Apr 2013 hastuINTERESSE Nr. 47 0

Eine Zeitreise ohne Zeit

Wrocław, Breslau, Blume Europas und Stadt der Begegnung – viele Namen, eine Geschichte. Die Hauptstadt des ehemaligen Schlesien und ihre Suche nach Identität.

»Verdrängungen und Aneignungen« war der Titel eines Übungsseminars, in dem sich eine Gruppe von Geschichtsstudenten unter der Leitung von Dr. Karsten Holste und Claudia Schneider mit der Stadtgeschichte Breslaus/Wrocławs auseinandersetzte. Ziel der gemeinsamen Freitage im Institut am Hohen Weg war die Erstellung einer historischen Stadtführung durch die polnische Oder-Metropole. Doch eine solche Führung ist mit vielen Fragen verbunden. Wie soll man so eine Tour gestalten? Wie hat sich die Stadt über die Jahrhunderte verändert? Welche Denkmäler erinnern noch an die reichhaltige, multinationale Geschichte der Stadt? Um sich bei der Beantwortung dieser Fragen nicht in chauvinistische Widersprüche zu verstricken, muss man weit über die normale Abspulung von Geschichtsdaten hinausgehen.

Erst zwei Jahrzehnte alt sind die Turmspitzen des Breslauer Doms.

Erst zwei Jahrzehnte alt sind die Turmspitzen des Breslauer Doms.
Foto: praccus (Flickr, CC BY-NC-SA 2.0, Link unter dem Artikel)

»Wer einen einzigen Ort sucht, an dem sich das ganze Drama Europas im 20. Jahrhundert verdichtet erfahren lässt, der findet ihn in dieser Stadt«, schrieb Gregor Thum 2003 in seinem Buch über die Stadt an der Oder. Breslaus Geschichte liest sich wie ein Panoptikum aller Länder Mitteleuropas: Der Legende nach von dem böhmischen Herzog Vratislav I. gegründet und vom polnischen Fürsten Bolesław Chrobry zum Bistum erhoben, wurden Stadt und Land 1249 ein unabhängiges Herzogtum, das aber ab 1335 durch Erbschaft zunächst an das böhmische Königshaus fiel, ab 1526 von den Habsburgern beherrscht wurde und schließlich nach einer Reihe von Kriegen und Teilung 1741 an die Preußen fiel. Von da an war die Stadt 200 Jahre lang deutsches Herrschaftsgebiet, was sich auch in den Einwohnerzahlen niederschlug: 1910 sprachen etwa 95 Prozent der Bevölkerung Deutsch, während nicht einmal 3 Prozent Polnisch sprachen. Dann kam der Zweite Weltkrieg mit seinen Verheerungen, und Breslau geriet in den sich verschiebenden Frontverlauf hinein. 1944 wurde es zur Festung erklärt und in den Kämpfen zwischen deutschen und russischen Truppen so massiv zerstört, dass viele Einwohner Breslaus, die nach dem Krieg dorthin zurückkamen, es kaum erkannten. Zeitgleich wurden in der Potsdamer Konferenz die Grenzen Polens neu bestimmt, da Josef Stalin nicht auf die im Krieg eroberten Ostgebiete verzichten wollte. Die Folge war ein massenhafter Bevölkerungsaustausch, bei dem Vertriebene aus dem Osten Polens nach Breslau umsiedeln mussten, in eine Stadt, mit der sie nichts verband.

Als die Flüchtlinge 1945 in die Stadt kamen, hatte der Ort eigentlich nicht mehr viel von seiner polnischen Stadtgeschichte vorzuzeigen. Die Dominsel mit ihren vielen Kirchen war massiv zerstört worden, die Martinikapelle als letzter Überrest der polnischen Burganlage zu drei Vierteln eingestürzt. Die Stadtgeschichte war über 200 Jahre lang von Deutschen geschrieben worden, die in einer Zeit des aggressiven Nationalismus den Ort kulturell dominiert hatten.

Die polnische Regierung sah sich in der Verpflichtung, den Spieß umzudrehen und eine »urpolnische« Stadt zu kreieren, mit einer durchgängig polnischen Tradition, an die die neuen Bewohner anknüpfen konnten – und begann damit an den Gebäuden. Emil Kaliski, der den Wiederaufbau der Altstadt leitete, bezeichnete sie als »polnische Geburtsurkunde« der Stadt. Der zugrunde liegende Stil war dabei die Gotik, denn Gotik bedeutete Mittelalter, und das wiederum bedeutete ein polnisches Herrscherhaus – ganz unabhängig davon, ob deren Dynastie noch mit der Errichtung gotischer Gebäude zu tun hatte oder nicht. Also machte man sich auf die Suche nach gotischen Turmspitzen und Satteldächern. Der Dom, eigentlich im Laufe der Jahrhunderte durch eine barocke Innenausstattung modernisiert, wurde wiederaufgebaut mit einem dezidiert gotischen Altar, der sich in einer Museumssammlung gefunden hatte. Die hohen gotischen Turmhelme, die heute die beiden Türme zieren, kamen allerdings erst 1991 hinzu – auch sie ein Produkt einer Regotisierung, die nicht wirklich auf Authentizität zielte, hatte es doch in Zeiten der Gotik nie zwei Türme mit solchen Spitzen gegeben. Die Stadtplanung musste mit dem arbeiten, was sie hatte.

