fällt ein Zahnrad aus, funktioniert die ganze Maschine nicht mehr. Krisenstabilität aber sei ein Kriterium für Nachhaltigkeit. Ein solches nachhaltig stabiles System wäre kleinräumig, autonom und vielfältig. Heruntergebrochen könnte man sagen: Reparatur, Rebuilding, Second Hand – wann und wo immer möglich.

Ausgehend von dieser theoretischen Einführung geht es in die Gruppenarbeit, bei der jeweils ein Aspekt wie zum Beispiel Fortbewegung, Medizin oder Ernährung in den Mittelpunkt gestellt und im Hinblick auf die Einstiegsfrage »Wie sieht unsere Wirtschaft 2050 aus?« bearbeitet wird. Die Gruppen finden sich schnell zusammen, und bei der Präsentation zwei Stunden später wird deutlich: Die motivierten Teilnehmer suchen vor der eigenen Haustür, die große Globalität wird nur angerissen, man überlegt, was man selbst tun könnte.

Ab und an wird das Thema Nachhaltigkeit dann zum Ausgangspunkt für gesellschaftliche Plädoyers zu Bildung oder Sozialstaat, wo zuweilen auch utopische Wunschvorstellungen Vater des Gedankens zu sein scheinen und das Thema selbst ein bisschen aus den Augen verloren wird. Das Plenum ist dabei immer aktiv und diskussionsfreudig.

Insgesamt sind die Teilnehmer sehr zufrieden mit dem Verlauf. Man hört Äußerungen, wie viel ein solcher Workshop im Vergleich zum normalen Vorlesungsbetrieb weiter bringe. Später bleibt Paech noch da und diskutiert mit einigen Studierenden bei einer Tasse Kaffee weiter.

Preisgekröntes, innovatives Konzept

Eingeladen war Paech im Rahmen der ASQ Nachhaltigkeit. Der Workshop war ein zusätzliches Angebot zum regulären Programm. Die Veranstaltungsreihe wird vor allem von Klemens Ilse und Frederik Bub organisiert. Beide sind Physikstudenten, Mitglieder der Studentischen Förderiniative der Naturwissenschaften und haben das Projekt vor etwa einem Jahr neben der Bachelorarbeit gestartet. Die SFI (Studentische Förderinitiative) unterstützt sie bei Logistik, personeller Hilfe sowie der Präsentation über die SFI-Homepage. Seitens der Universität werden die beiden vom Lehrstuhl für Betriebliches Umweltmanagement, dem Zentrum für Lehrerfortbildung und der Physikdidaktik unterstützt.

Foto: Klemens Ilse

Foto: Klemens Ilse

Generell ist das ASQ-Modul in Vorträge, Seminare und Projektarbeiten aufgeteilt. Neben den öffentlichen Vorlesungen alle zwei Wochen sind die Seminare etwas Besonderes. Hier haben sich Klemens und Frederik eine spannende Neuerung einfallen lassen. Gehalten werden die Seminare von teilnehmenden Lehramtsstudenten, die so ebenfalls ihre LSQ ablegen können. Die Idee dahinter ist, dass Nachhaltigkeit schon in den Schulen Thema sein sollte. Was liegt da näher, als die künftigen Lehrer bereits im Studium mit der Problematik vertraut zu machen?

Das Besondere: Mit dem Konzept ihrer Lehrveranstaltung haben Klemens und Frederik einen Wettbewerb beim Bundesministerium für Bildung und Forschung gewonnen. Das bedeutet eine großzügige finanzielle Unterstützung, welche die eine oder andere Möglichkeit eröffnet. Neben der Option, die Spesen für hochkarätige Dozenten zu stemmen, kann gewährleistet werden, dass die ASQ-Teilnehmer am Ende in kleinen Gruppen als Abschlussarbeit ein Projekt organisieren, welches mit je 400 Euro ausgestattet wird. Was sie daraus machen, steht ihnen frei. Sie selbst entscheiden, wie sie an das Thema Nachhaltigkeit herangehen.

