Okt 2013 hastuPAUSE Nr. 50 0

Fluch oder Segen?

Der Erfolg der Twilight-Reihe war gigantisch. Die Romane von Stephenie Meyer haben, genau wie die Verfilmungen, polarisiert. Twilight – Fluch oder Segen? Martin und Tobias machen sich darüber Gedanken.

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Tobias: Der Vampir hat ja ursprünglich eine grausam-gruselige Aura. Mittlerweile treten Vampire aber immer häufiger positiv konnotiert auf, auch bei Stephenie Meyer ist Edwards Familie ja sehr edel und menschenfreundlich. Erleben wir eine Art Weichspülung des Vampir-Typus?

Martin: Ich glaube, die meisten Leute stören sich eher daran, dass Edward sich selbst als verachtenswertes Monster ansieht, während der normale Vampir sein Schicksal annehmen soll. Die Leute wollen Vampire als kaltblütige Monster sehen, nicht als Menschen. Ich persönlich weiß nicht, ob das so ganz richtig ist.

Tobias: Wenn die Leute das wollten, dürfte Twilight allerdings nicht so erfolgreich sein, denn die Hauptcharaktere sind ja ganz eindeutig positiv besetzt. Aber dein Gedanke ist trotzdem nicht unzutreffend. Ich persönlich zum Beispiel habe mir als Reaktion auf den Twilight-Hype das alte Vampir-Original »Dracula« von 1897 besorgt. Ich wollte einfach einen echten, originalen Vampirroman lesen. Etwas Gruseliges, Böses eben. Den Roman kann ich übrigens nur empfehlen. Aber zurück zur Wirkung der Twilight-Vampire. Sind diese wirklich so positive Figuren?

Martin: Soweit sie nicht bloße Papp­aufsteller mit Namen sind, sind sie es nicht wirklich. Edwards Eltern sind nett, soweit sie überhaupt einen Charakter haben. Aber Edward selbst ist ein obsessiver Stalker und zwingt Bella seine Sicht der Dinge auf, was das gegenseitige Verhältnis angeht. Und Bella, die sich von ihm willig entmündigen lässt, ist auch nicht besser – sie hängt ihr Leben so sehr an den einen Mann, dass es schon wieder beunruhigend ist. Ich glaube nicht, dass sie dahingehend ein positiver Charakter ist.

Tobias: Also in mancherlei Hinsicht wirklich eher negative Figuren. Oder anders: Zumindest die Intention, welche hinter den Charakteren zu stehen scheint. Man fragt sich, ob hier nicht wirklich ein fragwürdiges Bild einer modernen Partnerschaft erweckt wird oder werden soll. Dazu kommt ja auch eine extrem konservative Moral. Keuschheit und sich sexuell »aufsparen« etwa. Dazu noch die religiösen Überzeugungen der Autorin als Mormonin, die laut ihrer Aussage großen Einfluss auf ihre Werke haben. Da kann man schon die eine oder andere kritische Frage stellen.

Andererseits muss man auch sagen, dass die Figurenkonzeption auch eine sehr typische ist. Es steht eine junge Frau zwischen zwei Männern, nach vielem Hin und Her finden sie sich schließlich. Solche Geschichten brauchen zuweilen erschwerende und moralische Komponenten. Das ist der Anspruch der Leser an ein solches Werk: möglichst viele Umwege, aber am Ende sollen sie sich schon kriegen.

Martin: Eine vorhersehbar turbulente Romanze – okay. Allerdings ist es für Teenager auch eine Frage der Notwendigkeit, dass man ihnen Momente der Entscheidungen bietet, denn mit denen müssen sie sich im echten Leben auseinandersetzen. Nicht alle Entscheidungen bleiben folgenlos oder gehen gut aus. Doch Bella kriegt immer, was sie will, und sie hat jede Menge Beschützer, die sich für sie aufopfern. Das bietet den Lesern bequemen Eskapismus – was zwar an sich nicht schlimm ist, aber auf Dauer auch fade, da es keine Konsequenzen gibt. Das ist vielleicht auch der Grund, warum es zu Twilight so viel Fanfiction (das heißt, von Fans geschriebene Geschichten zu einem Buch, Film oder Spiel) gibt.

Tobias: Diese vielen Fanfictions sind ohnehin ein spannender Punkt. Die Twilight-Reihe setzt unglaublich viel Kreativität frei. Menschen identifizieren sich mit der Handlung und versuchen selbst diese weiterzuspinnen. Es ist im Grunde die moderne Art des Märchenerzählens, jeder erfindet ein bisschen was dazu, und am Ende hat man mitunter eine ganz neue Geschichte. Wenn sich Menschen als Hobby so mit dem ­Schreiben als solchem auseinandersetzen, ist das ein sehr positiver Effekt, finde ich.

Es sind auch nicht nur Arbeiten von Fans, die an Twilight anknüpfen. Eine Freundin von mir, die Buchhändlerin ist, hat mir neulich erzählt, was für eine Welle an Neuerscheinungen mit Vampiren sich an den Erfolg von Twilight angeschlossen hat. Das Ganze hat wohl in Ansätzen fast Züge eines eigenen Genres. Das ist schon enorm und auch eine spannende Entwicklung.

Martin: Die Frage ist, ob es sich bei vielen dieser Arbeiten nicht nur um Auftragswerke handelt, die ein und dieselben Klischees bedienen. Ähnliches passiert ja auch im Bereich der High Fantasy. Da werden auch typische Archetypen bedient. Natürlich versuchen Autoren dafür, neue Akzente zu setzen, aber Innovationen treffen nicht immer jedermanns Geschmack. Im Fanfiction-Bereich ist das auch nicht anders –da erhalten Werke, die interessanter als das Original sind, oftmals keinerlei Kommentare.

Tobias: Das wiederum ist aber vielleicht für einen Bereich, der sich gerade neu entwickelt oder erfindet, ganz normal. Da ist vieles nicht gelungen, vieles wird nicht beachtet, aber die Weiterentwicklung ist das, was überdauert. »Shades of Grey« jedenfalls ist als Fanfiction von Twilight gestartet und hat dann selbst Erfolg gehabt. Wobei man da sicherlich wieder die Frage stellen könnte, ob das nicht eher ein schlechtes Zeichen ist und die Ausgangsfrage mit »Fluch« beantwortet werden müsste.
Insgesamt würde ich Twilight ambivalent sehen. Mir persönlich ist die ganze Handlung zu seicht, ich finde es aber gut, dass Bücher und Lesen über solche »Megaseller« wieder in den Fokus rücken. Was denkst du abschließend?

Martin: Insgesamt hat sich ein sehr breites Lager von Anti-Fans gebildet, die aus dem Buch noch mehr Nutzen ziehen als die echten Fans. Viele Leute haben die fragwürdigen Entscheidungen der Autorin für Comedy und Satire genutzt, und manchem Autoren ist beim Lesen sicherlich aufgegangen, wie er nicht schreiben sollte. Das kann man schon als positiven Effekt verbuchen.

Und was die echten Fans angeht, so hat einmal ein Kritiker gesagt, dass der Moment kommen wird, an dem sich die ganze Twilight-Geschichte als halb so schlimm herausstellen wird. Die Fans werden heranwachsen und erkennen, dass das Buch die ganze Aufregung kaum wert war, und dann werden sie vielleicht mit Nostalgie und halber Scham darauf zurückblicken, wie auf alle dummen Entscheidungen, die man als Teenager gemacht hat. Das ist für mich ein Hoffnungsschimmer.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 14.10. 2013 | Bearbeitet: 12.10. 2013 23:16