Die Nadel (Iglica) vor der Jahrhunderthalle.

Die Nadel (Iglica) vor der Jahrhunderthalle.
Foto: Rafał Komorowski / PetrusSilesius (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, Link unter dem Artikel)

Weniger liebevoll ging man bei der Restaurierung preußischer Gebäude vor. Der Wiederaufbauminister Kaczorowski verkündete 1947, es ginge auch darum, »die uns fremden Relikte der deutschen Kultur zu beseitigen.« Die Erinnerung an die ungeliebten Fremdherrscher und den Jahrhunderte alten Ost-West-Konflikt waren noch immer zu präsent. Die Wahrheit aber war, dass besagte Gebäude immer noch standen und gebraucht wurden. So auch die »Jahrhunderthalle« im Osten der Stadt, die im Jahr 1913 zum 100. Jahrestag der Befreiungskriege gegen Napoleon gebaut worden und in einer gigantischen, nationalistisch-pompösen Einweihungsfeier abgesegnet worden war. Niemand, weder die polnische Regierung und noch weniger die neuen Stadtbewohner, mochte diesen klotzigen Stahlbau, und doch schien er für die Massenveranstaltungen des kommunistischen Staates hervorragend geeignet zu sein. Also versuchte ihn die Regierung umzudeuten und nannte ihn Hala Ludowa, »Volkshalle«. 1948 wurde hier die »Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete« ausgerichtet – eine offizielle Propagandaveranstaltung, welche die Polen mit ihrer Stadt aussöhnen sollte. Dabei wurde auch eine 100 Meter hohe Stahlnadel vor der Halle aufgezogen, die ein Symbol für die Arbeitskraft und den Zukunftswillen der polnischen Arbeiter darstellte. Die Ausstellung wurde ein großer Erfolg, und die Stahlnadel wurde ein so großer Hit, dass sie in vielen Reiseführern über die Halle gestellt wurde. Diese schien irgendwie nur noch ein Mittel zum Zweck zu sein. Noch heute, da die Halle genau 100 Jahre alt wird und längst zum Weltkulturerbe geworden ist, weiß niemand so recht, ob er sich über ihr Dasein freuen soll. Denn wofür steht sie heute? Ist sie noch immer ein Symbol für die Befreiungskriege? Die leitende Kunsthistorikern der Wrocławer Universität, Prof. Agnieszka Zabłocka-Kos, drückt es folgendermaßen aus: »Die Polen mögen Napoleon, der Sieg über ihn war keine Befreiung für uns. Also, was sollen wir feiern?«

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bereitet noch heute Kopfzerbrechen, zu einer Zeit, da die Postmoderne in Wrocław Einzug hält und auch die preußische Geschichte der Stadt langsam anerkannt wird. Die polnische Republik hat einen Platz in der Europäischen Gemeinschaft bekommen, und Wrocławs Rolle in dieser neuen Welt steht noch nicht ganz fest. Im Jahr 2012 war sie einer der Austragungsorte der Fußball-Europameisterschaft, 2016 wird sie eine der Kulturhauptstädte Europas sein. Papst Johannes Paul II. hat der Stadt anlässlich seines Besuchs im Jahr 1997 den Namen »Stadt der Begegnung« gegeben. Kann das für ihre Einwohner auch eine Begegnung mit der Geschichte bedeuten – mit ihren verschlungenen Wegen, mit Versuchen und Fehlschlägen, sprich: mit ihrer Vergänglichkeit?

Literaturvorschläge:

  • Davies, Norman / Moorhouse, Roger: Die Blume Europas. Breslau – Wrocław – Vratislavia. Die Geschichte einer mitteleuropäischen Stadt.
  • Thum, Gregor: Die fremde Stadt. Breslau 1945.

Link zum Originalfoto des Breslauer Doms
Link zum Originalfoto von Iglica und Jahrhunderthalle

Über Martin Wohlgefahrt

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Erstellt: 29.04. 2013 | Bearbeitet: 29.04. 2013 18:58