Gerade das motiviert die Teilnehmer: »Dieses Vertrauen der Leiter in uns spornt uns an«, meint etwa Marc Ruch, »in welcher ASQ ist so etwas schon möglich?« Immer fünf Studierende arbeiten in einem Projekt zusammen, die Aufteilung erfolgte nach acht Interessengebieten. Mit ihren Kontakten stehen die Leiter unterstützend zur Seite. Die Präsentation der Projekte soll ebenfalls öffentlich erfolgen, Interessierte sind dazu gern eingeladen.

Gute Noten von den Teilnehmern

Ein ziemlich neues und ehrgeiziges Modell also, aber der Erfolg gibt beiden Recht, zwischen 200 und 250 Menschen besuchen die Vorträge. Und auch die Teilnehmer sind sehr zufrieden. Für Marc war es die ansprechendste ASQ, ihm gefiel die Idee mit der Bewerbung über Motivationsschreiben (über 120 gingen für die 30 Plätze ein), und der aktuelle Bezug »lässt die anderen ASQs alt aussehen«. Andere Studenten interessiert das Thema von ihrem Studienfach her. Eine BWL-Studentin macht auch für ihre eigene Karriere die Notwendigkeit für Veränderungen aus, und für einen Physiker stellt sich die Frage nach Verantwortung: »Wo führen technische Entwicklungen hin?«

Alle sind sich einig, schon viel mitgenommen zu haben. Marc meint: »Die ASQ hat mir geholfen, Sachen aus anderen Blickwinkeln zu sehen und bestimmte Dinge noch einmal zu hinterfragen.« Auch wenn er sich danach zunächst nicht aktiv in einer Organisation oder Ähnlichem weiter engagieren möchte, verhält er sich im Alltag anders – gerade hier könne man sich nachhaltig verhalten. »Ausbeutung und Zerstörung der Natur darf man nicht durch einen kleinen Preis an der Kasse unterstützen.«

Allen Teilnehmern ist es wichtig, Klemens‘ und Frederiks Einsatz zu loben. »Chapeau, wie viel Zeit, Kraft und Ideen die beiden in das große Ganze investieren!« lobt Marc.

Wiederaufnahme im kommenden SoSe

Durchaus kein schlechtes Zeichen für unsere Gesellschaft, wenn solche Projekte auf die Beine gestellt und dann auch noch durchgezogen werden. Darum soll es auch weitergehen. Im kommenden Sommersemester wird es eine Neuauflage der ASQ geben. Klemens und Frederik planen, die Leitung dann diesjährigen Teilnehmern zu übergeben, zusammen mit dem SFI hat dieses Verfahren auch bei der ASQ Bioethik gut funktioniert. Interessenten für die Planung der kommenden ASQ können sich aber auch ohne vorherige Teilnahme an die beiden wenden.

Klemens hofft, dass die Wiederaufnahme im Sommersemester auch hier gelingt. Die erste Duftmarke ist gesetzt, die Professoren sind vernetzt und angesprochen. Viele Profs sind auch in Halle mit dem Thema befasst. Das Fundament ist also gelegt. Vielleicht könne man über Sponsoren auch wieder ein wenig Geld einwerben, hofft Klemens. Am besten sei es außerdem, wenn man es auf lange Sicht schaffe, eine ähnliche Veranstaltungsreihe in ein Institut einzugliedern und es fest stattfinden zu lassen.

Auch den Autor hat bei seinem kurzen Besuch vieles beeindruckt: Neue Blickwinkel, große Kompetenz, außergewöhnliche Dozenten, motivierte Studenten, engagierte Leiter, das findet man keineswegs an jeder Straßenecke. Davon überzeugen kann man sich auch dieses Jahr noch bei der Präsentation der Projekte.

Foto: Klemens Ilse

Foto: Klemens Ilse

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

Erstellt: 17.07. 2013 | Bearbeitet: 17.03. 2014 18:05